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Gesundheit

07.08.2014

Keine Diät im Alter: Abnehmen führt oft zu gesundheitlichen Problemen

Alt und übergewichtig? Selbst, wenn das der Fall ist, sollte man nicht einfach auf eigene Faust eine Diät machen. Eine individuelle Beratung beim Arzt ist angemessen.
Bild: Symbolbild: Peter Endig (dpa)

Wer jenseits des 65. Lebensjahres abnehmen will, riskiert einen Muskelmasseverlust - Und der kann das Risiko für Stürze und Knochenbrüche erhöhen.

Übergewicht gilt allgemein als gesundheitsgefährdend. Doch trifft das auch noch auf ältere Menschen zu? Professor Cornelius Bollheimer forscht am Institut für Biomedizin des Alterns an der Universität Erlangen-Nürnberg zu dieser Frage.

Es heißt ja, die Deutschen würden immer dicker. Trifft das besonders auch auf ältere Menschen zu?

Bollheimer: Ja, es gibt einen generellen Trend zu einem höheren Body-Mass-Index (BMI), der sowohl jüngere als auch ältere Menschen betrifft. Die Frage ist nur, wie relevant ein Anstieg des BMI für den einzelnen ist – da gibt es für Jüngere, Menschen im mittleren Alter und Ältere einige Unterschiede.

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Gibt es denn ein Idealgewicht im Alter?

Bollheimer:  Nein. Wenn man ein Idealgewicht postulieren würde, würde es im oberen Bereich – bei einem BMI zwischen 24 und 29 – liegen. Das ist ein Gewicht für einen alten Menschen, mit dem er – zumindest statistisch gesehen – am ehesten gesund bleibt.

Ist der BMI überhaupt das richtige Instrument, um das Idealgewicht eines alten Menschen zu bestimmen?

Bollheimer:  Nicht, wenn man die normale Einteilung zugrunde legt: Bei Jüngeren gilt ja jemand mit einem BMI unter 18,5 als unterernährt, mit einem BMI über 25 als übergewichtig und mit einem BMI über 30 als fettsüchtig oder adipös. Früher hat man gedacht, dass diese Einteilung auch für ältere Menschen gilt. Aber dann kamen die Ergebnisse größerer epidemiologischer Studien, in denen man sich die Überlebenschancen der Menschen angeschaut hat – und da hat man erstaunlicherweise gesehen, dass ein BMI zwischen 25 und 30 kein Nachteil im Hinblick auf das Überleben ist, sofern man älter ist als 65 Jahre, sondern erst ein BMI ab 30. Unter bestimmten zusätzlichen Gegebenheiten (zum Beispiel schwere Herz- oder Nierenerkrankung, Pflegebedürftigkeit) bietet Übergewicht und Adipositas statistisch gesehen im Alter sogar einen Überlebensvorteil; das nennt man „obesity paradox“. Als grober Anhaltspunkt ist der BMI in Ordnung; die Konsequenzen, die man daraus zieht, sind allerdings je nach Alter unterschiedlich. Der Grundsatz „je schlanker desto besser“ gilt im Alter nicht mehr.

Spielt der Taillenumfang als Maß für Übergewichtigkeit bei alten Menschen eine Rolle?

Bollheimer: Nein, er hat im Alter wegen seiner Fehleranfälligkeit kaum eine Bedeutung. Zum Beispiel kann bei älteren Menschen die Wirbelsäule aufgrund einer Osteoporose zusammensacken und der Bauchumfang nimmt dadurch zu.

Was würden Sie also einem älteren Menschen raten, der mit einem BMI von 28 zu Ihnen kommt?

Bollheimer: Ich würde generell eher von einer Gewichtsabnahme abraten. Im Einzelfall müsste man jedoch unterscheiden, ob es ein Mensch ist, der noch mitten im Leben steht oder einer, der schon gebrechlich ist. Im Falle einer Gebrechlichkeit würde ich definitiv nicht zum Abnehmen raten. Wenn derjenige dagegen noch aktiv ist, sollte er allenfalls langsam und geringfügig abnehmen bei gleichzeitiger sportlicher Aktivität. Zusammengenommen ist die Frage nach Gewichtsabnahme im Alter immer nur individuell zu beantworten, es kommt dabei auch auf eventuelle Begleitkrankheiten und auf das biologische Alter an.

Gibt es irgendwo eine Grenze, wo man sagen würde: Nun ist es aber zu viel, dieser ältere Mensch sollte auf jeden Fall abnehmen?

Bollheimer: Eine Grenze zu ziehen ist schwierig. Es gibt sicher Ausnahmesituationen, etwa bei ausgeprägtem Übergewicht und gleichzeitiger schwerer Gelenkdegeneration oder bei schwerster artheriosklerotischer Risikokonstellation (etwa Herzkranzgefäßerkrankung bei zugleich starkem Bluthochdruck und erhöhten Blutfettwerten). Da wäre ein moderates Abnehmprogramm angezeigt.

Aber generell gilt, dass man nach dem 65. Lebensjahr keine Diät mehr machen sollte – warum nicht?

Bollheimer: Bei Diäten im Alter kommt es nicht nur zu Fett-, sondern auch zu Muskelabbau, der im Alter unerwünscht ist. Schließlich kommt es als Teil des Alterungsprozesses mit den Jahren ja ohnehin zu einem Muskelverlust, der die Gebrechlichkeit fördert. Bei manchen Menschen tritt der altersbedingte Muskelmasseverlust über das normale Maß hinaus auf, man spricht dann von Sarkopenie. Diese Leute sind in ihrer Beweglichkeit stark eingeschränkt. Sie können nur langsam gehen, ihr Risiko für Stürze und schwere Knochenbrüche ist stark erhöht. Deshalb ist das Thema in der Altersmedizin außerordentlich relevant.

Also ist die Körperzusammensetzung gerade im Alter bedeutsamer als das Gewicht?

Bollheimer: Ja. Mithilfe der Body-Impedanzmessung kann man schauen, wie sich Fett- und Muskelmasse zueinander verhalten. Es gibt bekanntlich Fettwaagen, das ist eine ganz einfache Methode hierfür, aber es gibt auch ausgefeiltere Verfahren.

Was würden Sie alten Menschen im Hinblick auf die Ernährung raten, um möglichst lange fit und gesund zu bleiben?

Bollheimer: Sie sollten sich erstens ganz klar mit einer ausgewogenen Mischkost ernähren, die 50 Prozent Kohlenhydrate, 30 Prozent Fett mit reichlich ungesättigten Fettsäuren und 15 bis 20 Prozent hochwertiges Eiweiß, wie Sojaproteine oder Proteine aus weißem Fleisch, enthält. Das Protein sollte möglichst gleichmäßig über den Tag verteilt aufgenommen werden – also zu gleichen Teilen morgens, mittags und abends. Allein ein großes Putensteak mittags zur Abdeckung des Proteinbedarfs kann der alternde Organismus gar nicht richtig und effizient verarbeiten. Ganz wichtig sind neben der Ernährung zur Erhaltung der Muskelmasse auch zielgerichtete Bewegungsprogramme, die sowohl Ausdauer- als auch Muskeltraining, sprich moderates Krafttraining, sowie Balance- und Flexibilitätstraining enthalten, um einer Sturzgefahr vorzubeugen. Und: Ein bisschen Übergewicht im Alter sollte niemanden beunruhigen. Abnehmen jenseits des 65. Lebensjahres ist eher verkehrt. Wer in diesem Alter unbedingt noch abnehmen will, sollte mit seinem Arzt sehr ausführlich darüber sprechen.

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