Piëch ist Österreicher und könnte freiwillig vor einem Untersuchungsausschuss aussagen. Foto: Julian Stratenschulte

Frauen, Kinder, Autos: Das Leben des Ferdinand Piëch

Bild: Julian Stratenschulte, dpa

Er war ein Top-Manager, ein Patriarch, eine Auto-Legende. Über die letzten Stunden von Ferdinand Piëch und die größte Liebe seines Lebens.

Das Leben des Ferdinand Piëch verlief in Rätseln. Es war steilkurvig und von Beschleunigungen getragen. So sollte es sich auch am Ende seines aufreibenden automobilen Daseins verhalten. Denn es war zunächst unklar, in welches Restaurant der Volkswagen-Milliardär am Sonntagabend in Oberbayern ging und dort zusammenbrach, ehe er im Rosenheimer Krankenhaus mit 82 Jahren starb. Ein Mann wie er legte nicht irgendwo in Autobahnnähe mit seiner Frau Ursula spontan einen kulinarischen Zwischenstopp ein. Dafür war er viel zu bekannt und hatte ein gesteigertes Bedürfnis nach Diskretion.

„Wenn ich etwas erreichen will, gehe ich auf das Problem zu und ziehe es durch, ohne zu merken, was um mich herum stattfindet.“

Ferdinand Piëch

Natürlich schätzte der Österreicher exzellente Küche. Einer wie Piëch ging nicht eben mal zum Italiener oder in ein Wirtshaus. Die Spur zu den letzten Stunden seines Lebens führte also schnell zu einem der Feinschmecker-Lokale Oberbayerns, die ja nicht allzu weit mit dem Auto von Piëchs Anwesen im Salzburger Raum entfernt liegen.

Die große Liebe seines Lebens: Piëch und seine Frau Ursula.
Bild: dpa

Wie sich nun aber nach Recherchen von Journalisten vor Ort – also des Oberbayerischen Volksblattes – herausstellte, war Piëch nicht etwa am Tegernsee im Drei-Sterne-Lokal Überfahrt des begnadeten Künstlers Christian Jürgens, sondern begnügte sich mit einem Stern weniger im gemütlichen Aschauer Gourmet-Tempel des nicht weniger kundigen Heinz Winkler. Bei dem Koch, der bei Übervater Paul Bocuse gelernt und einst die Nachfolge von Eckart Witzigmann im legendären Münchner Tantris angetreten hatte, fühlen sich Manager von jeher sehr wohl. Mit Blick auf die Berge, unweit des Chiemsees, lässt sich in einem barock-venezianischen Ambiente vortrefflich und als Promi vor allem belästigungsfrei schlemmen.

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So weit kam es für Piëch, der besonders die zarte Entenbrust aus dem Hause Winkler geschätzt haben soll, nicht mehr, brach er doch nicht lange nach seinem Eintreffen in der Winkler-Residenz zusammen. Zuvor hatte er, wie der Sterne-Koch verriet, einen Aperitif bestellt, dann aber nach Wasser und Aspirin verlangt. Und schon sei es passiert. Der Grund für den Kollaps ist nach wie vor unklar. Bekannt ist hingegen, dass der Freund PS-starker Autos mit seiner geliebten Frau Ursula nach einem Termin in Oberbayern bei dem mit ihm befreundeten Starkoch zu Gast war. Als mobiles Vehikel habe ein Lamborghini-SUV gedient, wird berichtet. Die italienische Marke gehört ja auch auf Drängen Piëchs als Teil der Audi AG zum Volkswagen-Konzern.

Ferdinand Piëch hatte 13 Kinder von vier Frauen

Der Patriarch und seine Frau wirkten jedenfalls unzertrennlich. Hier haben sich, wie der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard solche Formen der Beziehung von Frau und Mann einmal nannte, zwei „Lebensmenschen“ getroffen. Der oft so hart und unnahbar wirkende Auto-Manager erwies sich als liebevoller Ehemann, ja Gentleman, wenn er mit seiner Gattin in der Öffentlichkeit etwa auf Automessen auftrat. Da sah man den Mann die geräumige Handtasche seiner Frau lächelnd bewachen, ja auch schon jenseits der 70 Hand in Hand mit ihr über Messestände gehen.

Ferdinand Piëch und seine Frau Ursula bei einem Empfang im Neuen Rathaus in Hannover.
Bild: Julian Stratenschulte (dpa)

Wolfgang Fürweger hat in seiner kenntnisreichen Biografie „Ferdinand Piëch. Der Automanager des Jahrhunderts“ dem Thema „Frauen“ im Leben des autoverrückten Mannes ein eigenes Kapitel gewidmet. Dort finden sich bekannte Umstände wie die Tatsache, dass Piëch 13 Kinder von vier Frauen hat, worauf er stets stolz war. Der Autor streift nur kurz die Zeit der ersten Ehe mit der Arzttochter Corina Planta, für die „er sich oft heimlich aus dem Internat geschlichen“ habe.

