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Das faszinierende Leben des Nachtwächters von Neuschwanstein

Bild: Benedikt Siegert

Horst Zimmermann hütet das Erbe von Ludwig II. Wenn es dunkel wird, schlägt im Schloss die Stunde des Sicherheitsprofis. Schlechte Zeiten für Liebespaare.

Rumms! Horst Zimmermann hat gerade Tür Nummer eins ins Schloss fallen lassen, da haut er schon den ersten Spruch raus: "Der Ludwig und ich, wir sind das Dream-Team."

Das kann ja heiter werden.

Es wird heiter, so ernst die ganze Sache hier auch ist.

Nicht falsch verstehen: Horst Zimmermann ist kein Königstreuer, kein Schwärmer, schon gar kein verträumter Sonderling. Der Baum von einem Mann bewacht das berühmteste Erbe des Märchenkönigs so, wie man es von einem erfahrenen Sicherheitsprofi erwarten darf. Zuverlässig, aufmerksam, penibel. Da versteht er keinen Spaß. Nebenbei jedoch sehr wohl.

Das mit dem Dream-Team muss man so verstehen: Nichts war König Ludwig II. wichtiger als die Abgeschiedenheit auf Schloss Neuschwanstein, dessen Grundstein auf den Tag genau vor 150 Jahren gelegt wurde. Irgendwann fand er die Ruhe nur noch in der Dunkelheit. Fortan arbeitete er nachts durch, bis acht in der Früh.

Horst Zimmermann, 60, aus Füssen, Angestellter des weltweit tätigen Sicherheitskonzerns Dussmann, ist auch so ein Ruhesuchender. Sagt er jedenfalls. Seit dem Jahr 2000 arbeitet er im Schloss, seit vier Jahren macht er nur noch die Nachtschicht. Insgesamt sind sie zu viert.

Einst nannte man solche Leute Nachtwächter. Neudeutsch heißt das Security. Zimmermann fängt abends um acht an – und hört, wie einst Ludwig, morgens um acht auf.

"Der Ludwig und ich, wir sind das Dream-Team", sagt Horst Zimmermann.
Bild: Benedikt Siegert

Freunde des Mystischen werden jetzt kombinieren: Uiihh, diese Gemeinsamkeiten, und dass da jede Nacht die Aura, das Erbe, ja der Geist des einen auf die stattliche Präsenz des anderen treffe. Zimmermann sieht die Parallelen mit Humor. Dream-Team eben.

An diesem Tag waren natürlich wieder die Touristenmassen im Haus, jetzt im Sommer sind es meist um die 6000. Führungen im Fünfminutentakt: Wohnräume, Thron- und Sängersaal, Grotte und Küche, Sprachengewirr, nach einer halben Stunde: vielen Dank und auf Wiedersehen; ach ja, der Souvenir-Shop noch – so kennen Besucher Bayerns gefragteste Sehenswürdigkeit.

Wenn es Nacht wird über Neuschwanstein: spektakulärer Blick auf das Märchenschloss.
Bild: Benedikt Siegert

Horst Zimmermann kennt ein anderes Neuschwanstein.

Kurz nach 20 Uhr. Draußen dämmert es, als Tür Nummer eins erledigt ist und der Sicherheitsmann seine erste Tour startet. Bis zum Morgen wird er noch mehrmals die Runde machen, immer eine andere Route, nie zur selben Zeit wie am Vortag, aber immer vom Keller bis zum Dachboden, 286 Stufen, auch Winkel, die kein Tourist je zu Gesicht bekommen wird. Einmal ganz durch – das heißt was auf Neuschwanstein.

