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Coronavirus

12.07.2020

Warum ein Impfstoff gegen Corona nicht genug ist

Suche nach einem Impfstoff: Ein Forscher bei der Arbeit in einem Labor.
Bild: Sebastian Gollnow, dpa (Symbolbild)

Plus Bei der Entwicklung eines Impfstoffs geht es nicht so sehr darum, welches Unternehmen das erste ist. Das Ziel muss ein anderes sein.

Angebot und Nachfrage sind die Grundpfeiler jeder Ökonomie. Angefangen bei den Tauschgeschäften früher Menschheitskulturen, bis hin zu den komplexen kapitalistischen Systemen heutiger Zeit. Und nun schafft es ein Produkt, diese beiden Pole in ein nie da gewesenes Ungleichgewicht zu bringen: der Corona-Impfstoff. Nachfrage: mindestens fünf bis sechs Milliarden Impfdosen. Angebot: null.

Die Nachfrage könnte sogar noch deutlich höher sein. Je nachdem, wie viele Dosen verabreicht werden müssen, um den Empfänger zu schützen. Und es ist auch unsicher, wie lange ein Impfstoff schützen könnte und inwiefern bereits Infizierte sich nach ihrer Genesung neuanstecken können.

Klar ist: Wird ein funktionierender Impfstoff gefunden, müssten sich etwa fünf Milliarden Menschen immunisieren lassen, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Deshalb arbeiten weltweit über 150 Unternehmen daran, ihren Impfstoff möglichst schnell auf den Markt zu bringen. Die ersten Impfstoffe werden erst 2021 verfügbar sein. Das schätzt das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, welcher Impfstoff als erster zugelassen wird. Das eigentliche Ziel ist es, zeitnah möglichst viele Impfstoffe auf den Markt zu bringen.

 

Nur die Bauanleitung eines Corona-Impfstoffs weiterzugeben, wird nichts nützen

Der Grund ist ein wirtschaftlicher. Er hängt mit dem Konzept von Angebot und Nachfrage zusammen. Für ein einziges Unternehmen ist die Nachfrage schlicht zu hoch. „Es gibt Stand heute niemanden, der die Produktionskapazitäten hätte, um in realistischen Zeiträumen den Weltbedarf zu decken“, sagt Rolf Hömke vom Verband forschender Arzneimittelhersteller.

Das Problem: In der Regel kann so ein Impfstoff nur vom Originalproduzent erzeugt werden. Nur eine Art Bauanleitung an andere Unternehmen weiterzugeben, ist schwierig oder gar unmöglich. „Die Herstellung ist äußerst anspruchsvoll. Seine Wirksamkeit und Verträglichkeit hängen von Details des Produktionsverfahrens ab“, sagt Hömke. Der Originalhersteller könne im Rahmen von Kooperationen andere Unternehmen schulen, den Impfstoff herzustellen. „Allein auf Basis einer Blaupause wäre die identische Herstellung des Impfstoffs durch ein anderes Unternehmen aber nicht möglich.“

Hilfsgelder, Kooperation und Risiken: So soll die Produktion eines Corona-Impfstoffs beschleunigt werden

Viele der forschenden Hersteller nehmen deshalb Abkürzungen auf dem Weg zur Produktion. „Eine Reihe von Firmen erweitern gerade ihre Kapazitäten, indem sie zusätzliche Anlagen bauen“, sagt Hömke. Ihre Corona-Impfstoffe sind aber erst in der Erprobung. Ob sie am Ende eine Zulassung erhalten, ist unklar. „Das ist natürlich ein wirtschaftliches Risiko.“ Andere versuchen Partner für die Produktion zu finden. Ein prominentes Beispiel für so eine Kooperation sorgte kürzlich für Aufsehen auf Twitter. Tesla-Chef Elon Musk hatte dort verkündet, Anlagen für das Tübinger Unternehmen Curevac zur Verfügung zu stellen.

 

Außerdem versucht die Regierung nachzuhelfen. „Wir wollen jetzt freie Kapazitäten zur Impfstoff-Produktion sichern und auch zusätzliche schaffen“, sagte Forschungsministerin Anja Karliczek auf einer Pressekonferenz im Mai. Mit 750 Millionen Euro sollen die Hersteller unterstützt werden. Das soll helfen, die Materialien zu beschaffen und den Impfstoff abzufüllen.

Ein Corona-Impfstoff ist noch nicht in Sicht, gepokert wird trotzdem schon

Wenn Hilfsgelder fließen, Unternehmen kooperieren und früh ihre Produktion hochfahren, kann das sicherlich die Herstellung beschleunigen. „Aber auch damit hat niemand alleine die Kapazität, die Welt zu versorgen“, sagt Rolf Hömke vom Verband forschender Arzneimittelhersteller.

Aber wie das so ist bei hoher Nachfrage und niedrigem Angebot: Das, was da ist, will man sich schnell reservieren. Deutschland, Frankreich, Italien und die Niederlande haben deshalb kürzlich einen ersten Vertrag über mindestens 300 Millionen Impfdosen gegen das Coronavirus geschlossen.

Vertragspartner ist das Pharmaunternehmen AstraZeneca, das zu den führenden Entwicklern gehört. Dieses nannte eine Größenordnung von "bis zu 400 Millionen Dosen". Profitieren sollen alle EU-Staaten, die dabei sein wollen. Aufgeteilt wird nach Bevölkerungsgröße. AstraZeneca soll schon ähnliche Vereinbarungen mit Großbritannien und den Vereinigten Staaten geschlossen haben.

Dass Deutschland deshalb zu kurz kommt, ist eher unwahrscheinlich. „In Ländern wie in Deutschland wird es mit Sicherheit dann so sein, dass es eine ganze Variationsbreite von Impfstoffen geben wird, die vielleicht nächstes Jahr um diese Zeit auch verfügbar sind“, sagte Virologe Christian Drosten in seinem Corona-Podcast im Mai. Bis dahin bleibt es aber wohl erstmal beim historischen Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage.

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