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Schwangerschaft

27.12.2013

Der Mutterleib: Kein „erlebnisleerer“ Raum

Im Mutterleib entwickelt das Ungeborene nach und nach seine Sinne. Die Ohren etwa vermitteln ihnen eine ganze Palette von Eindrücken.
Bild: Felix Heyder dpa/lnw

Schon im Mutterleib ist einiges los. Das Ungeborene entwickelt seine Sinne und registriert eine ganze Menge – von der Hand des Vaters auf dem Bauch bis zu Musik.

Wenn das Lieblingslied ihrer Mutter läuft, beginnt Pauline fröhlich zu strampeln, sie drückt sich an Papas Hand, wenn er über Mamas Bauch streichelt. Anders als früher wird der Uterus heute nicht mehr als abgeschirmter, erlebnisleerer Raum betrachtet. Und man weiß, dass ein Ungeborenes weit mehr ist als ein passiver Passagier. „Wir sind schon im Mutterleib erlebende, fühlende Wesen und fähig, Sinnesreize aus unserer Umgebung aufzunehmen und zu verarbeiten“, erklärt der Heidelberger Psychotherapeut Dr. Ludwig Janus, Past-Präsident der Internationalen Studiengemeinschaft für Pränatale und Perinatale Psychologie und Medizin.

Doch wie muss man sich das vorstellen? Wann geht der Mensch „auf Empfang“ und welche Reize dringen über welche Kanäle zu ihm vor? „Es ist natürlich nicht so, dass man von der Stunde null an voll wahrnehmungsfähig ist. Dazu müssen sich erst Gehirn, Nervensystem und Sinnesorgane ausbilden, und das passiert nach und nach, in einem Prozess, der mit der dritten Woche nach der Empfängnis beginnt und erst nach der Geburt endet“, sagt Professor Klaus Vetter, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin.

Das Ungeborene spürt Berührungen von außen

Der Sinn, der als erster erwacht, ist der Tastsinn: Schon ab der achten Schwangerschaftswoche beginnt das Ungeborene, taktile Reize wie ein Entlangstreifen der Nabelschnur an seiner Haut zu spüren und ertastet seine Umgebung, wie man im Ultraschall sehen kann, später auch aktiv, indem es sich etwa an die Plazenta „kuschelt“. Bemerkt werden auch Berührungen von draußen. „Die Kleinen spüren, wenn Mutter oder Vater die Hand auf den Bauch legen oder sie mit sanftem Druck stimulieren“, sagt Professor Franz Kainer von der Arbeitsgruppe für Perinatale Neurologie.

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Auf den Tast- folgt der Geschmackssinn. Er beginnt zu reifen, sobald ab Woche 13 erste Schmeckknospen entstehen und das Baby anfängt, Fruchtwasser zu trinken. Da das Aroma der Flüssigkeit davon abhängt, was ihre Mutter zu sich nimmt, lernen die Kleinen durch sie vor der Geburt verschiedenste Geschmäcker kennen: Grundlegende wie süß oder salzig und je nach Mamas Essgewohnheiten auch diverse andere. Dieser „Fruchtwassercocktail“ prägt ihre späteren Nahrungsvorlieben. So haben Studien etwa gezeigt, dass Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft viel Knoblauch essen, das Gewürz von klein auf mögen.

Die Nase spielt eine wichtige Rolle

Analog zum Schmecken entwickelt sich das Riechen. Dieser Sinn kommt im Mutterleib zwar noch nicht zum Einsatz, da die Nase in flüssiger Umgebung nicht „funktioniert“, spielt aber gleich nach der Geburt eine wichtige Rolle: Dann nämlich hilft er dem Neugeborenen, seine Mutter zu erkennen und den Weg zu ihren Brustwarzen zu finden. Diese „Geruchsnavigation“, die offenbar deshalb glückt, weil das Aroma von Muttermilch und Fruchtwasser sich ähneln, wurde durch Versuche nachgewiesen, in denen Babys einer durch Waschen mit Seife geruchsneutral gemachten Brust stets eine ungewaschene vorzogen.

Bleiben die beiden Fernsinne des Menschen – also Sehen und Hören. Ersterer ist, wie Perinatalmediziner Kainer erklärt, zur Hälfte der Schwangerschaft schon fast komplett entwickelt. „In der 16. Woche sind die Augen ausgebildet und beginnen sich zu bewegen und etwa ab der 25. sind sie voll funktionstüchtig und das Baby öffnet sie in Wachzeiten“, sagt er. Da ihre Sehschärfe noch stark eingeschränkt ist und es im Uterus relativ dunkel ist, nehmen Ungeborene aber wohl vor allem Hell-Dunkel-Unterschiede wahr.

Ihre Ohren eröffnen den Ungeborenen hingegen eine ganze Palette von Sinneseindrücken. Sobald sie auf Empfang stehen, was etwa in der 17. Woche der Fall ist, nimmt der Winzling zunächst all das wahr, was in Mamas Körper erklingt. Den Schlag ihres Herzens, das Rauschen ihres Blutes oder das Rumoren von Magen und Darm. Diese Geräuschkulisse kann bis zu 80 Dezibel erreichen und wird eine Weile von nichts durchdrungen.

Irgendwann landen aber auch Außengeräusche im Föten-Ohr. Erst die mütterliche Stimme, die über die Knochen geleitet und verstärkt wird, dann auch andere Stimmen, Musik und Alltagsklänge. „Dass all das in den Uterus durchdringt, hat man über Mikrofone herausgefunden, die man dort postierte. Allerdings sind nicht alle Frequenzen hörbar und die Klänge kommen gedämpft und leicht verzerrt an“, erklärt Vetter.

Unabhängig davon nehmen die Kinder die akustischen Reize eindeutig wahr. Zu erkennen ist das anhand ihrer Reaktion – sie strampeln zum Beispiel aufgeregt, wenn es laut knallt, und entspannen sich bei sanfter Musik – aber auch daran, dass sie auditive Lerneffekte zeigen. „Im letzten Schwangerschaftsdrittel haben Föten nicht nur einen voll funktionstüchtigen Gehörsinn, sondern können das Gehörte auch abspeichern“, weiß Kainer. Infolgedessen können sie vertraute Stimmen, wie die ihrer Mutter von Anfang an klar identifizieren. Außerdem sind sie fähig ihre Muttersprache von Fremdsprachen zu unterscheiden und erinnern sich an Musikstücke, die sie im Mutterleib oft gehört haben. Diese beeindruckenden Fähigkeiten wurden bereits in zahlreichen Studien belegt. Wie jener der Universität Helsinki, in der man Babys, denen man vor der Geburt wiederholt „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ vorgespielt hatte, mit dem Lied konfrontierte und anhand ihrer Hirnströme feststellte, dass sie es erkannten.

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