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Der Westen. Europas Identität

Bild: Elisa Glöckner

Warum verändern Europa-Abgeordnete den Alltag in Brüssel? Wo wurde die Europäische Union komponiert? Weshalb studieren junge Deutsche in Frankreich? Drei Geschichten, drei Länder, drei Städte, ein Streifzug.

Zweiter Tag in Brüssel. Der Kaffee schwappt über, er flucht. "Excusez-moi, Monsieur", entschuldige ich mich für den Fleck auf seiner Bundfaltenhose. Der Geschäftsmann aus Frankreich dreht sich um, wortlos, und biegt die nächste Straße rechts ab. Die Stirn rot. Und so führt mich ein Malheur, wie die Franzosen sagen, ins nächste Café. Zum Glück – hier treffe ich Hélène Dernouchamps, Mutter, Ehefrau, Innenarchitektin und Betreiberin des Café Tich.

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Brüssel.

Bild: Elisa Glöckner

Hélène Dernouchamps führt ein Café, das Franzosen und Kanadier, Togolesen und Briten, Spanier und Kosovaren zusammenbringt. Heute, ein Donnerstag, sitzt sie im rechten Flügel an der einzigen langen Tafel. Ihr dunkles Haar zu einem Zopf gebunden. Jeans und Pulli, ungeschminkt. Im Grunde, sagt die 40-Jährige, sei Brüssel nicht mit Belgien zu vergleichen. Überhaupt sei die Stadt, zumindest aber ihr Zentrum, wie ein Mikrokosmos. Geprägt vom Parlament der Europäischen Union, der Kommission, den Botschaften und den Menschen, die dort arbeiten. Sie reicherten Brüssel an mit ihrer Kultur, sagt die Belgierin, unterstützten es mit ihrem Geld. Allesamt motiviert von der europäischen Idee. Und das sei doch schön, oder nicht?

Seit einem Jahr führt Hélène Dernouchamps das Café Tich im Zentrum Brüssels.
Bild: Elisa Glöckner


Das Tich ist ein Ort, wie man ihm vielleicht schon in Berlin oder Amsterdam begegnet ist. Junge Leute trinken peruanischen Kaffee mit Kokosnusszucker und Mandelmilch, selbst gemacht, in großen Sesseln an kleinen Tischen. Pflanzen sprießen aus Einmachgläsern. Lounge-Musik im Hintergrund, ein Fahrrad an der Wand. Als Innenarchitektin habe sie sich damit einen Traum erfüllt, den eigenen und auch den ihres Mannes, erzählt sie. Den Traum, einen Platz zu schaffen, an dem Nationen zusammenkommen, gemeinsam essen und trinken.

Sophie Marlon und Amélie Chedal kommen regelmäßig ins Café. Beide sind in der Stadt aufgewachsen, haben an der Uni studiert, in Brüssel geheiratet und ziehen inzwischen selbst ihre Kinder groß. "Das Zentrum der Stadt ist wie eine Blase", sagt Sophie Marlon. Kulturen, ein Arbeitsplatz, alles vernetzt. "Das macht das Leben in Brüssel interessant", schiebt Amélie Chedal hinterher. Denn egal, wohin man geht, Kindergarten oder Fitnessstudio, an jeder Ecke sprächen Menschen eine andere Sprache. Oft sei das anstrengend, für den eigenen Blick auf die Welt aber hilfreich. "Wer hier wohnt, kennt keinen Rassismus."

Das ist die eine Seite der Medaille. Doch wie so oft im Leben gibt es da eben auch noch die andere, die hässlichere Seite: Brüssel ist als Islamisten-Hochburg verschrien, viele Attentäter hatten in der Stadt Unterschlupf gefunden, als "Terrornest" wird der Bezirk Molenbeek gegeißelt. Es ist ein schwieriges Pflaster, ein umkämpftes zugleich. Denn in keiner Stadt Europas gibt es mehr Lobbyisten als in Brüssel: 25.000 Männer und Frauen versuchen im Sinne ihrer Unternehmen Einfluss auf die EU-Politik zu nehmen. Brüssel als Moloch. Brüssel als Hasssymbol. Brüssel als Inbegriff für so vieles, was tatsächlich oder scheinbar schiefläuft in diesem Europa. Mehr Apparat als Stadt.

