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Technik

17.12.2019

Schaurig-schöne Zukunft: Reisen Sie mit uns ins Jahr 2050!

Pflegeroboter werden aus nachvollziehbaren Gründen wohl wahrscheinlich etwas freundlicher aussehen als dieser „Terminator“ aus der Produktreihe T800.
Bild: Melinda Sue Gordon, imago

Plus Quantencomputer arbeiten millionenfach schneller als der bislang schnellste Rechner der Welt. Sie könnten die Menschheit ähnlich verändern. Wo das alles hinführt?

Als 1969 der US-Amerikaner Neil Armstrong seinen Fuß auf die staubige Oberfläche des Mondes setzte, war die Bedeutung dieses Ereignisses klar: Zum ersten Mal in unserer Geschichte hatte ein Mensch eine andere Welt betreten. Ein Schritt, der welthistorisch gesehen epochal war. Als Google vor wenigen Wochen vermeldete, dass das Unternehmen in Kalifornien einen Quantencomputer betreibt, der millionenfach schneller arbeitet als der bislang schnellste Rechner der Welt, wurde das zwar in seiner Bedeutung mit der Mondlandung verglichen. Aber kaum jemand verstand so recht, warum eigentlich.

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Sind die Menschen also einfach zu dumm, diese Meldung zu interpretieren? Natürlich nicht. Denn wie sagte der 1988 verstorbene Richard Feynman – immerhin Nobelpreisträger für Physik und ausgewiesener Experte für Quantenphysik: „Wenn man denkt, man versteht die Quantenmechanik, versteht man die Quantenmechanik nicht.“

Google-Chef Sundar Pichai im Labor in Kalifornien neben einem der Quantencomputer von Google.
Bild: Google, dpa

Vermutlich ist der Google-Quantencomputer in gewisser Weise tatsächlich mit der Mondlandung zu vergleichen. Um dies zu verstehen, folgen Sie uns bitte ins Jahr 2050. In eine Welt, in der, so nehmen wir an, der Quantencomputer breite Anwendung findet. Auch wenn das viele Experten nicht für möglich halten, weil es aus heutiger Sicht zu viele technische Hürden dafür gibt. Aber am Ende des Zweiten Weltkriegs hatte wohl auch kaum jemand gedacht, dass nur 24 Jahre später ein Mensch den Mond betreten würde.

Schaurig-schöne Zukunft: Reisen Sie mit uns ins Jahr 2050!

Drohnen werden über den Städten schwirren, Autos wird es aber noch immer geben

Die Reise in die Mitte unseres Jahrhunderts beginnt ausgerechnet in dem altehrwürdigen Verwaltungsgebäude der Hochschule Augsburg unweit der Puppenkiste – im schönen Büro von Gordon Thomas Rohrmair. Er ist Professor für Informatik, zudem auch Präsident der Hochschule – und ein Wissenschaftler, der sich intensiv mit Zukunftsszenarien beschäftigt. Und er sieht bahnbrechende Veränderungen auf unser Leben im Jahr 2050 zukommen. „Es wird eine Welt sein, die wir aus heutiger Sicht schon fast als unheimliches Szenario erleben würden.“

Nun, das Augsburger Stadtbild hat sich nicht radikal verändert, wie wir bei unserem Spaziergang schnell festellen. Mit einer futuristischen Optik – so, wie sie Shanghai im Jahr 2019 aufweist – ist nicht zu rechnen. Die Altstadtsilhouette wird wohl auch 2050 noch die Innenstadt dominieren. Das Gleiche gilt auch für andere Städte unserer Region, egal ob Kempten, Kaufbeuren, Landsberg oder Donauwörth. Beim Blick in den Himmel erspähen wir allerdings zahlreiche Lufttaxis, die es mit ihrer Vier-Rotoren-Optik – wie überdimensionierte Drohnen – heute schon gibt.

Nach wie vor sind viele Autos auf den Straßen. Sie steuern sich aber selbst und werden definitiv nicht mehr auf der Basis von Benzin oder Diesel betrieben. Unfälle gibt es kaum mehr, weil die Automobile der Zukunft mit Sensoren ausgestattet sind, die das verhindern. Darum haben die Autos auch keine Knautschzonen und sind viel leichter, kürzer. Einparken kann niemand mehr, weil niemand es können muss.

Viele Menschen sind recht gemütlich in den Straßen, Fußgängerzonen und Parks unterwegs, denn sie arbeiten nicht. Es gibt nämlich keine Arbeit für sie. „Man kann sich die massiven sozialen Auswirkungen heute noch nicht wirklich vorstellen“, sagt Rohrmair.

