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Medizin

28.01.2017

Diagnose ADHS: Von wegen Zappel-Philipp

ADS steht für die Aufmerksamkeits-Defizit-Störung. Bei ADHS kommen Impulsivität und Hyperaktivität, also ein Bewegungsdrang dazu.
Bild: WoGi - Fotolia

Jona ist ein kluger Junge, doch in der Schule und im Verein eckt er ständig an. Dann entschließen sich seine Eltern, zum Arzt zu gehen und ihm Medikamente zu geben. Seitdem hat sich ihr Leben verändert.

Jona sitzt im Auto und schreit. Eigentlich hätte es für den Neunjährigen und seine Familie ein schöner Tag werden sollen. Seine Eltern und seine jüngere Schwester wollten mit ihm klettern gehen. Doch Jona ist außer sich, wie so oft in letzter Zeit. Er hat den ganzen Nachmittag gebrüllt, die Türen zugeknallt, um sich geschlagen. Aus Wut, Trauer, Verzweiflung, genau weiß man es nicht. Im Auto auf dem Parkplatz vor der Kletterhalle sagt er etwas, was seine Mutter noch heute, ein Jahr später, fast nicht über die Lippen bekommt: „Ich will nicht auf der Welt sein. Ich störe doch nur und mache alles kaputt.“

Seine Mutter, Maria Mann, erzählt von diesem Tag. „Es war ein Dolchstoß“, sagt sie. Sie hat damals gar nichts mehr verstanden. Jona wurde immer schwieriger, tat sich in der Schule schwer, fand nur mit Hilfe Freunde. Dabei konnte er schon mit knapp zwei Jahren zwei Puzzle parallel zusammensetzen, war intelligent und humorvoll, nur ein bisschen stiller als andere Kinder.

Kinder mit ADHS können sich schlecht konzentrieren

Nach diesem Nachmittag beschließt sie endgültig, mit ihrem Sohn zum Arzt zu gehen. Inzwischen ist Jona zehn, geht in die vierte Klasse, möchte bald aufs Gymnasium wechseln. Seine Mutter sagt: „Wir schauen mal.“ Denn sie weiß nun, warum Jona so häufig ausgerastet ist, warum es ihm so schwerfällt, sich auf eine Sache zu konzentrieren, warum er Alltägliches immer wieder vergisst: Der Bub hat eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, besser bekannt als ADHS.

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Die Störung ist eine der am häufigsten diagnostizierten psychischen Krankheiten bei Kindern. Etwa fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen drei und 17 Jahren sind betroffen. Gut 40 Prozent von ihnen werden mit Medikamenten behandelt. So wie Jona. Seine Eltern haben sich entschieden, ihm Medikamente mit Methylphenidat zu geben. Dem Wirkstoff, der auch in Ritalin enthalten ist.

Leicht fiel ihnen die Entscheidung nicht. „Davor haben wir alles andere ausprobiert, Homöopathie, Osteopathie und Konzentrationstrainings“, sagt Mann. Bis heute überlegt sie jeden Morgen, ob sie ihrem Sohn wirklich ein Medikament geben muss, das unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. „Aber wir wollen nicht, dass Jona wieder verzweifelt, es ihm schlecht geht. Wo er endlich Anschluss gefunden hat.“

Über die Krankheit und das Medikament wird viel diskutiert. Einer der bekanntesten deutschen Kritiker ist der ehemalige Professor für Hirnforschung und Neurobiologie, Gerald Hüther. Sein Vorwurf: Eltern, Lehrer und Ärzte machten es sich bequem, indem sie Medikamente verschreiben. ADHS sei eine Modediagnose. Solche Äußerungen kennt auch Jonas Mutter. Deshalb möchte sie ihren echten Namen lieber für sich behalten. Auch Jona heißt eigentlich anders.

Susanne Holtz-Joas kann solche Vorwürfe nicht verstehen. Sie ist Allgemeinärztin und Psychotherapeutin in Hofstetten im Landkreis Landsberg am Lech. Seit 25 Jahren ist sie schon in dem Beruf tätig. Vor etwa zehn Jahren, als das Thema ADHS immer bekannter wurde, hat sie zusammen mit Lehrern, Therapeuten und Kinderärzten ein berufliches Netzwerk zum Thema gegründet. Und sie hat eine Selbsthilfegruppe für Betroffene aufgebaut.

Beim Wort „Modediagnose“ zuckt sie zusammen. „ADHS gab es schon immer“, meint die Ärztin. Dennoch ist die Zahl der betroffenen Kinder in den vergangenen zehn Jahren von 2,5 auf 4,9 Prozent gestiegen. Das zeigt eine Untersuchung der AOK. Ähnlich rasant ist auch die Anzahl derer gewachsen, die Methylphenidat verschrieben bekommen. Holtz-Joas weiß das und sagt: „Das liegt daran, dass auch das Wissen um die Krankheit gewachsen ist. Wenn mehr Ärzte etwas kennen, können es auch mehr Ärzte feststellen.“

ADHS verschwindet bei Betroffenen, wenn sie älter werden

Ein Beweis dafür ist Theo Kornder. Der 57-Jährige hat ebenfalls ADHS, davon erfahren hat er erst mit Anfang 40. „Früher hat man gesagt: Der mag sich halt nicht so gerne anstrengen“, erinnert er sich. Als bei einem seiner Söhne eine Aufmerksamkeitsstörung festgestellt wurde, kam er ins Grübeln und hinterfragte seinen Lebenslauf. „Plötzlich hat vieles einen Sinn ergeben“, sagt er. Auch er nimmt Methylphenidat. Denn die Krankheit verschwindet nicht, wenn man älter wird. „Viele Patienten leiden ein Leben lang unter den Symptomen“, sagt Holtz-Joas.

