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WM in Katar: Besuch auf der absurdesten Baustelle der Welt

Bild: Sharil Babu, dpa (Ardhiv)

Katar bereitet sich zielstrebig auf die Fußball-WM 2022 vor. Ein Bericht über eine verwaiste Metro, Eisenbahnschienen ins Nirgendwo und 4000 Gastarbeiter, die noch sterben könnten.

Die Wüste ist hier nicht besonders sexy. Ein riesiger Haufen Staub und Steine. Glühend heiß. Ohne Schatten. Eine tote Maus trocknet in der Sonne vor sich hin. Katar ist mit nur etwa 100 Milliliter Niederschlag pro Jahr einer der trockensten Flecken Erde. Im Sommer steigt das Thermometer auf bis zu 50 Grad. Ein Glutofen. Mitten drin in diesem Glutofen tut sich Absonderliches.

Es stehen Dinge in der Landschaft, die dort irgendwie nicht hingehören. Eine sechsspurige Autobahn zum Beispiel. Auf dem makellosen Fahrbahnbelag blitzen weiße Markierungen. Dort fährt kein Auto. Ein paar Meter weiter eine Eisenbahnhaltestelle. Schienen kommen von irgendwo und führen ins Nirgendwo. Ein kleiner Park umgibt die Station und bildet mit seinen Sprinklern, den Palmen und dem grünen Rasen einen absurden Gegensatz zu dem Meer aus Staub, das ihn umflutet. Und dann steht da, wie fast überall, ein Wachmann.

Ordentliche Uniform mit goldenem Abzeichen. Weißes Hemd, dunkelblaue Weste, Hut. Er lächelt freundlich und spricht eine Sprache, die dem Englischen ähnelt. Unüberhörbar ist der indische Zungenschlag. Der Mann bewacht die Haltestelle. Ganz sicher ist das nicht, denn man versteht ihn ja kaum. Zudem ist da die Frage, wer hier etwas stehlen oder beschädigen sollte. Es ist viel zu heiß für jegliche legalen oder illegalen Aktivitäten. Klar ist nur: Wir sollen weiterfahren.

Gespenstisch wirkt die Szenerie in der flirrenden Wüstenhitze. Es handelt sich um die Baustelle für das größte Fußballstadion in Katar, wo 2022 das WM-Finale stattfinden wird.
Bild: Andreas Kornes

Näher kommt niemand heran an das, was sich hinter dem Wachmann in den Himmel reckt. Ein gigantisches Gewirr aus Stahlträgern, Betonplatten und Kränen. Von fern dringt der Lärm der Baustelle herüber. Lastwagen ziehen Staubfahnen hinter sich her. Dort hinten wird in etwas mehr als drei Jahren das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft gespielt. Ein Stadion, irgendwo im Nirgendwo.

Arbeiter sind aus der Entfernung nicht zu erkennen. Trotzdem stehen sie im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Amnesty International hat erneut bemängelt, wie verheerend die Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen seien. Oft werde der Lohn nicht gezahlt. Die Schichten seien trotz der Hitze zu lang, Sicherheit spiele nur eine untergeordnete Rolle. Verletzungen und selbst Todesfälle seien an der Tagesordnung. Das Golf-Emirat bleibe trotz Reformzusagen „ein Tummelplatz skrupelloser Arbeitgeber“, heißt es in einem Bericht der Menschenrechtsorganisation.

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Das Leid der Gastarbeiter in Katar

Bild: Sharil Babu, dpa (Archiv)

Viele Gastarbeiter gingen in der Hoffnung nach Katar, ihren Familien ein besseres Leben zu ermöglichen, sagt ein Sprecher von Amnesty. „Stattdessen kehren viele ohne einen Cent in der Tasche zurück.“ Der britische Guardian recherchierte, dass den Arbeitern auf den Baustellen teilweise Wasser verweigert werde, ebenso die Nahrungsaufnahme. Nach einer Schätzung des Internationalen Gewerkschaftsbundes könnten bis zu Beginn der Fußball-WM rund 4000 Arbeiter auf den Baustellen sterben.