Künftig wird nicht mehr jeder arbeiten müssen und können

„Schon heute erledigen viele Roboter die Arbeit oft besser und exakter als Menschen. Roboter haben auch keine schlechte Laune, gehen nicht zum Rauchen, machen im Prinzip keine Fehler und haben auch nie Schnupfen“, sagt Rohrmair. In einer Welt im Jahr 2050 werde dieser Prozess natürlich noch viel weiter fortgeschritten sein – weil Roboter der Zukunft dank der Quantencomputertechnik noch viel besser funktionieren. „Dann gibt es bei uns wohl nur noch Arbeit für ein Drittel der Menschen“, meint der Informatik-Professor. Hoch spezialisierte Experten, die auch dafür zuständig sind, Fortschritt zu produzieren und dabei von der heute noch unfassbaren Rechenkapazität des Quantencomputers sowie von Künstlicher Intelligenz (KI) unterstützt werden, die sich selbst weiterentwickelt.

Was machen aber die restlichen zwei Drittel der Gesellschaft? Leben sie in bitterer Armut? „Vermutlich nicht.“ Roboter schaffen künftig riesige Mengen an Wertschöpfung, produzieren mehr Güter, als nötig sind. Es ist im Jahr 2050 eine Gesellschaft entstanden, in der die Roboter den Menschen wie unermüdliche Sklaven die Arbeit abnehmen. Es wird nicht mehr lebensnotwendig sein, dass jeder arbeitet. Rohrmair ist überzeugt: „Ein neuer Gesellschaftsvertrag ist erforderlich. Wir werden um das bedingungslose Grundeinkommen nicht herum- kommen.“ Und die Menschen müssen sich andere Aufgaben suchen. Welche das wohl sein werden? Da kann man erst einmal nur mit den Schultern zucken. Irgendwie kann man sich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass sie zu viel Zeit haben werden, ihnen sehr langweilig werden könnte. Und sie deshalb Dinge anstellen, die nicht gut sind. Aber das ist natürlich nur Spekulation.

Konstruieren wir nun ein konkretes Beispiel, das erläutern soll, wie KI und Quantencomputertechnologie unser Leben von Grund auf verändern werden. Erfinden wir dafür eine Sabine Moser, 82 Jahre alt. Als sie 1968 geboren wurde, machten die Nachrichten von den Studentenunruhen die Runde. Im Jahr 2050 ist sie seit drei Jahren Witwe. Doch ihr Ehemann Michael ist irgendwie immer noch da. Er sitzt bei ihr, kennt alle ihre Eigenheiten, weiß, welche Sendung sie gern im Fernsehen sieht, das es immer noch in irgendeiner Weise gibt. Er weiß, was sie am liebsten isst, wann sie im Sessel ein Kissen für ihren Rücken braucht, der ihr nach einiger Zeit wehtut. Michael spricht, wie Michael immer gesprochen hat. Er sieht aus wie Michael, als er 61 war. So hat sie ihn am liebsten in Erinnerung. Tatsächlich ist Michael aber ein Pflegeroboter. „Das Design, die Optik eines solchen Roboters ist zweitrangig. Darum geht es nicht. Das ist eine rein technische Frage, die sich lösen lassen wird. Und der Roboter sieht dann aus, wie man es haben möchte“, sagt Rohrmair.

Das Spannende ist für ihn dagegen, dass die Informationsverarbeitung künftig auf einem ganz anderen Prinzip fußen wird. Bislang kam es darauf an, wie das Programm eines Computers geschrieben war. Künftig wird der Rechner nicht durch die Finesse seines Programms, sondern durch gewaltige Datenmengen lernen, mit neuen Situationen umzugehen. Durch die unglaublich hohe Geschwindigkeit des Quantencomputers und die Datenmengen, die bis 2050 erhoben werden, kann ein Pflegeroboter einen Pflegealltag mit (nur um eine Zahl zu nennen) theoretisch einer Billion Möglichkeiten durchrechnen. Das ermöglicht es dem Roboter, jede erdenkliche Situation zu meistern, weil er sie bereits kennt. Ein solches System kann trotzdem selbst noch weiterlernen. Und es kann individuell mit Daten – wie denen des verstorbenen Ehemanns Michael – gefüttert werden.