Plötzlich war da ein russisches Pärchen

Auf Rundgang Nummer eins kontrolliert er Fenster und Türen, überprüft technische Anlagen und dass die Räume menschenleer sind; was gerade umso wichtiger ist, wo das Schloss generalsaniert wird und viele Restauratoren und Handwerker im Haus sind. Ungebetene Gäste hat er auch schon erwischt, vor sechs Jahren mal. Ein russisches Paar war im Ritterbau hängen geblieben, absichtlich oder versehentlich, "na ja", erzählt Zimmermann, "das Ganze war am Ende harmlos". Jenseits der Mauern hat er auch schon ein Pärchen beim Liebesspiel aufgespürt. Den Augen dieses Mannes entgeht nichts.

Schon im Keller peilt Zimmermann die ersten Stechstellen an. Das sind kleine Markierungen an Türrahmen, an die er ein handygroßes Gerät hält. Es macht "Piep" und registriert per Infrarot, dass Zimmermann genau zu dieser Zeit diesen Ort überprüft hat. Das ist wichtig für die Dokumentation. Dazu: einmal Tür aufsperren, reinschauen, hier checken, da checken, Tür zu. So geht es von Stechstelle zu Stechstelle, vorbei an Regalen und Baumaterial, durch hell erleuchtete Gänge wie dunkle Gewölbe, in denen Zimmermann seine Taschenlampe anknipsen muss.

Noch brennt Licht im Thronsaal. Horst Zimmermann genießt die Ruhe.
Bild: Benedikt Siegert

Es dauert nicht lang, und dem jetzt schon orientierungslosen Besucher brennt eine Frage auf den Lippen, die für manchen vielleicht sogar die Frage aller Fragen ist:

Mit Verlaub, Herr Zimmermann, haben Sie keine Angst?

"Warum sollte ich?"

Na ja, das riesige Schloss…

"Ein Alarm in einer Bank, Sie gehen rein und wissen nicht, ob es ein Fehlalarm war, das ist viel unangenehmer."

Aber die dunklen Ecken, die gespenstische Ruhe…

"Die Mauern sind dick, hier bin ich umfriedet."

Keine weiteren Fragen.

Auf dem Weg zum Torbau bleibt Horst Zimmermann abrupt stehen. "Öha", sagt er tadelnd, "Fenster auf, nicht gut."

Fenster zu. Das Rauschen der Pöllat, des Wildbaches, den er so liebt, wird auf einmal ganz dumpf.

Über ein vom Regen rutschig gewordenes Blechdach erreicht er die kleinen, leer stehenden Räume, die Ludwig ganz am Anfang bewohnte. Einst beaufsichtigte der König von hier aus den weiteren Verlauf der Bauarbeiten. Tagsüber sind gerade die Handwerker zugange. Jetzt ist alles ruhig. Und finster. Der Strahl der Taschenlampe tastet die prächtigen Malereien an den Wänden ab.

Piep. Alles in Ordnung.

"Die Mauern sind dick, hier bin ich umfriedet", sagt Zimmermann.
Bild: Benedikt Siegert

Später, im Sängersaal, wird Zimmermann davon erzählen, wie bereichernd es sei, bei seinen Rundgängen ständig Neues zu entdecken, Winzigkeiten, vermeintliche Belanglosigkeiten. Dass zum Beispiel an einer verzierten Säule ein Blatt aus Stein ganz anders geformt ist als das an der Nachbarsäule. Wird nie auch nur einem Touristen auffallen. Aber er findet es toll. "Dabei bin ich gar nicht so kunstinteressiert."

Und dann steht man vor dem Sensationsfund

Schlossverwaltung – piep. Eichentreppe, historische Schlossküche. Ganz neu: der gerade erst vom Landeskriminalamt entdeckte Grundstein, inmitten einer Wand aus Ziegeln. Ein Sensationsfund, hieß es. Jetzt kommt Zimmermann-Humor: "Vom Boden 18 Ziegelsteine hoch, 69 Ziegelsteine rüber, das ist er, habe ich doch selber gelegt." Stimmt natürlich von vorn bis hinten nicht, 18 und 69 – tataa! – macht 1869, das Jahr des Baubeginns.

