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Hüftgelenksarthrose

08.06.2020

Wann ein künstliches Hüftgelenk nötig ist

Schmerzen in der Hüfte können die Lebensqualität gewaltig beeinträchtigen. Manchmal hilft nur ein künstliches Gelenk, doch Betroffene können auch viel präventiv tun.
Bild: Werner Kempf (Symbolbild)

Mit Beratung, Physiotherapie und gesunder Ernährung lässt sich eine Arthrose beeinflussen. Entscheidend ist eine frühe Diagnose. Darauf sollten Betroffene achten.

„Das Schlimmste sind die Nächte, weil man nicht weiß, wie man liegen soll“, berichtet eine 57-jährige Patientin über ihre Hüftarthrose. „Der Schmerz lässt dich nicht einschlafen. Das macht einen fertig.“ Manchmal ist sie mitten in der Nacht Treppen gestiegen, um besser in den Schlaf zu finden.

Nach jahrelangem Martyrium hat sie inzwischen ein künstliches Hüftgelenk. Aber vielleicht hätte sich das alles vermeiden lassen, wenn man früh etwas unternommen hätte? „Ich hatte seit meiner Jugend Probleme mit der Hüfte. Wenn ich über Arthrose Bescheid gewusst hätte, hätte ich sie vielleicht gar nicht erst bekommen.“

Gelenkverschleiß: Viele Patienten leiden unter Bewegungseinschränkungen

In der Tat ist bei Hüftarthrose eine frühe Diagnose wichtig, wie Prof. Dr. Klaus-Peter Günther, Hüftchirurg und Orthopäde am Uniklinikum Dresden betont. „Zum einen kann man durch Präventionsmaßnahmen den Verlauf verlangsamen. Zum anderen lassen sich manche Fehlstellungen des Hüftgelenks durch operative Eingriffe korrigieren, sodass sich der Krankheitsverlauf bremsen, manchmal sogar stoppen lässt.“

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Einige Patienten haben Anomalien am Hüftgelenk, aufgrund derer sich über die Jahre Arthrose entwickelt hat. Sie leiden zum Beispiel an einer angeborenen Hüftdysplasie, nämlich einer Fehlbildung der Hüftgelenkspfanne, oder an einem Impingement des Hüftkopfs: Dabei passen Oberschenkelknochen und Hüftpfanne nicht richtig ineinander, sodass es zu einem Engpass und Bewegungsstörungen kommt. „Eine der Hauptursachen eines Impingements ist exzessiver Sport im Jugendalter“, sagt der Experte. Neben solchen Verformungen sind Übergewicht und Überlastungen, etwa durch schweres körperliches Arbeiten, wichtige Risikofaktoren bei Hüftarthrose.

Bei vielen Patienten ist der Gelenkverschleiß so weit fortgeschritten, dass sie an Schmerzen und Bewegungseinschränkungen leiden. Auch sie brauchen nicht gleich ein neues Hüftgelenk. Oft können konservative, also nicht-operative Methoden die Krankheit positiv beeinflussen, wenn auch nicht heilen. „Das Wichtigste ist zunächst die Information und Beratung der Patienten. Dieser Punkt wird oft unterschätzt“, sagt Günther. Auch Carl Christopher Büttner vom Deutschen Verband für Physiotherapie erklärt: „Aufklärung ist ein besonders wichtiger Teil der Therapie, da es nach wie vor viele ‚falsche‘ Meinungen zu Arthrose gibt, die den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen können.“ So hält sich konstant der Mythos, Bewegung sei bei Arthrose schädlich. Dabei ist das Gegenteil der Fall, wenn es sich um gelenkschonende Sportarten wie Schwimmen, Nordic Walking, Radfahren auf ebenem Gelände oder Wassergymnastik handelt.

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Arthrose lässt sich durch Ernährung günstig beeinflussen

Außerdem sieht das Behandlungskonzept vor, übermäßige Belastungen durch Sport und Beruf zu reduzieren, Übergewicht abzubauen und die Muskeln gezielt zu stärken. Physiotherapie ist dabei ein zentrales Element. Günther betont: „Sie ist sehr wirksam, aber nur dann, wenn sie Hilfe zur Selbsthilfe leistet – also wenn man die Übungen auch eigenständig macht.“ Laut der ärztlichen Leitlinie zum Thema trägt die Bewegungstherapie, die sich unter anderem aus Kraft- und Ausdauertraining zusammensetzt, zur Schmerzlinderung, Funktionsverbesserung und Lebensqualität bei. Sie kann Büttner zufolge eine Operation herauszögern oder gar vermeiden – allerdings sei der Erfolg stark von der individuellen Situation der Patienten abhängig.