"Die europäische Idee ist ziemlich cool."
Hélène Dernouchamps

Allein für das Parlament arbeiteten im vergangenen Jahr 4903 Beamte und Bedienstete – Assistenten nicht mitgezählt. "Diese Leute haben Geld. Mehr als die meisten von uns", erklärt Hélène Dernouchamps. Und sie geben es aus, vor allem für gutes Essen und Kaffee. Dernouchamps sieht es positiv: "Diese Leute haben ihr Land verlassen, um in einem anderen glücklich zu werden", sagt die 40-Jährige. Dementsprechend offenherzig und umgänglich seien sie. So umgänglich, dass einige zu Freunden der Familie geworden sind. Wiederum andere sind zwar keine Freunde, brächten bei ihren Besuchen aber oft heitere Geschichten mit. Journalisten zum Beispiel, die ihre Blogeinträge und E-Mails bei einem Matcha-Latte-Almond abtippen. Abgeordnete, die von ihren Differenzen mit dem EU-Nachwuchs erzählen. Bodyguards, die von ihren Erfahrungen mit einem zweifelhaften US-Präsidenten berichten. "Ein schöner Mann. Groß, smart und gutaussehend", so der Eindruck der Café-Besitzerin. "Der Bodyguard, nicht Trump." Sie lacht.

Das Publikum ist international, das Tich hat sich angepasst. Ein Brasilianer fragt auf Englisch nach der Befindlichkeit, bevor er die Bestellung aufnimmt. "Ein Americano, bitte. Dazu Energy-Balls." Alles organisch. Eine Französin steht an der Theke, brüht Tee. Eine Belgierin räumt das Geschirr ab. Und auch Asiaten, Afrikaner, Amerikaner jobben in den Lokalen der Familie, die meisten von ihnen Studenten.

Klar, meint die Brüsselerin, die Arbeit mit unterschiedlichen Nationen sei nicht immer einfach. Jedes Individuum bringe einen Charakter, bestimmte Eigenheiten mit. Hin und wieder komme es zu Verständigungsproblemen, Konflikten. Außerdem wechsle das Personal häufig. "Die jungen Leute kommen, sie gehen, sie wollen umziehen und wollen mehr." Offene Grenzen, die Freizügigkeit und Währung Europas erleichterten es ihnen, in jeden Winkel des Kontinents zu reisen. Doch, und das sei wichtig, auch wenn es manchmal schwierig fürs Geschäft ist: "Die europäische Idee – viele Länder in nur einem verankert – ist die Zukunft, ist wichtig und ziemlich cool."

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Schengen.

Bild: Elisa Glöckner

Wo aber liegt der Ursprung der europäischen Idee? Im sogenannten Schengen-Raum. 22 der 28 EU-Mitglieder gehören dem Gebiet an: neben den fünf Gründernationen Deutschland, Frankreich, Belgien, die Niederlande und Luxemburg auch Dänemark, Estland, Finnland, Griechenland, Italien, Lettland, Litauen, Malta, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien und Ungarn. Weiterhin sind auch die Nicht-EU-Länder Island, Liechtenstein, Norwegen und die Schweiz dabei. Andere EU-Staaten wie Großbritannien, Irland und Zypern sind nicht Teil des Schengen-Raums, während Bulgarien, Rumänien und Kroatien die Vollmitgliedschaft anstreben. Alles heile Welt also? Von wegen! In den vergangenen Jahren, während der Flüchtlingskrise, wurde "Schengen" geradezu zum Kampfbegriff. Überall sollten die Grenzen auf einmal wieder kontrolliert werden – selbst in Deutschland gab man auf einmal die Losung aus: Keine Grenzen sind auch keine Lösung.

Und dennoch, ein Vertrag hat Schengen zum bekanntesten Dorf der Welt gemacht. Wo liegt dieser Ort? Zwischen Weinbergen. Ich habe ihn besucht.

Roger Weber war von 2000 bis 2011 Bürgermeister der Gemeinde Schengen.
Bild: Elisa Glöckner


Drei Chinesinnen stehen vor einer Tankstelle, starren auf ein Schild. Frankreich zwei Kilometer, lesen sie, Deutschland ein Kilometer, schwarz auf gelb. Die Frauen schnallen ihre Rucksäcke ab und ziehen Kameras heraus. Drücken ab. Einmal, vier Mal, zehn Mal. Halten fest, was für sie besonders ist, für Europäer normal – die Grenzenlosigkeit.