Als Kind war Horst Zimmermann zum ersten Mal hier – natürlich, wer nicht? Dann als Jugendlicher mit den Trachtlern noch mal. Und heute: Arbeitsplatz und Faszination in einem. "Mir gefallen die Stimmungen. Das Haus ist jede Nacht anders. Das Gebäude lebt." Logisch, dass Freunde und Bekannte ihn beneiden. "Für die Ruhe und die Bereiche, die ich sehen darf und sie nicht."

Und unten schläft das Allgäu. Links das beleuchtete Schloss Hohenschwangau.
Bild: Benedikt Siegert

Und Ehefrau Erika? 2013 haben die beiden mit Zustimmung des Schlossverwalters Weihnachten auf Neuschwanstein gefeiert. Er hatte Dienst, sie kam mit dem Taxi und dem Essen. Später, erzählt ihr Mann, habe sie gesagt: "Das war mein schönstes Weihnachten."

Nächster Halt: eine Sitzbank vor dem Café. "Oh, ein Fundstück", ruft Zimmermann, und hält mit spitzen Fingern ein herrenloses, mit dem Gesicht eines Mannes bedrucktes Halstuch in die Luft. "Mmhh – Elvis Presley?" Allgemeines Schulterzucken. Wahrscheinlich doch eher Karel Gott.

Ein Balkon, 2. Stock. Panoramablick auf das beleuchtete Hohenschwangau, auf Füssen, die Dunkelheit hat den Forggensee geschluckt. Andächtige Stille. "Meine Welt", sagt Zimmermann.

Gleich danach: die Welt der Touristen. Da ist Horst Zimmermann schon fast zwei Stunden unterwegs. In den Prunkräumen brennt noch Licht, die Türen, durch die ein paar Stunden zuvor die Massen geschleust wurden, stehen offen.

Königswohnung, Schlafzimmer. Ludwig soll hier exakt 172 Mal genächtigt haben. Ein prüfender Blick, Zimmermann schließt hinter sich die Tür. Offiziell: "Aus Brandschutzgründen." Im Scherz: "Damit der Ludwig nicht abhaut."

Die Büste von Ludwig II.: In der Nacht fühlte sich der König am wohlsten.
Bild: Benedikt Siegert

Und natürlich: Sängersaal, noch immer mit dem gewaltigen Gerüst. Die Bayerische Schlösserverwaltung steckt insgesamt 20 Millionen Euro in die Restaurierung des Baudenkmals – bei laufendem Betrieb. Die 150 Jahre und mittlerweile 1,5 Millionen Besucher im Jahr fordern ihren Tribut.

Zum Schluss sagt der Nachtwächter: "Gute Nacht, Ludwig"

Dann noch auf den Dachboden, "kann ja immer was sein, ein Vogelschlag oder so", sagt Zimmermann. Aber auch hier: alles ruhig. Bilanz eines Zweieinhalb-Stunden-Kontrollgangs: ein geöffnetes Fenster, ein Karel-Gott-Halstuch, keine weiteren Vorkommnisse.

Gleich wird der Sicherheitsprofi den Wachraum aufsuchen. Wird das Wachbuch aktualisieren, die Bildschirme mit den Aufnahmen der Überwachungskameras im Auge behalten, zwischendurch Frischluft schnappen, dem Klang der Pöllat lauschen, was essen. Dann steht der nächste Rundgang an. Gegen Morgen wird er aufsperren, rechtzeitig bevor das Verwaltungs- und Reinigungspersonal seinen Dienst antritt.

Nur geschlafen haben wird er nicht. "Daran habe ich mich gewöhnt", sagt Zimmermann. 32 Jahre im Sicherheitsdienst härten ab.

Zuvor steht noch eine Sache aus. In einem kleinen Raum hängt ein großer Kasten mit vielen Knöpfen. Darin befindet sich auch der Hauptlichtschalter für die Prunkräume. Es ist bald elf, als Horst Zimmermann auf "Licht aus" drückt. Und dann sagt: "Gute Nacht, Ludwig."

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