Auch durch Ernährung lässt sich Arthrose günstig beeinflussen. „Insbesondere wenn bei den Patienten Entzündungsprozesse und Übergewicht eine Rolle spielen, kann es sehr sinnvoll sein, sich fleischarm oder sogar fleischlos zu ernähren“, rät Dr. Christian Kessler, Oberarzt in der Abteilung Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin. Tierisches Fett enthält nämlich Arachidonsäure, die im Körper entzündungsfördernd wirken kann, wenn man große Mengen mit der Nahrung zu sich nimmt. Natürliche Gegenspieler sind Omega-3-Fettsäuren, wie sie in Seefisch, aber auch in Lein- und Rapsöl oder in vielen Nüssen vorkommen. „Die Rolle der Ernährung bei chronischen Krankheiten wird in der Schulmedizin oft stark unterschätzt“, sagt Kessler. Auch Aspekte der Fastenmedizin könnten bei Arthrose in manchen Fällen helfen: „Welcher Behandlungsansatz in der Naturheilkunde gewählt wird, hängt immer auch von der individuellen Fragestellung der Patienten ab.“

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Schmerzlinderung: Akupunktur ist mittlerweile schulmedizinisch anerkannt

Gegen anhaltende Schmerzen gelten in der klassischen Medizin nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen oder Diclofenac als Mittel der ersten Wahl. Sie lindern nicht nur Schmerzen, sondern wirken auch entzündungshemmend. Da sie aber häufig zu Magen-Darm-Beschwerden und weiteren Nebenwirkungen führen, sollten Patienten sie nur in akuten Phasen nehmen. Manchmal werden Patienten auch Injektionen mit Hyaluronsäure oder anderen Substanzen, die den Knorpelabbau im Gelenk verhindern sollen, angeboten. Dass solche Spritzen bei Hüftgelenksarthrose etwas bringen, ist aber nicht bewiesen. Dafür ist Akupunktur mittlerweile eine in der Schulmedizin anerkannte Methode, um bei Arthrose Schmerzen zu lindern und die Gelenkfunktion zu verbessern: In der Leitlinie wird ihr ein „positiver Einfluss“ bescheinigt, wenn sie zusätzlich zur Standardtherapie angeboten wird.

Pflanzliche Arthrose-Präparate gelten als sanfte Ergänzung zu herkömmlichen Schmerzmitteln, jedoch ist ihr Nutzen nicht durch große Studien belegt. Vielversprechende Substanzen sind Kessler zufolge vor allem Kurkuma, Hagebutte, Weidenrinde, Weihrauch und Myrrhe. Gerade zu der Gewürzpflanze Kurkuma, welche die meisten Menschen eher aus der Küche kennen, gebe es „interessante Daten“, berichtet der Naturheilkundler. Das darin enthaltene Curcumin hat antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaften.

Gelenkprothese: Im Zweifelsfall sollten Betroffene Zweitmeinung einholen

Mehrere Studien liefern Hinweise, dass sich durch entsprechende Präparate Schmerzen und Bewegungsprobleme bei Gelenkserkrankungen tatsächlich bessern. Allerdings ist auch Phytomedizin nicht unbedenklich. Daher heißt es in der Leitlinie: „Die pflanzlichen Medikamente eignen sich nicht zur Selbstmedikation, sondern gehören in die Hand eines erfahrenen Arztes.“

Manchmal können all diese Ansätze nicht verhindern, dass die Arthrose voranschreitet und die Patienten immer stärker unter Schmerzen und Unbeweglichkeit leiden. In solchen Fällen kann ein künstliches Hüftgelenk sinnvoll sein. „Die Operation ist dann geboten, wenn ein Patient relevante Schmerzen hat, es mindestens drei bis sechs Monate mit einer konservativen Therapie versucht hat und Leidensdruck da ist“, erklärt Günther. Immer wieder erhielten Patienten allerdings eine Gelenkprothese, ohne dass andere Optionen ausgeschöpft worden seien. „Das sollte aber unbedingt sein“, betont er.

Im Zweifelsfall ist es ratsam, sich vor dem Eingriff eine Zweitmeinung einzuholen. Für die 57-jährige Patientin allerdings war das künstliche Gelenk eine Erlösung: Sie kann jetzt wieder gut schlafen und sich ohne Schmerzen bewegen.

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