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Aichach: Gummistrumpf war gestern: Juzo macht Kompressionswaren modisch

Juzo fertigt in Aichach Kompressionswaren für die ganze Welt.
Foto: Julius Zorn GmbH
Aichach

Gummistrumpf war gestern: Juzo macht Kompressionswaren modisch

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    Kompressionsstrümpfe sind dick, altbacken und eine Strafe für jeden Menschen, der sie tragen muss – oder? Wer eine Diagnose wie Lip- oder Lymphödem bekommt, muss sich mit dem Thema unweigerlich auseinandersetzen. Als sexy gelten die Kompressionswaren nicht. Dass sie dennoch keine lebenslange Strafe sein müssen, beweist das Aichacher Unternehmen Julius Zorn GmbH. 

    Wer eine Kompression verschrieben bekommt, den führt der nächste Weg meist ins Sanitätshaus. Hier wird beraten, ausgemessen und auch mentaler Beistand geleistet. Sind Fragen wie Farbe und Material geklärt, übermittelt das Sanitätshaus die Bestellung an den Hersteller. Im Schnitt drei Tage später trudelt das fertige Produkt dort ein. Was dazwischen passiert, wissen die Patienten meist nicht.

    Julius Zorn persönlich überwacht am Juzo-Stammsitz des Unternehmens an der Münchener Straße die Produktion der Kompressionsstrümpfe und Bandagen sorgsam. Geschäftsführer Jürgen Gold lässt Besucher gern schätzen, aus wie vielen Maschen das gestrickte Porträt des Unternehmensgründers besteht. Er selbst habe bei seiner ersten Schätzung mit 30.000 auch deutlich daneben gelegen. In der Realität sind es über eine halbe Million. Das Porträt hat fast schon Fotoqualität und zeigt, was heute in der Branche alles möglich ist. 

    Firmengründer Julius Zorn – ein Porträt gestrickt mit einer halben Million Maschen nahezu in Fotoqualität.
    Firmengründer Julius Zorn – ein Porträt gestrickt mit einer halben Million Maschen nahezu in Fotoqualität. Foto: Erich Echter

    In der Produktionshalle der Julius Zorn GmbH im Ecknacher Gewerbepark am Aichacher Stadtrand ist es laut und man spürt direkt die Feuchtigkeit, die für die reibungslose Fertigung der Kompressionswaren notwendig ist. Textilien im Allgemeinen, aber besonders die verwendeten textilen Rohstoffe bei der Produktion von Kompressionswaren, sind klimaempfindlich. Verändern sich Temperatur oder Luftfeuchtigkeit, wirkt sich das auf die Maße der Waren aus. Da es bei Kompressionsstrümpfen und Co. aber auf jeden Millimeter ankommt, müssen sie immer gleich bleiben. 

    Bunte Spulen zwischen grauen Maschinen am Aichacher Stadtrand

    Die Geräuschkulisse erzeugen Dutzende Strickmaschinen, die Strümpfe, Hosen oder auch Gesichtsmasken automatisch als „Rohlinge“ fertigen.Mit Maschinen, wie man sie aus dem Hausgebrauch kennt, haben diese Anlagen jedoch nichts zu tun. Natürlich – wir befinden uns ja auch im Textilgewerbe. In hoher Geschwindigkeit fertigen die Automaten das jeweilige Rohprodukt, die Zusammensetzung wird vorher gründlich abgestimmt. In der Maßanfertigung gleichtkein Strumpf dem anderen. Größe, Material, Fadendichte – alles ist ganz individuell. Später erfolgen die Schritte zur Fertigstellung in Handarbeit. „Automatisierung ist in unserer Branche schwierig“, sagt Bernd Mangold, der Produktionsleiter. Viel zu kleinteilig sind die Schritte, um sie mit einer simplen Programmierung erledigen zu können.