Dann fing Piëch eine rund zwölf Jahre währende Beziehung mit Marlene, der Gattin seines Verwandten Gerd Porsche, an, was viele Chronisten bis heute als Ausgangspunkt all der Zwistigkeiten zwischen den Volkswagen dominierenden Stämmen Porsche und Piëch deuten. Die Beziehung – so schildern es Vertraute des einstigen Audi- und VW-Chefs – soll einvernehmlich freizügig geführt worden sein. Dann traf, wie es Fürweger notiert hat, Marlene Porsche eine für die weitere Existenz ihres Lebensgefährten Ferdinand Piëch folgenschwere Entscheidung: Sie suchte mittels Zeitungsinserat eine Gouvernante für die zahlreichen Kinder. Diese wurde in der damals 25-jährigen, aus Oberösterreich stammenden Ursula Plasser gefunden. Die selbstbewusste Frau leitete, ehe sie zum Haushalt Piëch/Porsche stieß, schon einen Kindergarten.

Ihm gefiel ihre fröhliche, heitere Art

Bei einem Weihnachtsurlaub auf einer Almhütte sprang der Funke zwischen dem Porsche-Enkel Ferdinand Piëch und dem Kindermädchen noch nicht über. In seiner „Auto.Biographie“ zitiert Piëch selbst souverän seine spätere Frau mit einer kritischen Einschätzung über ihn: „Er grinste vor sich hin, und ich dachte nur, so ein blöder Kerl.“ Das sollte sich ändern. Der Manager erinnerte sich: „Ursula gefiel mir sehr. Sie war hübsch, fröhlich und hatte eine wunderbare Art, mit Kindern umzugehen.“ Er habe sich von ihrer heiteren Natürlichkeit immer stärker angezogen gefühlt. Es wurde Liebe.

Doch dann hat eine der Töchter Piëchs Ursula Plasser vor einer engeren Bindung gewarnt: „Wie kannst du nur meinen Vater heiraten? Du bist doch so ein fröhlicher Mensch.“ Gegensätze ziehen sich an und können sich positiv ergänzen, auch wenn der Unternehmer selbstkritisch (auch dazu war er fähig) anmerkte: „Mein Harmoniebedürfnis ist begrenzt.“ Sein Freund, der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder, frotzelte sogar: „Die geheimsten Sachen erzählt Piëch nicht einmal sich selbst.“ All das mag für sein Verhalten nach außen zugetroffen haben, gegenüber Ursula war er ein anderer Mann. Im VW-Konzern herrschte Piëchs Patriarchat, zu Hause das Matriarchat der Frau, eine übliche Aufgabenverteilung bei Männern seiner Generation.

Er galt als mächtiger Strippenzieher und Königsmacher hinter den Kulissen des VW-Konzerns. Die prägende Figur der vergangenen Jahrzehnte ist nun gestorben.
Video: dpa

Dabei konnte auch der Patriarch geschäftlich durchaus einfühlsam sein. Als er einmal in seiner Zeit bei Audi Arbeitsplätze abbauen musste, machte ihm das schwer zu schaffen. „Die weinenden Familienmitglieder der Betroffenen vor meiner Tür habe ich nie vergessen. Im Leben mache ich so etwas nie wieder.“ Später als Volkswagen-Boss hatte er seine Lehren aus dem Drama gezogen und war bei der VW-Sanierung kreativ und mitarbeiterfreundlich vorgegangen. Mit der Vier-Tage-Woche und anderen cleveren Schritten gelang es ihm, den Autobauer aus der Krise zu führen. Schon bei Audi und später bei VW suchte und fand Piëch den Schulterschluss mit den Beschäftigten und der in dem Konzern einflussreichen Gewerkschaft IG Metall. Hinzu kamen die Nähe zu den Mächtigen in der Politik und sein enormer Sachverstand als wissenschaftlich orientierter Techniker. All das machte ihn lange derart erfolgreich.

Der Volkswagen-Übervater konnte sich geschickt wegducken

Wer die von Piëch vorgegebenen Ziele nicht erfüllen konnte, wurde aber kaltgestellt und aus dem Unternehmen gedrängt. Mit den Bildern der vom „Alten“ geschassten Manager ließe sich ein großer Saal tapezieren. Neue Männer an seiner Seite mussten sich in der Praxis bewähren. Bestanden sie den Piëch-Test nicht, war ihr Schicksal besiegelt. Das blieb selbst dem früheren BMW-Chef Bernd Pischetsrieder in Diensten von VW nicht erspart.

Der Patriarch war überdies ein gewiefter Kopf-aus-der-Schlinge-Zieher. Als der von Piëch als „Kostenkiller“ geholte José Ignacio Lopez in einem Skandal um von General Motors und Opel mitgebrachte Akten feststeckte, duckte sich der Volkswagen-Übervater gekonnt weg, genauso wie später, als herauskam, dass Betriebsräte auf Kosten von Volkswagen erotische Dienstleistungen gesponsert bekamen. Nie blieb an Teflon-Piëch etwas hängen.

