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Magersucht
08.08.2015

Hirn verändert sich bei Essstörungen wie bei Alzheimer

Essstörungen wie Magersucht und Bulimie sind nicht nur bei Frauen ein Problem: Oft leiden schon Jugendliche darunter.
Foto: Jens Kalaene/Symbol (dpa)

Immer mehr Menschen leiden unter Essstörungen wie Bulimie und Magersucht. Wissenschaftler haben nun Parallelen zwischen solchen Erkrankungen und Abbauprozessen bei Alzheimer gefunden.

Die Zahlen sind erschreckend: Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter Essstörungen. Daten der Barmer Ersatzkasse in Sachsen zufolge verdoppelte sich die Zahl betroffener Jugendlicher von 2009 bis 2014 fast. Doch nicht nur Teenager leiden unter Krankheiten wie Magersucht oder Bulimie. Selbst im Alter von 50+ gab es demzufolge eine Zunahme von 20 Prozent.

Wie viele Menschen in Deutschland genau davon betroffen sind, ist allerdings umstritten. Hier gehen die Schätzungen weit auseinander. Professor Ulrich Voderholzer, Leiter einer der bundesweit größten Einrichtungen zur Behandlung von Esstörungen, geht von 200.000 bis 300.000 Magersüchtigen und 500.000 bis 700.000 Betroffenen mit Bulimie (Ess-Brech-Sucht) aus.

Bei Kindern sei Magersucht und Bulimie noch selten. In der Pubertät folge aber eine starker Anstieg, dann sei ein Jugendlicher von 100 betroffen. Die Kindergesundheitsstudie KIGGS habe ergeben, dass knapp 15 Prozent der Jungen und knapp 30 Prozent der Mädchen ein auffälliges Essverhalten zeigen. Unter Jugendlichen und Erwachsenen zählen Essstörungen jedoch laut Voderholzer zu den häufigsten Erkrankungen.

Schlankheitsideal der Gesellschaft kann Auslöser für Essstörung sein

Die Gründe für eine Essstörungen sind Experten zufolge vielseitig. "Auslöser dafür können schwere Lebenskrisen, der veränderte Körper nach einer Geburt, jahrelange Diäten oder die Angst vor dem Älterwerden sein. In einer jugendfixierten Gesellschaft wächst mit dem Älterwerden die Angst vor dem Verlust von Erfolg, Anerkennung und Konkurrenzfähigkeit", sagt Paul-Friedrich Loose, Barmer-Landesgeschäftsführer in Sachsen.

Voderholzer spricht ebenfalls von Risikofaktoren wie "Ängstlichkeit, Unsicherheit, ein geringes Selbstwertgefühl, starke Leistungsorientierung und Perfektionismus. Auslöser sind oft eine Diät sowie negative Bemerkungen wichtiger Bezugspersonen über Figur und Aussehen." Auch das Schlankheitsideal in der Gesellschaft spiele eine Rolle.

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Mehr Mädchen als Jungen von Magersucht und Bulimie betroffen

Eine der weltweit größten Datensammlungen zu dem Krankheitsbild ist im Zentrum für Essstörungen in Dresden zu finden. Professor Stefan Ehrlich ist Chef dort und hat festgestellt, dass in betroffenen Familien häufig überdurchschnittlich viel über Essen oder Diäten gesprochen wird: "Da gibt es Kinder, die nicht so werden wollen wie ihre Eltern. Oder aber sie möchten bei Diäten die Besten sein." Es gehe auch darum, etwas zu finden, bei dem man besser sei als andere.

Medienformate und die Industrie können den Wunsch nach einer Idealfigur weiter pushen. Ehrlich zufolge sind weit mehr Mädchen als Jungen betroffen. Deren Anteil liege derzeit bei nur drei Prozent - jedoch mit steigender Tendenz. Und noch einen Trend stellen Experten fest: Die Patienten werden immer jünger. Das hängt in erster Linie mit der früher einsetzenden Pubertät zusammen. In Dresden werden selbst Drei- und Fünfjährige schon behandelt. Ehrlich berichtet von einem fünfjährigen Mädchen, das nur noch Pudding aß.

Der Bundesfachverband Essstörungen, ein Zusammenschluss von Ärzten, Therapeuten und Beratern, verweist auf eine weitere Entwicklung: Die Zahl der jungen Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depression, Borderline oder Zwangsstörungen wächst. Manchmal treten sie zusammen mit Essstörungen auf. "Der Druck auf Jugendliche wird immer größer", spricht Verbandschef Andreas Schnebel ein generelles Problem an.

Veränderung am Hirn bei Magersucht ähnlich wie bei Alzheimer

An vielen deutschen Universitäten wird heute an Essstörungen geforscht. In Dresden hat man sich unter anderem auf Schrumpfungen der Hirnrinde konzentriert. Das Team um Professor Ehrlich fand heraus, dass sich die Dicke der Hirnrinde im akuten Stadium der Magersucht stark verringert - bei vollständiger Therapie meist aber wieder regeniert. "Das Ausmaß der Veränderungen am Hirn ist denen bei einer Alzheimer-Erkrankung beobachtbaren Abbauprozessen sehr ähnlich", beschreibt Ehrlich die Folgen der Essstörung.

"Etwa zehn Prozent der Patienten mit einer Essstörung sterben daran oder nehmen sich später das Leben", sagt Ehrlich. Rund die Hälfte könne man heilen. 40 Prozent der Betroffenen neigten zu Rückfällen - vor allem in Stress- und Krisensituationen. Meist unterscheiden sich Essgestörte im Verhalten. Wer an Bulimie leidet, schämt sich oft und bleibt in der Defensive. Bei Anorexie-Patienten spürt man bisweilen einen gewissen Stolz. Alle sozialen Schichten sind betroffen, auch wenn Magersucht oft als Krankheit der Besserverdiener gilt. dpa/AZ

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