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Ebola

11.04.2015

Ebola: Entwicklungsminister Müller gibt Fehler zu

Der Ebola-Ausbruch hat 10.000 Menschen das Leben gekostet. Die Bundesminister Gerd Müller und Hermann Gröhe besuchen das Kriesengebiet.
Bild: Kay Nietfeld (dpa)

Seit einem Jahr wütet das Ebola-Virus in Westafrika. Bei einem Besuch in dem Gebiet gibt Entwicklungsminister Gerd Müller zu: Die Gefahr wurde unterschätzt.

Ein Händeschütteln zur Begrüßung? Gibt’s nicht mehr. Eine Umarmung gar? Abgeschafft. Und das in Afrika, wo man Freunde und Fremde immer und überall herzlich und mit engem Körperkontakt begrüßt. Stattdessen nur ein Schulterklopfen. Oder der „Ebola Shake“ – ein kurzes Aneinanderstupsen der abgewinkelten rechten Ellenbogen.

Das Leben in Liberia, einem der drei westafrikanischen Länder, in denen die Seuche seit mehr als einem Jahr am heftigsten gewütet hatte, hat sich verändert. Es gibt keine Behörde, vor der nicht ein Wächter mit einem Fieberthermometer elektronisch die Stirn des Besuchers scannt, bevor dieser hinein darf. Und man findet kaum ein Geschäft, vor dem man nicht erst in eine Wanne mit Chlorlösung steigen oder sich die Hände desinfizieren muss, bevor ein Aufpasser den Kunden durchwinkt. „Ebola is real“ steht auf riesigen Plakaten überall in der Stadt. Ja, Ebola ist überall.

Der 24. Ebola-Ausbruch endete mit 10.000 Toten

Auch Politikern wird in Liberia die Temperatur gemessen. Und auch Politiker werden nicht mehr per Handschlag begrüßt – selbst wenn sie aus dem Ausland kommen und viel Geld dabei haben. Entwicklungshilfeminister Gerd Müller aus Kempten und sein Kollege aus dem Gesundheitsressort, Hermann Gröhe, waren vier Tage lang in Ghana und Liberia unterwegs, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Sie sind die ersten Bundesminister im Ebola-Gebiet. Und sie wollen mit diesem Besuch ein Zeichen setzen, wie Müller im Telefongespräch mit unserer Zeitung sagt: „Auch wenn sich die Scheinwerfer der Welt von Westafrika abwenden, dürfen wir die Region nicht alleine lassen.“

Dabei hat es lange gedauert, bis Deutschland und der Rest der Welt auf die Hilferufe aus Afrika reagiert haben. „Alle kamen zu spät“, sagt der Ebola-Beauftragte der Bundesregierung, Walter Lindner, „außer den Ärzten ohne Grenzen.“ Die Hilfsorganisation war schon Jahre vor Ort, sie mahnte und warnte, monatelang. Und keiner hörte hin.

Bis März vergangenen Jahres hatte es 22 kleinere Ebola-Ausbrüche gegeben, offenbar ohne nennenswerte Folgen. Da konnte niemand ahnen, dass der 24. Ausbruch in eine Katastrophe mit mindestens 10 000 Toten führen würde. Auch war die Welt im Mai, Juni und Juli 2014 abgelenkt: durch die Konflikte im Gaza-Streifen, in der Ukraine und im Irak. Erst nach einem aufrüttelnden Brief von Liberias Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf im September an Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Deutschland reagiert. Ihr Land stehe vor dem Kollaps, schrieb Ellen Johnson Sirleaf damals. Und: „Ohne mehr direkte Hilfe Ihrer Regierung werden wir die Schlacht verlieren.“

Müller: "Die Dimension wurde unterschätzt."

„Ja“, gibt Minister Müller heute zu, „die Dimension wurde unterschätzt.“ Von den lokalen Behörden in den betroffenen Ländern, die natürlich nur ungern zugeben, dass sie die Kontrolle über eine Epidemie verloren haben. Vor allem aber von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die lange gezögert hat, bis sie meldete, dass das tödliche Fieber außer Kontrolle ist.

„Aus diesen Fehlern müssen wir lernen“, betont Müller. Heißt: Neue, schnellere Strukturen schaffen, unter anderem durch eine bessere Zusammenarbeit internationaler Hilfsorganisationen und den Aufbau einer deutschen „Weißhelm-Truppe“ aus Ärzten, Technikern und weiteren Spezialisten.

Anfang Juni werden Ebola und die Konsequenzen, die man daraus ziehen muss, Thema beim G-7-Gipfel auf Schloss Elmau sein. „Wir werden die internationalen Geber bitten, ein Entwicklungskonzept für Afrika aufzulegen“, sagt Müller. Eine Strategie also, mit der – auch jenseits einer Krise – alle Staaten zusammen die Selbstheilungskräfte des an sich reichen Kontinents stärken können. Das hat der Entwicklungshilfeminister gestern mit Liberias Staatspräsidentin Ellen Johnson Sirleaf besprochen. Denn Afrika, sagt er, „hat große Potenziale und Ressourcen, die allerdings nur ausgebeutet werden“.

Die Zeltklinik in Monrovia dient als Sichtungsstelle für Infektionskrankheiten

Deutschland hat bislang 195 Millionen Euro zur Ebola-Bekämpfung beigetragen. Unter anderem mit einer Zeltklinik in Liberias Hauptstadt Monrovia, die das Deutsche Rote Kreuz zusammen mit der Bundeswehr aufgebaut hat. Seit Dezember 2014 ist die Krankenstation in Betrieb, als eine Art Sichtungsstelle für schwere Infektionskrankheiten, wie Regine Reim erzählt. Also für alle Krankheiten „mit komischen Symptomen“, wie sie sagt.