Im Auto von Bishran kämpft die Klimaanlage mit der Hitze. Bishran kommt aus Nepal. In Katar arbeitet er als Taxifahrer. Das meiste von dem Geld, das er hier verdient, schickt er seiner Frau und dem dreijährigen Sohn nach Hause. Einmal hat er sie in diesem Jahr schon gesehen. Bishrans Handy ist voller Bilder der beiden.

Draußen kocht der Asphalt. Auf den Straßen ist niemand zu Fuß unterwegs. Kontakt mit der Außenwelt wird in Katar tunlichst vermieden. Alles, was vier Wände und ein Dach hat, wird gekühlt. Irgendwo läuft immer eine Klimaanlage. Weltweit hat Katar den – mit Abstand – größten Ausstoß an CO2 pro Kopf. Die Menschen hier haben sich von dem abgekoppelt, was ihnen die Natur gegeben hat. Zugegeben, besonders spendabel war sie nicht. Zumindest an der Oberfläche. In der Tiefe aber schlummert das, was die stolzen Wüstensöhne zum reichsten Volk der Welt gemacht hat: unermesslich viel Erdgas.

 

Katar liegt auf einer kleinen Halbinsel im persischen Golf. Etwa 300.000 Katarer leben dort. Die restliche Bevölkerung – 2,4 Millionen Menschen, vor allem junge Männer – kommt aus Indien, Pakistan oder Nepal. Etwa 50 Nationen mischen sich zu einem faszinierenden Durcheinander der Kulturen. Alle eint, dass sie hier sind, um zu arbeiten. Sie haben gigantische Wolkenkratzer in die Skyline von Doha gebaut. Sie putzen die Toiletten in den glitzernden Malls.

Die Katarer sind reich genug, all das nicht mehr selbst machen zu müssen. Sie können sich auch eine Fußball-WM leisten. Rund 20 Milliarden Euro soll die kosten. Selbst für katarische Verhältnisse eine ordentliche Summe. Es ist kein Geheimnis, dass ein paar Millionen davon als Schmiergelder in die Taschen von Fifa-Funktionären flossen, als es Ende 2010 um die Vergabe ging. Noch bei jeder WM wurden hinter den Kulissen Geschenke verteilt. In dem 20-Milliarden-Paket sind noch weitere Dinge enthalten: Die sechsspurige Autobahn etwa, die, ebenso wie die Bahnlinie, zum Lusail Iconic Stadium führen. 80.000 Menschen wird es Platz bieten inklusive eines riesigen Parkareals.

Wir respektieren den Wunsch des Wachmanns und fahren weiter. Katar liegt in Sachen Pressefreiheit auf Platz 128 von 180 gelisteten Ländern – zwischen Simbabwe und Kolumbien. Gemessen an Saudi-Arabien ist das ein guter Wert, der verhasste große Nachbar rangiert auf Rang 172. Aber auch Katars Staatsoberhaupt Scheich Tamim bin Hamad Al Thani legt keinen allzu großen Wert auf freie Berichterstattung. Das Auswärtige Amt beschreibt Katar als „Monarchie mit beratender Versammlung“. Eine Anfrage bei „Reporter ohne Grenzen“ im Vorfeld ergab für uns den Hinweis, eine „gewisse Vorsicht“ walten zu lassen. Bishran legt den Rückwärtsgang ein.

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Geld spielt in Katar keine Rolle

Nächster Halt: Doha Port Stadium. Oder Ras Abu Aboud Stadium, wie es die Katarer nennen. Es liegt auf einer künstlichen Landzunge im Meer. Nach der WM soll es wieder abgebaut und als Geschenk in ein afrikanisches Land verfrachtet werden. So die Theorie. Vor Ort steht ein zweieinhalb Meter hoher Zaun aus stabilem Wellblech. Schilder weisen darauf hin, dass Fotografieren und Filmen hier verboten sind.

