Wenn Viktor über seinen Bauernhof in der Ukraine erzählt, leuchten seine Augen. Auf dem Handy hat der 64-Jährige Fotos von Birnbäumen, Johannisbeersträuchern und Feldern voller Kohlköpfe. Und Bilder von seinem Enkel Orest und Tochter Marina, auf die er mindestens genauso stolz ist wie auf sein Lebenswerk. Marina sitzt mit ihrem Vater am Küchentisch von Familie Blobel in Haunstetten, während Orest im Wohnzimmer spielt. Dass Tochter und Enkel in Deutschland in Sicherheit vor dem Krieg in ihrer Heimat Ukraine sind, ist für den Landwirt das größte Geschenk. Ob er seine Felder in Czernowitz wiedersieht, ist dagegen ungewiss.
In Augsburg und Umgebung haben viele Menschen ihre Häuser und Wohnungen für Geflüchtete aus der Ukraine geöffnet. Manche stellen ganze Einliegerwohnungen zur Verfügung, andere rutschen zusammen und schaffen Platz im Gäste- oder Kinderzimmer. Bei der Stadt sind mehrere Hundert Angebote im Bereich einzelner Zimmer eingegangen, ganze Wohnungen sind es im unteren einstelligen Bereich, berichtet Sozialreferent Martin Schenkelberg auf Anfrage. Auch Angebote von kirchlichen Verbänden wie Caritas und Diakonie seien eingetroffen, die noch geprüft würden. Andere Menschen finden unbürokratisch über private Initiativen wie den Ukraine-Verein eine Bleibe. Und auch Organisationen wie der Lions-Club und Rotary nutzen ihre Netzwerke, um zu helfen.
"Die Hilfsbereitschaft in Augsburg ist enorm."
Natalija Blobel
Viktor und Marina haben in dieser Geschichte keine Nachnamen. Das liegt an ihrer Angst vor dem Regime in Moskau. Denn Viktor muss noch einmal zurück über die Grenze, um auch seine Ehefrau aus dem Kriegsgebiet zu holen, die dort noch ausharrt. Dass Opa, Tochter und Enkel in Augsburg in Sicherheit sind, verdanken sie ihrer Gastfamilie, die angesichts der Bilder von Krieg und Vertreibung nicht tatenlos zusehen wollte und kurzerhand einen eigenen Hilfseinsatz an die rumänische Grenze organisierte, wo Tausende ukrainische Flüchtlinge gerade in Turnhallen und Zeltstädten ausharren.
Über den Lions-Club Augsburg - Elias Holl organisierte Philipp Blobel mehrere Fahrzeuge, die mit Hilfsgütern beladen nach Rumänien aufbrachen. "Wir hatten von Anfang an vor, so viele Menschen wie möglich von dort mitzubringen", sagt der Unternehmensberater, der mit einer Lettin verheiratet ist. Während Blobel und seine Mitstreiter mit Unterstützung einer Hilfsorganisation vor Ort insgesamt 19 Flüchtlinge in die Autos packten, organisierte Ehefrau Natalija Blobel von zu Hause aus eine erste Unterbringung für zehn Flüchtlinge, die schließlich bis nach Augsburg mitkamen. Andere wurden in den Zug nach Berlin, Hamburg und Stockholm gesetzt.
"Die Hilfsbereitschaft in Augsburg ist enorm", sagt Natalija Blobel. Sie hat eines der Kinderzimmer ausgeräumt und eine Schlafcouch aufgestellt. Dort können sich die Gäste aus der Ukraine jetzt erst einmal zurückziehen und Kraft nach der aufreibenden Flucht tanken. Ihr Mann ist von der Bescheidenheit und Dankbarkeit der Gäste angetan. "Der einzige Wunsch, den sie nach der langen Reise hatten, waren Hygieneartikel und eine heiße Dusche", sagt er. "Die Unterbringung im Kinderzimmer ist sicher keine Dauerlösung – aber sie können gerne bleiben, solange es notwendig ist", bekräftigt er. Für fast alle Flüchtlinge, die mit ihm aus Rumänien kamen, konnte mittlerweile eine längerfristige Wohnlösung gefunden werden.
"Das ist das Mindeste, was wir tun können."
Henryk Pich
Bei Henryk Pich im Augsburger Stadtteil Hammerschmiede ist eine vierköpfige Familie aus der Ukraine untergekommen. Es ist eine ruhige Wohngegend, vom Garten aus hört man nur ein paar Schulkinder von nebenan, die gerade Pause haben und draußen das schöne Wetter genießen. So wie Golden-Retriever-Hündin Roxy im Hof der Pichs. Sie gehört zu der Familie aus der Ukraine, die die Augsburger vergangenen Montag bei sich aufgenommen haben. Sie wohnen nun vorübergehend in der rund 60 Quadratmeter großen Einliegerwohnung der Pichs, in der die sonst Familie und Freunde, die in Augsburg zu Besuch sind, beherbergen.
"Wir sind so dankbar. Dafür gibt es gar keine Worte", sagt der Familienvater aus der Ukraine auf Englisch. Er möchte anonym bleiben, schließlich hätte er seine Frau und die beiden Kinder eigentlich nicht nach Deutschland begleiten dürfen. Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen die Ukraine derzeit nicht verlassen. Die Strapazen der Flucht, die Sorge um sein Land, aber auch um Familienangehörige, die noch vor Ort sind, sind dem Mann anzusehen. "In Gedanken bin ich immer noch dort", sagt er.
