Das Schloss Neubronn wurde als Kapitalanlage verkauft und verpfändet
Porträts, schmucke Kachelöfen, altehrwürdige Beschläge
Manch einem Wanderer oder heutzutage eher dem Freizeitradfahrer mag es auffallen: Im doch eher unbedeutenden Tal der Leibi reihen sich kleine Herrschaftssitze aneinander wie auf einer Perlenkette: Steinheim, Neubronn, Tiefenbach, Holzschwang und Neuhausen. Von letzterem ist freilich nicht mehr allzu viel zu sehen; lediglich ein gotisches Türmchen fristet am Waldrand ein vergessenes Dasein. Idyllisch ja, vergessen nein, dieses Urteil trifft womöglich Schloss Neubronn, nur einen knappen Kilometer südlich der Ortschaft Holzheim gelegen mit Blick in das Leibital, das nahtlos in das wesentlich größere der Roth übergeht.
Hier also vor den Toren der Reichsstadt Ulm erlebten die Patrizier des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit ihre Sommerfrische. Denn eines hatten die meisten der Schlösser im sogenannten Ulmer Winkel gemeinsam: Den Stadtadel zog es weniger auf die raue Alb als vielmehr ins fruchtbare Acker- und Weideland jenseits der Donau, welche ja zu jener Zeit bekanntermaßen noch keine Grenze bildete. Mehr noch, oft konnten die betuchten Herrschaften ihr Anwesen sogar auf reichsstädtischem Gebiet errichten, das Ulmer Territorium zählte zu den größten in vornapoleonischer Zeit.
Nun, das mit der Sommerfrische ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen. Die größte Zeit des Jahres verbrachten die Patrizier und Kaufleute tatsächlich innerhalb der Stadtmauern und gingen dort ihren Geschäften nach. Die Schlösschen im Umland dienten, wenn man es so will, als Kapitalanlage. Dort hauste der Verwalter und es wurde ordentlich erwirtschaftet, was zum Leben in der Stadt notwendig war. So wundert es kaum, dass ein Hof Neubronn bereits Anfang des 15. Jahrhunderts als ein vorderösterreichisches Lehen erwähnt wird, wie einer 2013 aufgelegten Monografie zu entnehmen ist.
Das Schloss Neubronn wurde als Kapitalanlage verkauft und verpfändet
Demnach vergaben die Österreicher in deren Funktion als Herzöge das Schloss vornehmlich an Ulmer Familien. Beim Ableben des Lehensgebers oder -nehmers musste der Lehenseid in einer festgeschriebenen Zeremonie erneuert werden. Ferner war das Pfandsystem eine weitverbreitete Praxis: Weil das Kreditwesen nördlich der Alpen noch nicht Fuß gefasst hatte, bestand die Möglichkeit, gegen Hinterlegung eines Pfandes – hier Schlösser, Ländereien und gar ganze Territorien – die benötigte Geldsumme quasi privatwirtschaftlich zu erhalten. Interessanterweise waren es gerade die großen Herrschaftshäuser, wie die Habsburger oder die Wittelsbacher, die von dieser Praxis rege Gebrauch machten: Kriege sind teuer und müssen finanziert werden – vor 500 Jahren so wie heutzutage.
Doch auch den Stadtadel überkam gelegentlich sicherlich das Bedürfnis nach etwas mehr finanziellem Spielraum. So lesen wir in einer Urkunde aus dem Jahr 1403, dass ein Hans von Rot aus dem Ulmer Patriziat den Besitz Neubronn an seinen Vetter Ott Rot verpfändet. Wenige Jahre später findet sich der Hof bei einem anderen bekannten Ulmer Geschlecht, den Besserern, wieder. Hermann Besserer wiederum verkaufte das Gut weiter an seine Schwäger Lukas und Bartholomäus Räm. Dort verbleibt es innerhalb der Familie bis es 1482 an Hans Gienger, seines Zeichens Kaufmann in Ulm, veräußert wurde. Kein Patrizier, galt Hans Gienger doch in jener Zeit als der reichste Ulmer Bürger mit ausgedehntem Grundbesitz vorwiegend im Günz- und Kammeltal.
Die Witwe seines Enkels Christof vermachte den Hof ihrem Schwiegersohn, Matthias Lederer aus Kempten. Dessen Wappenbild aus Glas kann heute noch in Neubronn bestaunt werden. Dieser Matthias Lederer war es dann offensichtlich auch, der das Schlösschen erbauen ließ, wie wir es heute kennen. Der einzige Hinweis darauf findet sich in einer Urkunde aus dem Jahr 1577, in welcher im Rahmen eines Verkaufs vermerkt ist: dazu auch mein new erbawtte behaußung. Durch diesen erneuten Verkauf kam Neubronn nochmals in den Besitz der Gienger und durch eine neue Eheverbindung der Tochter Anna Maria Gienger (nit schön von Leib und Angesicht, aber reich von Gelt) schließlich an die Familie der Baldinger.
Zwischenzeitlich aus dem Lehensverbund mit Habsburg-Österreich ausgeschieden wurde Neubronn als sogenanntes Kunkellehen gehandhabt, was eine Vererbung in weiblicher Stammesfolge ermöglichte. Nun alle Schlossherren und -damen aufzuführen, würde den Rahmen dieser Serie sprengen und zudem nur für eingefleischte Genealogen oder Historiker von Interesse sein. Zudem existiert hierzu mit oben genanntem Buch eine hervorragende Lektüre.
Porträts, schmucke Kachelöfen, altehrwürdige Beschläge
Explizit wollen wir dennoch kurz Johannes von Köhl erwähnen, der seine Verdienste in den Napoleonischen Befreiungskriegen in den Jahren 1814/15 erworben hatte, wofür der württembergische Oberleutnant von seinem König das Adelsprädikat verliehen bekam. Der Atlantikflieger Hermann Köhl zählte zu seinen Nachfahren. Im Laufe der Geschichte schließlich wurde der Besitz geteilt und diese Regelung dauert noch bis in unsere Tage an. Einer der Eigentümer, der zwar nicht dauerhaft in Neubronn residiert, aber dennoch oft im Schwäbischen angetroffen wird, ist Henning von Wistinghausen. Der Diplomat und ehemalige Botschafter in Estland weiß eine Menge über die Schlossgeschichte zu erzählen.
Der dreigeschossige Satteldachbau glänzt mit einer noch weitgehend erhaltenen originalen Ausstattung. Kassettendecken, Holzdielen, vertäfelte Wände und so manch prächtige Truhe oder Kommode zieren den Wohnbereich. Zahlreiche Porträts einstiger Besitzerfamilien schmücken die Wände, schmucke Kachelöfen neben massiven Türen mit altehrwürdigen Beschlägen runden den Eindruck eines wahrhaft historischen Gebäudes ab. Umgeben ist das stattliche Anwesen von einer im Rechteck um das Schloss geführten Mauer aus verputzten Ziegeln. Was allerdings nicht mehr besteht, ist der einstige Weiher. Dieser wurde vor einiger Zeit durch die damaligen Schlossherren trockengelegt. Dafür prangt an der Südseite eine Sonnenuhr, daneben die Jahreszahlen der letzten Baumaßnahmen. Unter all den Schlössern im Ulmer Winkel vermittelt Neubronn vielleicht am besten das Leben des gehobenen städtischen Bürgertums und des niederen Adels in der Frühen Neuzeit.