    Die verschiedenen Fäden, die hierfür verwendet werden, sind auf bunten Spulen aufgefädelt – die Farben sollen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern helfen, den richtigen Faden schnell zu finden. Fürs Auge sind sie zwischen all dem grauen Metall aber auch eine gelungene Abwechslung, ebenso wie all die bunten Kisten, in denen die Produkte sortiert werden sollen. In der Realität funktioniert das aber nicht immer. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Produkte nicht nur im Etikett, sondern auch im Produkt selbst mit der Auftragsnummer versehen werden – schließlich soll der Kunde oder die Kundin, die Kniestrümpfe braucht, nicht am Ende eine Strumpfhose auspacken.

    Schnelligkeit ist bei Kompressionsstrümpfen entscheidend

    Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen hoch konzentriert sein, damit ihnen hier kein Fehler unterläuft. Ein Fehler würde bedeuten, dass der Herstellungsablauf gestört wird. Der Weg zum fertigen Produkt kann lang sein: Allein das Färben eines schwarzen Kompressionsstrumpfes dauert etwa sechs Stunden. Vorher muss er gefertigt werden, er muss in die Näherei, nach dem Färben trocknen, anschließend zur Endkontrolle und schließlich in den Versand. Bei einem unkomplizierten Auftrag kann das Produkt Juzo innerhalb von 24 Stunden verlassen. Unkompliziert, das bedeutet etwa ein beiger Standardstrumpf ohne einen Zusatz. Kommen aber Dinge hinzu wie ein Reißverschluss oder Trikotfutter, soll der Strumpf nicht beige, sondern schwarz, blau oder pink werden, dauert die Herstellung entsprechend länger. Passieren Fehler, verzögert sich die Fertigstellung weiter. Nicht für jede Patientin, nicht für jeden Patienten ist das ein Problem. Doch es gibt auch jene, die etwa im Krankenhaus liegen und ohne ihre Kompression nicht entlassen werden können. 

    Viele Hände arbeiten an den Produkten, vom Techniker über die Näherinnen bis hin zu UPS, die die Kompression schließlich an Sanitätshäuser ausliefern. „Am einfachsten Kompressionsstrumpf ohne große Zusätze sind etwa 16 Mitarbeiter beteiligt“, erklärt Mangold dazu. Ist das Produkt komplizierter, arbeiten noch mehr Menschen daran.

    Hohe Konzentration ist bei der Fertigung gefordert.
    Hohe Konzentration ist bei der Fertigung gefordert. Foto: Julius Zorn GmbH

    Die Julius Zorn GmbH blickt hinter die Krankheit

    Die Stimmung unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist gut. Überall begegnet man auf dem Weg durch die Produktion lächelnden Menschen, jede und jeder hier scheint die eigenen Aufgaben gern zu erledigen. Das gilt für die Männer, die an den großen Maschinen stehen, ebenso wie für die Näherinnen, die in Sekundenschnelle Etiketten, Haftbänder oder Zwickel an die maschinengestrickten Produkte anbringen. Das hat auch einen Grund, wie die Leiterin der Personalabteilung, Marion Huber, erzählt: „Die Menschen hier sehen einen Sinn in dem, was sie tun. Hinter allem, was wir tun, steht immer der Patient, egal, ob ich jetzt Pakete mit Materialien annehme oder mich um die Technik kümmere.“

    Gute Laune bei den Mitarbeitern.
    Gute Laune bei den Mitarbeitern. Foto: Julius Zorn GmbH

    Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen nicht, für welche Person sie gerade eine Kompression fertigen. Auf den Aufträgen stehen lediglich eine Auftragsnummer und die Details zur Herstellung. Doch manche Produkte lassen auf schwere Krankheiten schließen: Einmal fertigte Juzo eine Gesichtsmaske ohne Augenaussparungen – der betroffene Kunde hat ein Lymphödem am Auge. Er wird sein Leben lang eine Kompressionsmaske tragen müssen. Ein anderer Auftrag, der Mangold in Erinnerung geblieben ist, ist ein Kompressionsstrumpf, der aus vier Teilen gefertigt werden musste. „Anders hätte man die extremen Umfänge gar nicht abdecken können.“ Mit Übergewicht muss so ein Problem jedoch nichts zu tun haben. Ein Lymphödem in Stadium drei „reicht“. In diesem Endstadium der Erkrankung können Beine – aber auch andere Körperteile – so stark und dauerhaft geschwollen sein, dass sie mehr als den doppelten Umfang von normalen Gliedmaßen haben. Das ist nicht nur eine körperliche, sondern auch eine hohe emotionale Belastung. 