Nur am Ende war er seiner Härte und des dauernden Kopf-aus-der-Schlinge-Ziehens überdrüssig: Als Martin Winterkorn, sein Zögling und langjähriger treuer Weggefährte, im Diesel-Skandal zurücktrat und den Konzern in den Abgrund stürzte, zog Piëch plötzlich die Handbremse. Er verkaufte die meisten seiner Aktien und hörte in einem Leben voller lustvoller und unerbittlicher Kämpfe plötzlich auf, sich zu behaupten.

Piëch ging auf Distanz zu seinem Zögling Winterkorn.

Das war letztlich das Resultat seines in der ganzen Verknappung piëchhaftesten aller piëchhaften Sätze: „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.“ Irgendwie schien es, als ob in den letzten Lebensjahren Piëch auf Distanz zu Piëch gegangen sei. Er wurde zum großen Schweiger, wenn auch Wut in ihm gekocht haben mag. So blieb er seine Version der Abgas-Affäre schuldig.

Dabei hätte man gerne vieles über ihn und sein wundersames Wesen gewusst. Etwa, ob er in den letzten Jahren auf die gelegentlichen Ermahnungen seiner Frau, er solle nicht so böse dreinschauen, immer noch gesagt hat: „Ich kann doch nicht lachen, wenn’s nichts zu lachen gibt.“ Piëch konnte jedenfalls an Fragestellern vorbei ins Leere schauen oder einem die Antwort mit einem ironischen Sekunden-Lächeln und einem heruntergezogenen Mundwinkel schuldig bleiben. Der schlanke Manager mit dem kleinen Kopf nahm sich in derartigen Situationen wohl durchaus bewusst wahr, sagte er doch einmal: „Ich bringe mit meinem Blick manchmal Menschen durcheinander, ohne dass ich es mir erklären kann.“

Wer nach Erklärungen für den komplexen Charakter des Mannes sucht, geht am besten bis in seine Kindheit zurück. Auch hier hat der Biograf Fürweger wichtige Bausteine zusammengetragen. Piëch, der 1999 von einer Fachjury zum „Automanager des Jahrhunderts“ gewählt wurde, war demnach ein „Problemschüler“. Der Auto-Experte erinnerte sich einmal selbst an die wohl schrecklichste Zeit seines Lebens: „Innerhalb eines Jahres fiel ich vom Status des Klassenzweitbesten zu dem eines Sitzenbleibers.“ Er war Legastheniker, ohne dass seine Schreib-Lese-Schwäche damals als solche auffiel. Piëch wurde eine Lehre nahegelegt und man schickte ihn zur Abschreckung sogar auf das Arbeitsamt. Schließlich kam er in ein hartes Internat und wurde selbst ein harter Bursche, so hart, dass er später noch seinen Cousin Wolfgang Porsche als weichen „Waldorfschüler“ lustvoll verspotten sollte.

Mensch, Piëch, musste all das sein?

Audi-Vorstandsmitglied Technische Entwicklung Ferdinand Piech im Jahr 1982 mit einem Goldenen Lenkrad in der Hand neben einem Audi 100 C3 Typ 44.
Bild: Dpa

Aus seiner Sicht wahrscheinlich schon. Dabei war der oft als humorlos beschriebene Manager zu Ironie fähig. Über seine Internatszeit hat er gesagt: „Ich bin als Hausschwein aufgewachsen und musste als Wildschwein leben.“ Seine Wildereien waren erfolgsgekrönt. Denn er hat mit den Grundstein dafür gelegt, dass Audi zu einer Marke aufsteigen konnte, die mit Mercedes und BMW auf Augenhöhe rangiert. Und Piëch rettete Volkswagen aus einer schweren Krise und machte das Unternehmen zum größten Auto-Konzern der Welt.

Heute dürfen die Mitarbeiter bei Volkswagen und Audi auch Kritik an ihren Chefs üben

In dem Anspruch nach globaler Herrschaft steckte schon der Keim des späteren Skandals. Denn der Konzern versuchte, auch um das ehrgeizige Nummer-eins-Ziel zu erreichen, mit aller Macht etwa auf dem US-Markt Fuß zu fassen. Die Mär der sauberen Diesel aus Deutschland erwies sich, was die Stickoxid-Belastung betraf, indes als Lüge, die Milliardenstrafen nach sich zog. Heute sind die Manager bei VW in Wolfsburg oder deren Kollegen bei Audi in Ingolstadt froh, dass sie im Gegensatz zur früheren Ära der Herrscher Piëch und Winterkorn offen reden und auch Kritik an Vorgesetzten üben können.

Die Zeiten blinden Gehorsams scheinen mit dem Tod des letzten Auto-Patriarchen in den Reihen des Auto-Riesen endgültig vorbei zu sein. Für einen Mann wie Piëch wäre heute kein Platz mehr in der Volkswagen-Welt.

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