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Interview

27.10.2019

Wolfgang Bosbach: "Ich lebe jetzt seit fast zehn Jahren mit dem Tumor"

Bei CDU-Politiker Wolfgang Bosbach wurde 2010 ein Prostatatumor entdeckt.
Bild: Rolf Vennenbernd, dpa

Plus 2010 wurde bei CDU-Politiker Wolfgang Bosbach ein bösartiges Prostatakarzinom diagnostiziert. Welchen Rat er betroffenen Männern gibt.

Herr Bosbach, bei Ihnen wurde im März 2010 ein Prostatatumor entdeckt. Sind Sie regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung gegangen?

Wolfgang Bosbach: Nein, kein einziges Mal. Was ich natürlich heute sehr bedauere. Ich habe mir immer zwei Ausreden parat gelegt: „Mir geht es gut, also warum sollte ich zur Vorsorge gehen?“ Oder: „Klar ist das wichtig, aber im Moment habe ich dafür überhaupt keine Zeit“. Ich trage aufgrund einer chronischen Herzschwäche seit 2004 einen Schrittmacher plus Defibrillator. Der musste 2010 routinemäßig ausgetauscht werden. Deshalb wurde eine Blutuntersuchung vorgenommen, bei der ein erhöhter PSA-Wert von 14 festgestellt wurde. Das muss nicht zwingend, das kann aber ein Hinweis auf eine Tumorerkrankung sein. Eine nachfolgende Biopsie hat dann ergeben, dass akuter Handlungsbedarf besteht. Da mildere Methoden nicht mehr in Betracht kamen, war die Frage damals: radikale Lösung oder Strahlentherapie?

Keine gute Nachricht. Wie fühlten Sie sich damit?

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Bosbach: Na ja, bester Stimmung war ich nicht! Ich hatte ja schon seit 1994 meine Herzprobleme, jetzt kam noch die Diagnose Krebs dazu. Natürlich fragt man sich: „Wie kann das sein, womit hast Du das verdient?“ Aber das Grübeln bringt einen auch nicht weiter. Bei mir in der Familie hatte zuvor niemand Prostatakrebs. Ich bin begeisterter Nichtraucher, habe kaum Übergewicht, treibe regelmäßig Sport. Warum ich erkrankte, ist für mich nach wie vor ein Rätsel. Aber: Nie an Dingen verzweifeln, die man nicht ändern kann.

Sie haben sich dann rasch für eine Komplettentfernung der Prostata entschieden. Wie kam es dazu? Es gibt ja mehrere Therapieformen.

Bosbach: Ja, im Mai 2010. Ich hätte auch eine Strahlentherapie machen können, aber ich wollte die Ursache des Übels total entfernt wissen. Das war eine Kopfsache. Glücklicherweise konnte nervenerhaltend operiert werden, sodass von vielen befürchtete Folgen nicht eingetreten sind. (Anmerkung der Redaktion: Wenn nicht nervenerhaltend operiert werden kann, sind häufig Inkontinenz und Impotenz Folgen der Operation).

Doch die Sache war damit nicht erledigt?

Bosbach: Leider nein. Zwar habe ich die Operation als nicht besonders belastend erfunden, aber leider stieg der PSA-Wert nach einiger Zeit wieder stetig an. Irgendwo musste also noch ein Herd sein. Deshalb kam dann noch die Strahlentherapie oben drauf, aber auch danach hatte ich nur kurze Zeit südlich des Äquators Ruhe. Wieder stieg der Wert. Irgendwo musste noch etwas sein. Da eine MRT-Aufnahme bei mir wegen des Schrittmachers nicht möglich ist, wurde ein CT gemacht und dabei ein Tumor in der Lunge entdeckt, der kontinuierlich wuchs. Deshalb wurde mir vor einigen Jahren auch noch ein Teil der Lunge entfernt. Das war wirklich kein Vergnügen, ich hatte noch vier Wochen nach der Operation erhebliche Beschwerden. Erfreulich war nur, dass es ein Prostatatumor war, also eine Absiedelung der Grunderkrankung in die Lunge. Ein Lungenkrebs zusätzlich hätte mir gerade noch gefehlt.

Sind Sie seitdem gesund?

Bosbach: Gesund nicht, aber ich komme mit den Einschränkungen und Beschwerden klar. Für mich ist entscheidend, dass ich mein Leben, so wie ich es mir wünsche, leben kann. In Beruf und Freizeit. Vielen anderen geht es viel schlechter als mir. Deshalb kann und will ich nicht klagen.

Wie fühlen Sie sich denn insgesamt? Sie machen ja eine Hormontherapie, die darauf basiert, dass man den Spiegel des männlichen Hormons Testosteron senkt, weil Testosteron das Wachstum eines Prostatatumors anregt.

Bosbach: Na ja, ich habe zwar keine Schmerzen. Aber durch den Hormonentzug bin ich chronisch müde. Wenn ich heute zu Abendveranstaltungen eingeladen werde, sage ich immer: Um neun, spätestens halb zehn Uhr muss Schluss sein. Und ich nehme mir für danach auch ein Hotel. Früher bin ich oft noch nach Hause gefahren.

Hat Ihnen Ihr Glaube geholfen?

Bosbach: Ich habe in meinem Leben soviel Glück gehabt. Nun ging es mir dreimal schlecht. Ich habe drei wunderbare Kinder. Ich kann politisch immer noch aktiv sein. Also wirklich: Ich habe keinen Grund, mich beim lieben Gott zu beklagen.

Welchen Rat können Sie Betroffenen nach Ihren Erfahrungen geben?

Bosbach: „Nie aufgeben!“ – diesen Rat möchte ich geben. Ich lebe jetzt seit fast zehn Jahren mit dem Krebs. Dank vieler Therapiemöglichkeiten bin ich noch da. Mein zweiter Rat: „Nicht soviel googeln!“ Lieber eine zweite Meinung einholen. Als belastend empfand ich es auch, dass ich früher Tag für Tag „todsichere“ Tipps bekommen habe, was gegen den Krebs hilft. Plötzlich stand unangekündigt ein Wünschelrutengänger bei mir im Garten und redete etwas von einer Wasserader. Ein anderer wollte deshalb mein Bett umstellen. Das ist ja alles sehr nett gemeint, aber in einer solchen Situation nicht unbedingt hilfreich.

Lesen Sie dazu auch: Prostatakrebs: Der Albtraum eines jeden Mannes

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