Bishran fährt bis zu einer Schranke vor. Daneben steht ein kleines Häuschen. Darin, natürlich: ein Wachmann. „Ich glaube, der ist aus Nepal. Ich probiere es mal“, sagt Bishran und lässt das Fenster herunter. Bishran redet auf Nepali auf seinen Landsmann ein. Der schüttelt aber nur den Kopf, schaut ins Auto und sagt auf Englisch: „You can’t drive in.“ Wieder legt Bishran den Rückwärtsgang ein. Wir fahren weiter zum Al-Janoub-Stadium, das bereits fertig gestellt wurde. Wie eine gigantische Muschel liegt es auf dem Trockenen, ebenfalls von einer gepflegten Parkanlage und einer gewaltigen asphaltierten Fläche umgeben. Klein und bescheiden gibt es in Katar nicht.

Das gilt auch für die Metro, die gerade unter Doha wächst und die acht WM-Stadien miteinander verbinden soll. 5,6 Milliarden Dollar verschlingt allein dieses Projekt. Eine der drei geplanten Linien ist seit etwa einem Jahr in Betrieb. Die Züge fahren vollautomatisch. Sechs Riyal kostet das Tagesticket, umgerechnet etwa 1,50 Euro. Ein Wachmann versichert, dass die Züge morgens und abends voll sind. „Wenn die Leute in die Arbeit fahren. Und abends dann wieder heim.“ Mittags herrscht gähnende Leere. Bishran, unser Fahrer, sagt, dass er niemand kenne, der die Metro nimmt. „Hier fährt jeder mit dem Auto.“

Blick in die neue zentrale U-Bahnstation Al-Muschairib in Doha. Mehr als drei Jahre vor Beginn der Fußball-WM hat Gastgeber Katar das erste Teilstück seiner neuen Metro eröffnet.
Bild: Nikku/XinHua, dpa

Das hat zur Folge, dass selbst die sechsspurigen Straßen Dohas regelmäßig verstopft sind. Dicke SUVs – vorzugsweise japanischer Hersteller – schieben sich hupend im Schritttempo durch die Gegend. Wir fahren zum Khalifa-Stadium, wo gerade die Leichtathletik-WM stattfindet. Dort lässt sich auch von innen bewundern, was hoch bezahlte Architekten und ausgebeutete Arbeiter aus dem Boden gestampft haben. Der Hitze begegnen sie hier mit einer gigantischen Klimaanlage, die vor Ort produzierte kalte Luft liegt auf dem Grund des Stadions. Das koste gar nicht so viel Energie, die vorwiegend aus erneuerbaren Quellen stamme. Das ist die Theorie. Ob das aber stimmt, lässt sich für Außenstehende nicht überprüfen. Darf aber mit Blick auf Dutzende containergroßer Dieselaggregate rund um das Stadion bezweifelt werden.

Während der Fußball-WM wird es dieses Thema ohnehin nicht geben. Das Turnier wurde nach einem Blick auf die Klimatabelle Katars an das Ende des Jahres 2022 verlegt, wenn selbst in der Wüste angenehme Temperaturen herrschen, vergleichbar mit einem milden mitteleuropäischen Sommertag. Dann werden auch alle acht Stadien fertig sein. Die Autobahnen werden an das Verkehrsnetz angeschlossen sein. Züge und Metro werden fahren. Alles wird perfekt funktionieren. Zu stolz sind die Katarer auf diese WM, als dass sie sich blamieren wollten. Es wird eine WM der kurzen Wege. Von den acht Stadien stehen vier in Doha selbst, die anderen sind in weniger als einer Stunde zu erreichen. Die meisten sollen nach der WM verkleinert oder wieder komplett abgebaut werden. Und dann? Es ist zu hören, dass Katar noch längst nicht satt ist. Olympische Sommerspiele sollen das Fernziel sein. Sommerspiele in einem Wüstensommer. Katar ist alles zuzutrauen.

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