Daten sind für Rohrmair der Schatz der nächsten Jahrzehnte. Im Wettbewerb mit anderen Staaten wird Europa dabei ins Hintertreffen geraten, ist er überzeugt. Beispiel Darmkrebs. „Wenn China will, dass man Daten über Vorsorgeuntersuchungen seiner Bevölkerung zentral sammelt und sie dann Künstlicher Intelligenz zur Verfügung stellt, damit diese immer noch besser in der Diagnostik wird, dann ordnet die Führung das einfach an.“ In den USA wiederum sind die Menschen aufgrund ihrer Mentalität eher großzügig mit der Herausgabe ihrer persönlichen Daten. Konzerne wie Google, die schon heute gigantische Datenmengen sammeln, werden im Jahr 2050 noch mächtiger sein. Und Europa? Es kümmert sich – weit abgehängt – um seine Datenschutzrichtlinie.

Aber wird ein Pflegeroboter eine Pflegekraft ersetzen können? Wird er überhaupt mitfühlend genug sein können? Besuchen wir die unweit der Hochschule gelegene Universität Augsburg. Ihre Fakultät für Informatik hat – unter anderem – den Schwerpunkt soziale Robotik und Mensch-Maschine-Interaktion. In der Abteilung von Professor Elisabeth André versuchen Wissenschaftler, Computersystemen beizubringen, in den Gesichtern von Menschen zu lesen. Ob sie traurig sind oder fröhlich. Gerade in der Pflege kein unwichtiges Thema.

Und tatsächlich kann der kleine Roboter „Reeti“, der 3500 Euro kostet und aus Frankreich kommt, via Kamera im Gesicht des Gegenübers lesen – ob er etwa lacht oder traurig ist. Das hat ihm die Doktorandin Kathrin Janowski beigebracht. Das Gesicht des Gegenübers wird vom Rechner zerlegt in Teilbereiche. Und „Reeti“ merkt, ob die Mundwinkel nach oben oder unten ragen. „Doch es gibt noch sehr viel zu tun“, sagt Professor André. „Der Roboter erkennt zwar Gesichtsausdrücke schon recht gut. Allerdings versteht er die Gefühle des Gegenübers nicht wirklich.“ Die Fehlerquote ist viel zu hoch, die Technik steckt quasi noch in den Kinderschuhen. Im Jahr 2050 werden diese Probleme aber überwunden sein.

Der Roboter soll sich über Gedanken steuern lassen

Das wohl noch viel spannendere Thema ist der sogenannte Transhumanismus. Vereinfacht gesagt geht es dabei darum, dass der Mensch sich mit einer Maschine verbindet. Was gruselig klingt, hat einen sehr realen Hintergrund. Manche Menschen erleiden durch Schlaganfälle ein Locked-in-Syndrom. Sie sind in ihrem Körper regelrecht gefangen und können zum Teil nur noch die Augen bewegen. Ein schreckliches Schicksal. Für die Forscher geht es darum, wie ein derart Betroffener kraft seiner Gedanken einen Rechner steuert. Um etwa zu schreiben, einen Rollstuhl zu lenken, eine künstliche Stimme zu benutzen. Das könnte darüber funktionieren, dass manche Gedanken bestimmte Hirnströme auslösen. Denkt man also einen bestimmten Gedanken und verquickt ihn mit einem Steuermechanismus, dann könnte dieser Gedanke etwa auslösen, dass ein Rollstuhl losfährt. Sowohl Rohrmair als auch André halten es für möglich, dass eine dann sehr verfeinerte Verbindung Mensch-Maschine im Jahr 2050 funktioniert.

Maschinen, die schlauer sind als Menschen, sich selbst weiterentwickeln und hinterher gegen ihren Schöpfer wenden – das ist Dauerthema der Science Fiction, vor allem bekannt geworden durch die inzwischen sechs Hollywood-Filme über den „Terminator“. Ein solches Szenario hält Rohrmair für Unfug. „Davon sind wir Lichtjahre entfernt.“

Tobias Huber aus der Informatikabteilung der Uni Augsburg meint: „Bevor es Maschinen gibt, die uns bekämpfen, werden wir viel eher Probleme damit bekommen, dass das entstehende System so komplex wird, dass wir es kaum noch steuern können.“ Heißt etwa: Wenn das System ausfällt, geht gar nichts mehr. „Das ist ja schon heute so: Wenn das Internet nicht geht, kann man auf einmal keine Plätze mehr in einem Flugzeug buchen, obwohl das ja kein wirklich komplizierter Vorgang ist.“ Das müsse künftig besser werden.

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