Langsam nähern sich die Pichs und die Familie aus der Ukraine einander an. "Sie sollen erst mal ankommen, zur Ruhe finden – sofern das überhaupt geht", sagt Henryk Pich, der ebenfalls zwei Kinder hat und als Arzt arbeitet. Auch seine Frau ist Medizinerin. Wie der Zufall es will, ist sein Gast aus der Ukraine Chirurg, dessen Frau Krankenschwester. Der Ukrainische Verein hatte sie zusammengeführt. "Wir hatten keine Wünsche angegeben, wen wir beherbergen wollen. Das spielt für uns auch keine Rolle, wir hätten jeden aufgenommen", sagt der 46-Jährige. "Das sind unsere Nachbarn. Natürlich helfen wir ihnen. Das ist das Mindeste, was wir tun können."
"Noch eine Mutter mit Kind würde schon gehen – dann rücken wir eben noch enger zusammen."
Ilona Popova
Ilona Popova und Stanislav Popov wohnen in einem kleinen Reihenhaus in Untermeitingen. Die Familie ist zu fünft, neben den Eltern gibt es noch zwei Kinder und einen fast volljährigen Pflegesohn. Popova ist aus der Ukraine, ihr Mann hat russische Wurzeln. Der Platz reicht für die Familie, doch Platz für Gäste ist eigentlich nicht vorgesehen. Jetzt wohnt auf der Couch im Wohnzimmer Natalia Maryshchuk, die Tante von Ilona Popova.
Vor wenigen Tagen hat sie sich in ihrem Heimatdorf Orlyntsi auf die weite Reise zu ihrer Nichte aufgemacht – nur mit einem kleinen Rucksack, in dem sie ihre Papiere und ein kleines Radio transportierte. "Meine Tante hat kein Smartphone, nur ein einfaches Handy, das Radio war ihre wichtigste Quelle, um unterwegs Informationen zu bekommen", berichtet die Nichte.
Ihre Geschichte ähnelt der vieler Flüchtlinge. Als Raketen in ein wenige Kilometer von ihrem Dorf gelegenes Tanklager einschlugen, packte sie das Nötigste und versuchte, dem Krieg zu entkommen. Viele Kilometer zu Fuß, ein Lkw-Fahrer nahm sie mit bis zu einer Busstation, von dort ging es weiter nach Polen, berichtet Maryshchuk. Dann saß sie plötzlich in einem Bus nach Berlin – wer sie da mitgenommen hat, kann sie gar nicht sagen. In Berlin habe es einen großen Empfang gegeben, viele Helfer hätten die Menschen mit Essen und Trinken versorgt. Ein Student nahm sie und einen weiteren Flüchtling mit nach Hause und half ihr am nächsten Morgen noch, ein 0-Euro-Ticket nach Augsburg zu lösen. Jetzt ist sie glücklich, bei ihrer Nichte untergekommen zu sein.
"Wir haben keine Ahnung, wie lange meine Tante bei uns auf der Couch wohnen wird – aber das ist gerade völlig egal", sagt die 30-jährige Ilona Popova, die in einem großen Lebensmittelmarkt arbeitet. Und wenn wirklich Not am Mann wäre, würden sie auch noch ein oder zwei Flüchtlinge aufnehmen. "Noch eine Mutter mit Kind würde schon gehen – dann rücken wir eben noch etwas enger zusammen."
"Auch wenn sie eine eigene Wohnung haben, wollen wir weiter für sie da sein."
Anja Steiner
Die App "Google-Übersetzer" ist bei Anja Steiner und ihrem Ehemann Alex Ferstl gerade das wichtigste Hilfsmittel. "Ein tolles Ding – man spricht hinein und die App übersetzt und spricht das Gesagte in Ukrainisch", freut sich Vater Alex. Denn ihre Gäste Antonina Kinzerska und Yurii Peschynskyi aus Kiew sprechen kein Wort Deutsch. "Man möchte es nicht glauben, dass man auf diesem Wege auch richtig gute Gespräche führen kann", ergänzt seine Frau.
Zwei Nächte und einen halben Tag hat es gedauert, bis das ukrainische Paar nach der Flucht vor den Bomben und der langen Reise bis nach Augsburg auch seelisch in der Sicherheit angekommen ist, hat Anja Steiner beobachtet. Jetzt sind sie schon fast Familienmitglieder und gute Freunde geworden, die mit der Familie lachen können und sich schnell an das ruhige Leben in Augsburg gewöhnt haben. Während Anja Steiner erzählt, kocht Antonina Kinzerska im Hintergrund ein traditionelles Abendessen aus ihrer ukrainischen Heimat. Dass mit Yurii ein Mann das Land verlassen konnte, liegt an einer Behinderung, die ihm das Kämpfen unmöglich macht. "Wenn ich ein Gewehr halten könnte, wäre ich geblieben", betont er.
Die Familie, zu der neben den Eltern noch ein Sohn und eine Tochter gehören, hat Platz im Gästezimmer geschaffen, damit das Paar einen Rückzugsort im Haus hat. Für die Familie sei es eine Herzenssache, den an der rumänischen Grenze aufgelesenen Flüchtlingen eine Bleibe anzubieten.
In der Schule sind der Krieg und die Flüchtlingswelle gerade Thema. Dass ihre Kinder das Geschehen auf diese Weise viel direkter erleben können, finden die Eheleute gut. Tochter Lotte hatte zuletzt die Nachrichten vom Krieg nicht mehr sehen wollen – seit die Gäste im Haus seien, habe sie wieder jede Menge Fragen.
Wie lange der Besuch bleiben wird, sei nicht abzuschätzen, aber über Verbindungen ist das Ehepaar bereits dabei, für seine Hausgäste eine Wohnung zu suchen. Anja Steiner betont aber: "Auch wenn sie eine eigene Wohnung haben, wollen wir weiter für sie da sein. Es wird genug Dinge geben, bei denen sie in Augsburg Unterstützung brauchen."