„Ich bin normalerweise recht flattrig, mache viele Dinge gleichzeitig. Mit dem Medikament kann ich mich besser fokussieren“, erzählt Kornder. Dennoch müsse er einmal am Tag Sport machen, brauche Strategien, um sich Dinge zu merken. Oder er lässt manches ganz. Seit Kurzem hat er zum ersten Mal eine EC-Karte. „Zuvor war mir das zu riskant. Ich hatte Angst, sie zu verlieren und die Geheimzahl kann ich mir schlecht merken“, sagt der Sozialpädagoge.

Dass die Krankheit erst so spät festgestellt wird, ist gar nicht so ungewöhnlich, sagt Susanne Holtz-Joas. Meistens werden Kinder aber dann auffällig, wenn sie eingeschult werden. „Die Kleinen kommen mit einer Schultüte voller Hoffnungen in die erste Klasse und sind zu Beginn der Weihnachtsferien völlig frustriert.“ So war es auch bei Jona.

Obwohl seine Klassenlehrerin gemerkt hat, dass Jona anders ist, kommt der Bub nicht richtig klar. „Es war, als sei er aus unserem Sonnensystem in ein anderes Universum versetzt worden“, erzählt seine Mutter. Regeln, die er bis dahin kannte, gelten nicht mehr. Ständig bekommen die Eltern Beschwerden aus Jonas Umfeld, aus der Schule, von Klassenkameraden und deren Eltern. Das Telefon hört nicht auf zu klingeln.

Im Sportverein läuft es ähnlich: Jona darf nie mitspielen. Während der Trainer Dinge erklärt, schlägt er Purzelbäume. Auf Bitten seiner Eltern setzt ihn der Trainer doch einmal ein, lobt den Buben nach dem Spiel sogar. Jona ist trotzdem enttäuscht. „Der Co-Trainer hat ihm gesagt, er solle sich überlegen, lieber einen anderen Sport zu suchen. Schließlich langweile er sich meist nur und passe offensichtlich nicht auf“, erinnert sich Mann. Jona weigert sich danach, zum Training zu gehen. Als seine Mutter ihn in den Turnverein schickt, endet es ähnlich. Das ist typisch für ADHS-Kinder, erklärt, der Kinder- und Jugendpsychiater Frank Beer. Sie finden keinen Anschluss, ecken an.

Jona merkt, dass er anders ist. Er zieht sich zurück, verlässt kaum noch das Haus. Genau dann wird aus der Diagnose ADHS ein psychisches Problem, das behandelt werden muss, sagt Beer. „Es hängt damit zusammen, ob bei den Kindern und Eltern ein Leidensdruck entsteht“, sagt er. „Die Kinder merken, dass ihr Verhalten nicht der Norm entspricht. Sie werden viel geschimpft und ihre Impulsivität erschwert ihnen den Kontakt zu Gleichaltrigen. Das alles schadet ihrem Selbstwertgefühl.“

Kinder mit ADHS brauchen intensive Förderung

Theo Kornder kennt das. In der Schulzeit schafft er es zunächst ganz knapp aufs Gymnasium. Aber nur, weil seine Oma jeden Nachmittag mit ihm Hausaufgaben macht. „Irgendwann hieß es: Der ist alt genug, der muss das alleine können“, erinnert er sich. Von da an geht es bergab. Er wiederholt erst eine Klasse, kommt vom Gymnasium auf die Fachoberschule, schafft das Abitur aber nicht. Stattdessen fängt er an zu jobben.

„Ich habe mich immer gefragt, was mal aus mir werden soll, wie ich es zu etwas bringen soll.“ Dann hat er Glück, trifft auf seinen künftigen Schwiegervater, der an ihn glaubt und ihm hilft, das Fachabitur nachzuholen. Kornder studiert und wird Sozialpädagoge. Aber ohne diese Hilfe?

„Viele Jugendliche werden abhängig“, sagt die Ärztin Susanne Holtz-Joas. „Sie trinken, rauchen oder kiffen, um innerlich zur Ruhe zu kommen. Es gibt eindeutige Belege, dass ein Abgleiten in eine Sucht durch die Medikation verhindert wird.“ Kornder ist froh, dass es bei ihm so kam. Und er ist froh über die Diagnose. „Hätte ich die Medikamente nicht bekommen, wäre ich irgendwann vor Erschöpfung in eine Krise gerutscht“, vermutet er. „Ich vergleiche das immer mit einem Schuh. Ohne Methylphenidat ist der Schuh offen, man kann laufen, aber es ist mühsam. Mit Methylphenidat sitzt der Schuh.“

Auch Jona verträgt die Medikamente gut. Verändert habe er sich nicht, sagt seine Mutter. Ob er selbst etwas bemerkt? „Ich habe ihn gefragt, da hat er geantwortet, dass ihm nur auffalle, dass er weniger geschimpft werde.“ Doch etwas Entscheidendes ist anders: Der Druck ist von der Familie und vor allem von Jona abgefallen.

„Meine Tochter hat zu mir gesagt: Mama, ich will auch mal wieder was mit dir machen, aber du bist immer mit Jona beschäftigt“, erinnert sie sich. Dazu kamen die ständigen Zweifel, etwas falsch gemacht zu haben. „Jetzt weiß ich, es liegt nicht an uns und es liegt nicht an ihm. Es ist ein Defekt, den man nicht wegerziehen kann.“

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