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Pädiatrie

19.11.2012

Zu groß, zu klein – oder gerade richtig?

Ob Kinder wirklich kleinwüchsig oder nur das Ergebnis kleiner Verwandten sind, ist oft nur schwer zu erkennen. Kinderärzte tagten unter anderem darüber am Augsburger Klinikum.
Bild: dpa

Ob bei einem Kind eine Wachstumsstörung vorliegt, ist oft schwierig herauszufinden. Kinderärzte tagten darüber am Ausburger Klinikum.

Kleinwuchs bei Kindern ist nicht selten: „Etwa drei Prozent aller Kinder sind zu klein“, erklärte der Leiter der Ambulanz für Hormon- und Wachstumsstörungen am Uniklinikum Tübingen, Professor Gerhard Binder, beim 95. Pädiatrischen Kolloquium der I. Klinik für Kinder und Jugendliche am Augsburger Klinikum, das sich unter dem Motto „Zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn, zu spät, zu früh“ nicht nur mit Wachstumsstörungen, sondern auch mit den Problemen Pubertät, Schilddrüsenhormonstörungen und Übergewicht befasste. Dass die Diagnostik des Kleinwuchses nicht einfach ist, machten die Ausführungen Binders deutlich: „Die meisten kleinen Kinder sind gesunde Kinder kleiner Eltern“, so der Experte. Ob wirklich ein pathologischer Kleinwuchs vorliegt, sei oft schwierig herauszufinden.

Bei Wachstumsproblemen spielt der Hormonhaushalt eine große Rolle

Zum Grundverständnis von Wachstumsstörungen gehöre die Kenntnis der Wachstumsphasen: Zwischen Geburt und drittem Lebensjahr wachsen Kinder sehr schnell. In der zweiten Phase – etwa zwischen drittem und elftem Lebensjahr – spiele das Wachstumshormon eine große Rolle, anschließend – in der dritten Phase – komme es zu einer Wachstumsbeschleunigung durch die Sexualhormone. Sei ein Kind bei Geburt und danach zunächst normal groß und später dann im Vergleich zu Altersgenossen immer kleiner, bestehe Verdacht auf einen Wachstumshormonmangel. Wachsen die Altersgenossen einem bis dahin normal großen Kind in der Pubertät davon, könne ein Sexualhormonmangel vorliegen.

Manchmal spielen Störungen des Knochenstoffwechsels bei Kleinwuchs eine Rolle. Sie sind oft mit Disproportionen verbunden – etwa mit Armen, die im Vergleich zum Rumpf zu kurz erscheinen. Hierfür müsse der Kinderarzt „ein Auge entwickeln“, so Binder. Bei vorhandenen Disproportionen solle eine radiologische Diagnostik erfolgen. Damit könne man typische Veränderungen am Skelett erkennen.

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Kleine Auffälligkeiten oder Missbildungen an Nägeln, Gaumen oder Haaransatz könnten Hinweise geben auf Syndrome, die mit einem Kleinwuchs verbunden sein können, wie das Ulrich-Turner-Syndrom. Es betreffe etwa jedes 2000. Mädchen und werde oft spät diagnostiziert – in Deutschland im Schnitt erst zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahr. Die betroffenen Mädchen seien nicht nur zu klein, auch die Eierstöcke seien bei 80 Prozent von ihnen nicht funktionsfähig. Charakteristisch sei, dass die Mädchen zunächst normal wachsen, sich ab dem dritten Lebensjahr aber immer weiter von ihrer Zielgröße entfernten.

Behandlung von Hochwuchs hat oft nur geringe Auswirkungen

Auch auf den Hochwuchs ging Binder ein. Eine mögliche Behandlung sei die Beschleunigung der Pubertät durch die Gabe von Hormonen: „Man hofft, dadurch weniger Wachstum in der pubertären Phase zu bekommen“, erklärte Binder. Der Effekt einer solchen Maßnahme sei allerdings gering und werde von den Eltern meist überschätzt: Behandelte Kinder seien als Erwachsene durchschnittlich nur fünf Zentimeter kleiner, als wenn sie nicht behandelt worden wären.

Darüber hinaus sei die Behandlung mit Risiken verbunden. Bei Jungen könnten aggressive Verhaltensstörungen oder schwere Akne auftreten, bei Mädchen Thrombosen und eine Minderung der Fruchtbarkeit. Dass sie später einmal größere Schwierigkeiten haben würden, schwanger beziehungsweise Mutter zu werden, müsse man den Mädchen sagen, so Binder. Bei Jungen habe man dagegen keine Beeinträchtigung der Fertilität durch die Behandlung festgestellt.

Einige weitere Themen, die bei der Tagung behandelt wurden:

Pubertät

Stimmt es, dass Mädchen heute immer früher in die Pubertät kommen? Wenn man sehr weit zurückgeht, ist das sicherlich richtig, denn vor zweihundert Jahren bekamen Mädchen im Schnitt erst mit 17 Jahren die erste Periode, heute dagegen mit etwa zwölfeinhalb Jahren. Doch dieser Wert ist in den letzten 25 Jahren sehr stabil geblieben, lediglich die Brustentwicklung hat sich in diesem Zeitraum um etwa ein Jahr nach vorne verschoben. Sie beginnt heute mit etwa zehn Jahren.

Kinderärzte unterscheiden zudem in Sachen Pubertätseintritt zwischen „normal“, „frühnormal“ und „zu früh“. Beginnt die pubertäre Entwicklung bei Mädchen ab dem achten Lebensjahr, bei Jungen ab dem neunten, wird dies als „frühnormal“ bezeichnet. Ein Beginn vor dem achten Lebensjahr gilt als „zu früh“ und kann heute gut medikamentös gestoppt werden, hieß es.

Übergewicht

Die Zahl übergewichtiger Kinder steigt deutlich – auch in Deutschland. Wobei auffällt, dass die Übergewichtigen noch übergewichtiger geworden sind in den letzten Jahren. Damit verbunden sind Risikofaktoren wie erhöhte Blutfettwerte, Bluthochdruck bereits im Kindesalter, erhöhte Insulinspiegel im Sinne einer Vorstufe von Diabetes. Und: „Zwei Drittel aller Kinder, die übergewichtig sind, bleiben das auch im Erwachsenenalter“, so Oberärztin Dr. Desirée Dunstheimer von der I. Kinderklinik des Klinikums.

Oft ist eine familiäre Adipositas (Fettsucht) vorhanden. Was die Therapie betrifft, so habe sich gezeigt, dass stationäre Kuraufenthalte von einigen Wochen zwar „wunderbar funktionieren“, die Kinder nehmen ab. Doch kehren sie in ein Zuhause zurück, in dem sich nichts verändert hat, nehmen sie auch schnell wieder zu. Nötig sei daher eine „multimodale Behandlung“ mit Elternschulung, Ernährungsschulung und Sporttherapie. „Die Lebenssituation der Familie muss sich ändern“, so Dunstheimer. Entsprechende Programme gebe es in Deutschland jedoch viel zu wenige.

Schilddrüsenunterfunktion

Ist bei Kindern das Schilddrüsen-Steuerungshormon TSH erhöht, spricht das für eine Vorstufe von Schilddrüsenunterfunktion. Doch während man früher in solchen Fällen eher großzügig Schilddrüsen-Hormone verschrieben hat, wartet man heute lieber ab, sofern das Kind gesund ist und keine Probleme hat, so Dunst-heimer. Denn man weiß: „Die Laborwerte normalisieren sich meistens von selbst wieder.“

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