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Allergien

13.04.2015

Forschung in Augsburg: Das macht Pollen so aggressiv

Zum Leidwesen unzähliger Heuschnupfenpatienten macht der Klimawandel die Pollen aggressiver, erklärt ein Experte.
Bild: Arno Burgi, dpa

Die Umweltmedizin ist ein wichtiges Fach am Augsburger Klinikum. Am Lehrstuhl geht man auch der Frage nach, was Pollen aggressiv macht – und wie sich das auswirkt.

Umwelt ist ein extrem weiter Begriff. Entsprechend auch die Umweltmedizin. Was da nicht alles dazugehört! Schließlich geht es um Erkrankungen, die mit Umweltfaktoren in Verbindung gebracht werden. Und zu diesen Faktoren zählen nicht nur Schadstoffe in der Atemluft, Klima, Lärm oder UV-Licht. „Umwelt ist alles, was nicht wir selbst sind“, sagt Professor Claudia Traidl-Hoffmann. Genau genommen sei auch Typ-2-Diabetes „eine Umwelterkrankung“, erklärt sie. Denn die Zuckerkrankheit wird durch Überernährung und falsches Essen, also Einflüsse von außen, getriggert.

In einer umweltmedizinischen Ambulanz würde man das Leiden dennoch nicht behandeln, erläutert die Inhaberin des neuen Lehrstuhls für Umweltmedizin am Klinikum Augsburg und Chefärztin der Umweltmedizinischen Ambulanz des Großkrankenhauses, sondern an die Spezialisten der Inneren Medizin weiterverweisen. Die Ambulanz sei vielmehr Anlaufstelle für Menschen, die vermuten, dass die Umwelt sie in irgendeiner Weise krank macht – seien es Schimmelpilzsporen in der Wohnung, Elektrosmog, Feinstaub, Pollen in der Luft oder andere Schadstoffe an viel befahrenen Straßen.

Umweltmedizin ist ein Fach im Aufschwung

Dass die Umweltmedizin ein Fach im Aufschwung ist, mag verschiedene Gründe haben. Zum einen könne es sein, dass die Umwelt mit ihren vielfältigen Entwicklungen heute tatsächlich mehr krank macht als das früher der Fall gewesen ist. Schließlich hat sich unsere Umgebung, man denke nur an den Straßenverkehr, drastisch verändert. Möglich ist aber auch, dass die Menschen heute stärker auf derartige Einflüsse achten, dass ihre Wahrnehmung geschärft ist, sagt Traidl-Hoffmann. „Die Leute informieren sich, wenn sie zum Beispiel an einer Stromleitung leben.“ Wie auch immer: Schnelle Diagnosen sind keine Sache der Umweltmedizin, betont die Ärztin. Die Arbeit von Umweltmedizinern gleiche vielmehr einer Detektivarbeit.

Ein Schwerpunkt der Arbeit in Augsburg ist jene Grenzfläche zwischen Körper und Umwelt, an der sich viele Krankheiten abspielen: die Haut. Traidl-Hoffmann ist Dermatologin, und Dermatologie wiederum das Fach, das sich seit jeher auch mit der Allergologie – ebenfalls eine klassische Umwelterkrankung – beschäftigt. Haut und Allergologie stehen daher in Augsburg im Mittelpunkt. Ein Gebiet, auf dem Traidl-Hoffmann mit ihrem Team wichtige Grundlagenforschung leistet, deren Ergebnisse später den Patienten unmittelbar zugutekommen sollen.

"Klimawandel macht Pollen aggressiver"

„Es ist ein Alleinstellungsmerkmal von uns, dass wir Umweltfaktoren intensiv analysieren“, sagt die Professorin und nennt als Beispiel Untersuchungen, wie sich Pollen durch Umwelteinflüsse verändern. Zum Leidwesen unzähliger Heuschnupfenpatienten macht der Klimawandel die Pollen aggressiver, erklärt Traidl-Hoffmann, Erderwärmung und zunehmende Hitze sowie Umweltschadstoffe führten zu steigenden Ozonwerten – mit zweierlei Folgen. Zum einen wirke das Ozon direkt auf den Menschen und fördere bei ihm die Entstehung einer Allergie, zum anderen erhöhe es in den Pollen die Ausschüttung der Allergene, also der potenziell allergieauslösenden Eiweißstoffe. Und deren Aggressivität.

