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Onkologie

25.06.2018

Spontanheilung: Wenn der Krebs plötzlich verschwindet

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Manchmal geschieht ein Wunder – und eine Krebserkrankung verschwindet einfach von ganz allein.
Bild: photopitu, Fotolia

Bösartige Tumore können sich von allein zurückbilden. Viele Schulmediziner meiden das Thema. Für Kranke ist die Spontanremission aber oft die letzte Hoffnung.

Im Sommer 2014 war Stefanie Gleising am Ende. Viereinhalb Jahre nach der Diagnose Brustkrebs hatte die Psychologin so ziemlich alles durchlebt und durchlitten, was jemandem in dieser Situation passieren kann. Operationen, Bestrahlung und Chemotherapien, einfühlsame und grobe Ärzte, Medikamentenunverträglichkeiten, Metastasen in Wirbelsäule, Becken und Gehirn, die Einstellung der schulmedizinischen Behandlung und mehrere Versuche, mithilfe von Therapeuten und Heilern aller Art die Krankheit zu besiegen.

Am Ende, als sie nicht mehr gehen konnte und stark abgemagert war, entschied sie sich, um ihre Familie nicht länger zu überfordern, zum Sterben in ein Hospiz zu gehen. Aber sie, der man nur noch wenige Tage Lebenserwartung zugeschrieben hatte, starb dort nicht. Von Tag zu Tag ging es ihr besser, bis sie das Hospiz nach sechs Wochen praktisch gesund wieder verlassen konnte.

Bisher ist nicht untersucht, wie häufig das Phänomen tatsächlich auftritt

Spontanremission (etwa: „Rückgang von selbst“) nennen Mediziner eine überraschende Besserung, der keine Behandlung vorausgegangen ist, oder zumindest keine, der man einen solchen Effekt zugetraut hätte. Wie häufig es dazu kommt, ist unklar. Während die Selbstheilungskräfte des Körpers bei vielen leichteren Erkrankungen offenbar eine große Rolle spielen, werden sie bei Krebs extrem selten beobachtet. Oft wird von etwa einem Fall auf 100.000 Erkrankte ausgegangen.

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Herbert Kappauf, der bis Anfang des Jahres niedergelassener Onkologe in Starnberg war und seit Jahrzehnten einer der wenigen Spontanremissions-Experten im deutschsprachigen Raum ist, betont, dass es dabei sehr auf die Art des Tumors ankomme. So beziffert er die Wahrscheinlichkeit eines solchen Falls bei Darmkrebs eher auf einen unter einer Million, während sie bei einem Nierenzellkarzinom ein Prozent und mehr betragen kann. Zu einer dauerhaften Heilung kommt es nur bei jedem zehnten der seltenen Fälle, schätzt Kappauf, denn meist werden auch vorübergehende, mindestens vier Wochen andauernde deutliche Besserungen zu den Spontanremissionen gerechnet.

Bei jedem unerwarteten Rückgang der Symptome könnte das Aufspüren der dabei wirkenden Heilungsprozesse helfen, ein vollständiges Bild der Krankheit und ihrer Mechanismen zu gewinnen und daraus neue Therapien zu entwickeln. Einzelne Mediziner haben deshalb immer wieder die, verstreut in der Fachliteratur berichteten, Spontanremissions-Fälle systematisch zusammengestellt. Leicht hatten sie es dabei nicht, denn mit wenigen Ausnahmen zogen es die führenden Vertreter des Faches vor, die „statistischen Ausreißer“ zu ignorieren oder mit anfänglichen Fehldiagnosen zu erklären. Bis heute machen die meisten Forscher einen Bogen um das Phänomen – wohl auch, weil es von Heilern aller Art für sich reklamiert wird.

Stefanie Gleising weiß bis heute nicht, was ihren Krebs besiegt hat

Stefanie Gleising glaubt, dass fast alles, was sie unternommen hat, um den Krebs loszuwerden, einen Beitrag zu ihrer Remission geleistet haben könnte. Inzwischen gibt es auch eine Vermutung dazu, was die Wende gebracht hat: Im Hospiz steht die Schmerzbehandlung im Vordergrund und dazu bekam sie ein ähnliches Opioid wie den Drogenersatzstoff „D,L-Methadon“. Dieser steht im Verdacht, Krebszellen zerstören zu können, sofern sie viele Opioid-Rezeptoren haben. Groß angelegte Studien dazu gibt es aber noch nicht. Da die Wirkungsdauer des Betäubungsmittels stark schwankt und gefährliche Nebenwirkungen beobachtet wurden, rät deshalb auch das pharmakritische Arznei-Telegramm noch von der Verwendung des Mittels außerhalb klinischer Studien ab.

Um unerwartete Besserungen wissenschaftlich nutzbar zu machen, fordern Kappauf und andere seit langem ein Register, in dem solche Fälle zukünftig nach vergleichbaren Kriterien detailliert erfasst werden. Wünschen würde er sich auch eine systematische Untersuchung vergleichsweise häufig vorkommender Spontanremissionsfälle etwa bei Hautkrebs oder Nierenzellkarzinomen.

Diese Tumorarten reagierten auch besonders gut auf eine Immuntherapie, sagt Kappauf, sodass es denkbar sei, dass die Antikörper, die man dabei „einsetzt, um die geblockte Immunabwehr von Tumorzellen wieder aufzuheben, unter bestimmten Umständen auch spontan auftreten können“. Kappauf plädiert auch dafür, all jene Fälle genauer zu untersuchen, in denen es zwar nicht zu einer Remission kommt, aber die Kranken deutlich länger leben, als es bei ihrem Zustand normalerweise zu erwarten gewesen wäre. Für Analysen des Tumorgewebes stünden heute molekulargenetische Untersuchungsmöglichkeiten zur Verfügung, die es noch vor fünf Jahren nicht gab.

Unter dem Begriff Krebs sind mehr als 200 Krankheiten zusammengefasst

Spontanremissionen seien ein heterogenes Phänomen, betont Kappauf, schließlich gebe es zweihundert unterschiedliche Krankheiten, die unter dem Begriff Krebs zusammengefasst werden. Zu den wichtigsten Mechanismen, die dabei eine Rolle spielen, zählt er neben dem Immunsystem die Anti-Angiogenese, also die Hemmung der für jeden Tumor zum Wachstum nötigen Neubildung von Blutgefäßen. Die körpereigene Blockade der Angiogenese kann etwa durch Operationen wieder aktiviert werden, sodass sich anschließend auch nicht entfernte Reste eines Tumors zurückbilden.

In vielen Büchern für Krebspatienten wird die Rolle der richtigen Einstellung betont – als hätte man es vor allem selbst in der Hand, die Voraussetzungen für eine Heilung zu schaffen. Herbert Kappauf, der auch Psychotherapeut ist, hat solchen einfachen Zuordnungen mit dem Tenor „außergewöhnliche Spontanremissionen geschehen bei Krebskranken mit einer außergewöhnlichen Persönlichkeit“ in seinem Buch „Wunder sind möglich“ deutlich widersprochen: „…auch außergewöhnliche Menschen sterben an Krebs.“

Unstrittig ist aber, dass Patienten in jedem Fall enorm von der Auseinandersetzung mit der Krankheit, ihren Lebenszielen und der Möglichkeit ihres Todes profitieren können. Weil der Krebs vieles relativiert, Alltagsprobleme etwa. Der Betroffene wird ein Stück weit „weise“.

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