    Jürgen Gold: Vor allem Kinder sind Juzo wichtig

    Auch großflächige Verbrennungen gehören zu den Dingen, die Julius Zorn versorgt – bei Erwachsenen und auch Kindern. Wie schwierig es sein muss, einem Säugling einen Kompressionsstrampler anzuziehen, kann man beim Anblick eines solchen nur erahnen. Je nach Verbrennungsgrad müssen solche Kompressionen zum Teil bis zu zwei Jahre getragen werden. Für Kinder und Eltern eine Herausforderung. Damit es für die Kleinen und Kleinsten etwas erträglicher ist, kommen die Produkte in hellen, freundlichen Farben und mit aufgenähten Patches. Von einem winzigen Handschuh lächelt mir beispielsweise ein Krebs im Comic-Stil entgegen. Dass besonders Kinder dem Unternehmen am Herzen liegen, erklärt Geschäftsführer Gold mehrfach. 

    Gerade weil die Krankheitsbilder mitunter schwer sind, ist es dem Unternehmen wichtig, das Optimale für seine Kundinnen und Kunden herauszuholen. Jeder, der bei Julius Zorn arbeitet, nimmt Anteil an den vielen Schicksalen, mit denen sie tagtäglich zu tun haben – auch, wenn sie selten die dazugehörigen Namen und Gesichter kennen. Alle Mitarbeiter stecken viel Herzblut in Produkte, die von den Patientinnen und Patienten auch getragen werden möchten. Denn wer solche Kompressionswaren kennt, weiß, dass sie insbesondere im Sommer zur Belastung werden können – und viele Patientinnen und Patienten die Waren deshalb nicht konsequent tragen. Für die Behandlung des jeweiligen Krankheitsbildes ist das aber entscheidend. Deswegen gibt es inzwischen eine ganze Fülle an Produkten in unterschiedlichen Dicken, Stoffen und auch Farben. Viel gemein hat das nicht mehr mit „Omas Gummistrumpf“ in mittlerem Beige, den viele beim Thema Kompressionsstrumpf sofort im Kopf haben. 

    Vorgaben muss Juzo trotz aller Möglichkeiten erfüllen

    Dass die Möglichkeiten dennoch beschränkt sind, erklärt Jürgen Gold. „Es ist und bleibt ein Medizinprodukt. Dass die Materialien je nach Erkrankung eine gewisse Dicke und auch Steifigkeit haben, hat Gründe – sie sollen von außen stabilisieren.“ Inzwischen gibt es auch dünne Kompressionsstrümpfe, dennoch werden sie nie mit gewöhnlichen Baumwollsocken zu vergleichen sein. „Dieses Druckgefühl wird nie ganz wegzukriegen sein“, ergänzt Mangold. Viele Patientinnen und Patienten würden dieses Gefühl nach einer gewissen Eingewöhnungszeit aber auch brauchen und würden gar keine Produkte wollen, bei denen dieses fehlt.

    Fertigstellung in Handarbeit.
    Fertigstellung in Handarbeit. Foto: Julius Zorn GmbH

    Hinzu kommt die Tatsache, dass sich das Unternehmen, wie jedes andere auch, an Regularien halten muss. Diese sind im medizinischen Bereich recht streng, seit Mai 2021 gilt die MDR – die Medical Device Regulation, eine Medizinprodukteverordnung der Europäischen Union. Sie ist für alle Hersteller von Medizinprodukten verpflichtend, also auch für Juzo. Sie müssen sich bei Medizinprodukten an hohe Vorgaben für Qualität, Patientensicherheit, Nachvollziehbarkeit und damit die Dokumentation in der Entwicklung und in der Produktion halten. Wie Kompressionswaren am Ende aussehen, entscheidet der Hersteller also nur bedingt.

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