Die 46-Jährige aus der Eifel, deren Familie aus Nördlingen stammt, hat fünf Wochen lang als Freiwillige in dem Not-Krankenhaus gearbeitet. Zusammen mit 25 internationalen Experten und 250 lokalen Helfern. 275 Leute also, die in drei Zelten maximal 25 Kranke betreuen. „Es hat tagsüber 38 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit“, erzählt Reim, die im normalen Leben Anwältin bei der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit ist.

Maximal eine Stunde hält man es in dem mit Klebebändern abgedichteten Schutzanzug aus Plastik aus, mit mehreren Lagen Handschuhen, Schutzbrille und Atemmaske. „Knöcheltief steht man dann in den Gummistiefeln im Wasser“, erzählt sie, „und hat eineinhalb Kilo Gewicht verloren.“ Ein wahnsinnig anstrengender Job, wie sie sagt. Doch ein sehr erfolgreicher.

Sie stehen auf der Liste der Todesursachen ganz oben. An Pneumonie sterben jährlich nahezu 4 Millionen Menschen, vorwiegend Kinder. Die Lungenentzündung ist damit trauriger Spitzenreiter der Krankheiten, die die meisten Todesopfer fordern.
10 Bilder
Die gefährlichsten Infektionskrankheiten der Welt
Bild: Archiv

Die Ebola-Neuerkrankungen sind weiter gesunken

Denn laut WHO ist die Zahl der Ebola-Neuansteckungen weiter gesunken – auf den niedrigsten Stand seit fast einem Jahr. Nach den Horrorzahlen vom September und Oktober, wo es pro Woche bis zu 10 000 neue Infektionen gegeben hat, eine fantastische Nachricht: Nur 30 neue Fälle wurden in Sierra Leone und Guinea in der vergangenen Woche registriert, in Liberia kein einziger. Dort ist der letzte Ebola-Kranke am 27. März gestorben. Heißt: Wenn kein neuer Infizierter hinzukommt, kann sich Liberia mit seinen 3,4 Millionen Einwohnern am 7. Mai für ebolafrei erklären. Dann wird Deutschland auch die Zeltklinik in Monrovia wieder abbauen und die Nothilfe beenden. „Wir sehen ein Ende des Tunnels“, betont Entwicklungshilfeminister Gerd Müller. Doch eine Entwarnung gibt es noch lange nicht. „Denn das Virus ist da“, sagt Müller, „und kann morgen an anderer Stelle wieder ausbrechen.“

Liberia hat das tödliche Virus im Griff, scheint es. Auch deshalb, weil in dem Land eine halbwegs funktionierende medizinische Grundstruktur vorhanden war. Anders in Guinea und Sierra Leone. Dort sind die ohnehin schwachen Gesundheitssysteme zusammengebrochen. Verschlimmert wird die Situation dadurch, dass sich über 800 Mitarbeiter des Gesundheitswesens selbst mit dem Virus angesteckt haben.

Müller plant langfristige Projekte in Afrika

Genau hier will Gerd Müller mit den 200 Millionen Euro Sonderhilfe, die er und sein Ministerkollege für die nächsten zwei Jahre mitgebracht haben, ansetzen. Müller nennt es „Gesundheitsprogramm für Afrika“: für Liberia, Guinea, Sierra Leone, aber auch für andere afrikanische Staaten. Er plant langfristige Projekte zum Aufbau einer Gesundheitsversorgung in den einzelnen Ländern, die Einrichtung von Testlabors, die medizinische Ausrüstung von Kliniken und Ausbildungsangebote für medizinisches Personal. „Vom Deutschen Roten Kreuz sind schon jetzt 3000 Helfer ausgebildet worden, die künftig von Dorf zu Dorf ziehen und die Menschen in Hygiene und Gesundheitsvorsorge schulen“, sagt Müller.

Liberia erholt sich langsam vom Schrecken des Virus, doch die Angst sitzt tief und die Wirtschaft liegt am Boden. Vor vier Wochen hat die Schule wieder begonnen, nachdem die Kinder fast ein Jahr zu Hause waren. „Auch auf den Dörfern kehrt wieder Normalität ein“, sagt Gerd Müller. Dort, wo es keine Krankenhäuser gibt. Wo man Infizierte zu Beginn der Epidemie panisch versteckte und Tote so beerdigte, wie es Tradition, Religion und Kultur verlangen: mit Umarmungen, Küssen und dem Waschen des Leichnams, den man dann im eigenen Garten vergräbt.

Das ist inzwischen vorbei, außerhalb von Monrovia liegt – mitten im Busch – der riesige neue Friedhof „Disco Hill“. Weit weg von der Grundwasserversorgung der Stadt. Dort werden die Ebola-Toten von Helfern in Schutzanzügen in doppelten Leichensäcken beerdigt.

Und jeder in Liberia weiß, wie man sich vor dem Virus schützen kann. Der junge Mann, der kürzlich in der Rot-Kreuz-Klinik in Monrovia zum Bewerbungsgespräch kam, trug – bei fast 40 Grad Tropenhitze – eine lange, schwarze Lederjacke. „Darin fühle ich mich einfach sicherer“, sagte er. Im Bus, wo es eng ist, und man zwangsläufig mit den Körpern der Mitfahrer in Kontakt kommt.

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