Derzeit läuft in Augsburg eine Studie, in deren Rahmen 40 Birken ausgewählt wurden. Der Standort dieser Bäume wird eingehend charakterisiert nach Luftfeuchte, Ozonwerten, Kohlendioxid in der Luft oder UV-Einstrahlung. Die Kätzchen der Bäume werden ausgeschüttelt, die Pollen gesammelt und ihre Wirkung im Labor an Zellsystemen oder auch an Mäusen untersucht. Parallel untersucht werden Probanden der Augsburger KORA-Studie, die in der Nähe der jeweiligen Birken wohnen. Leiden sie vermehrt unter Allergien, wenn eine Birke besonders aggressive Pollen abgibt? Das ist etwas, das die Wissenschaftler herausfinden wollen.

Zeigen konnten sie bereits, dass Substanzen, die die Pollen freisetzen, an menschliche Mediatoren binden – an Botenstoffe also, die im Organismus verschiedene Reaktionen auslösen. Normalerweise müsste der Körper eindringende Pollen tolerieren – denn Pollen sind an sich ja nicht gefährlich und zudem nahezu allgegenwärtig, sodass man ihnen kaum entkommen kann. Es gebe Mediatoren, die dem menschlichen Immunsystem sagen „toleriere mich“, so Traidl-Hoffmann. Aber diese Botschaft verstehe das Abwehrsystem eines Allergikers nicht.

Warum nicht? Das ist eine zentrale Frage, eine Frage, von der sich die Professorin wünscht, sie eines Tages beantworten zu können. „Wenn wir wissen, warum das Immunsystem die Nachricht nicht versteht, wissen wir, warum ein Allergiker allergisch ist“, sagt sie. Die genaue Analyse von Umweltfaktoren soll helfen, die abnormale Reaktion zu verstehen. Bisher läuft die Grundlagenforschung in München, doch ab Beginn des kommenden Jahres werden dafür neue Labors in Augsburg zur Verfügung stehen.

Weitverbreitete Hautkrankheit ist auch Schwerpunkt in Augsburg

Ebenfalls ein Schwerpunkt in Augsburg ist eine weitverbreitete Hautkrankheit, für die Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen: die Neurodermitis. Für das chronisch-entzündliche Leiden, das laut einigen Studien 20 bis 30 Prozent der Kinder und auch viele Erwachsene betrifft, gilt es, Ursachen und schützende Faktoren zu identifizieren, wie Traidl-Hoffmann berichtet. Wobei es sich bei Neurodermitis nicht um eine einzige, sondern verschiedene Krankheiten handle: Bei manchen Betroffenen steht sie in Verbindung mit ausgeprägten Allergien, bei anderen dagegen nicht.

Eine zentrale Rolle scheinen Bakterien auf der Haut zu spielen, so die Professorin. Auch in der Dermatologie wächst, ähnlich wie bei Gastroenterologen in Bezug auf den Darm, das Interesse an den Keimen, die die Haut besiedeln. Die Keimgemeinschaft nennt sich Mikrobiom; auch hierüber will man mehr erfahren, etwa, wie sie von der jeweiligen Umgebung (zum Beispiel beim Aufwachsen auf einem Bauernhof) beeinflusst wird. Allerdings sei die Untersuchung von Keimen auf der Haut weitaus schwieriger als von Keimen aus dem Darm, heißt es. Die Keime per Hautabstrich zu erfassen und zu untersuchen, sei sehr kompliziert, aber „wir sind auf einem guten Weg“, ist Traidl-Hoffmann zuversichtlich.

Die Grundlagenforschung ist die eine Seite, die Anwendung der Erkenntnisse am Patienten die andere. Das was in die Umweltambulanz auftaucht, ist „so bunt wie ein Strauß Blumen“, sagt die Chefärztin. Manche Leute kommen mit Hautverfärbungen, andere mit vermehrtem Haarausfall; manche glauben, dass Elektrosmog sie krank macht, andere, dass sie vergiftet werden. Für solche Fälle bietet die Umweltambulanz in Zusammenarbeit mit dem Institut für Laboratoriumsmedizin am Augsburger Klinikum ein Biomonitoring an – etwa die Untersuchung auf Schwermetalle oder Schadstoffe in Urin und Blut. Generell arbeitet die Umweltmedizin als klassisches „Querschnittsfach“ eng mit anderen Fachdisziplinen zusammen.

„Oberstes Ziel der Umweltmedizin ist Prävention“, unterstreicht Traidl-Hoffmann. Es geht darum, Risikofaktoren zu identifizieren und möglichst auszuschalten. Gerade, was Allergien angeht, die weite Teile der Bevölkerung betreffen: „Wir können nicht 40 Prozent der Menschen behandeln, wir müssen Allergien verhindern“, sagt Traidl-Hoffmann. Das eines Tages zu können, sei ihr Traum – und Ziel ihrer Forschungen.

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