Das bekannteste unbekannte Dorf der Welt hat 600 Einwohner. Es liegt an der Mosel, im Dreiländereck von Frankreich, Deutschland und Luxemburg. Um es herum wölben sich Weinberge, mittendrin die Winzerhäuser. In Schengen gibt es keinen Bahnhof, die Touristen kommen per Bus, etwa 50.000 im Jahr – um die "Wiege vom grenzenlosen Europa" zu sehen. Die Stelen aus Stahl, die an das Abkommen erinnern. Teile der Berliner Mauer, die vor Alleingängen warnen. Drei Säulen der Nationen. Denkmäler, Skulpturen. Und ein Museum, das die Geschichte zusammenträgt.

Alles begann vor fast 34 Jahren. An einem Freitag, 14. Juni 1985, als das Schiff Princesse Marie-Astrid Kurs auf Schengen nahm. An Bord trafen sich fünf Vertreter aus Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, Frankreich und Deutschland. Sie kamen zusammen, um ein Vertragswerk zu unterschreiben, das erste Schengener Abkommen. Sie besiegelten die Grenzöffnung und tranken ein Glas Moselwein. Zur selben Zeit fuhr Roger Weber mit seinem Traktor in die französischen Weinberge. "Ich wusste, dass da etwas passiert", erinnert sich der 68-jährige Winzer. "Ein Großereignis war das Abkommen aber nicht." Weder Präsidenten noch Minister, nur deren Staatssekretäre seien angereist, eine kleine Schar Journalisten. Roger Weber fuhr vorbei. "Ich habe nicht einmal gehalten."

Die 56-jährige Susanne Maass führt Touristen durch die luxemburgische Gemeinde Schengen.
Video: Elisa Glöckner


Aus den Wolken quetschen sich erste Regentropfen. Für drei Chinesinnen Anlass genug, die Tour durch Schengen zu beenden. Vier Stopps, 35 Minuten und etwa zehn Motive hat es gedauert, um Europa zwischen Weinbergen zu erkunden. Roger Weber lacht. Noch immer seien einige Besucher überrascht von der Beschaulichkeit des Dorfs. Aber – und diese Anekdote erzählt der 68-Jährige gerne – selbst François Mitterrand, der ehemalige französische Präsident, habe 1985 nicht gewusst, wo Schengen liegt und es in den Niederlanden verortet. Überhaupt habe damals kaum einer an einen Kontinent ohne Grenzen geglaubt, erklärt der Mann, der von 2000 bis 2011 Bürgermeister der Gemeinde Schengen war. "Die meisten gingen davon aus, dass sich nichts ändern werde", sagt Roger Weber.

Tatsächlich kam es anders. Zehn Jahre nach der beschaulichen Szene auf dem Moseldampfer Marie-Astrid wurden die Grenzen 1995 schrittweise geöffnet. Die Grenzerhäuschen verschwanden, der Zoll tat es ihnen gleich. Reisefreiheit wurde selbstverständlich.

Drei Tage, (k)eine Grenze

Wie sieht das heute im Alltag aus? Während meiner Recherchen in Schengen, schlafe ich drüben in Perl, auf der deutschen Seite der Mosel. Innerhalb von drei Tagen überquere ich zwölf Mal die Grenze, um Termine wahrzunehmen und Personen zu treffen. Die Anzahl der Grenzkontrollen? Null. Das Protokoll eines Wochenendes.

Samstag, 6. April
15.36 Uhr Bahnhof Perl, steige aus dem Zug. Kann von hier aus Luxemburg und Frankreich sehen.
17.45 Uhr Habe im Hotel auf der deutschen Seite der Mosel eingecheckt. Mache mich auf den Weg in Richtung Luxemburg. Distanz: 1,8 Kilometer. Dauer: etwa 20 Minuten.
17.47 Uhr Drehe um. Wasser vergessen.
17.53 Uhr Starte mit Wasserflasche nochmals vom Hotel in Richtung Luxemburg.
18.13 Uhr Erster Grenzübergang seit Ankunft. Regen.
19.10 Uhr Lust auf Schokolade. In Luxemburg zu teuer. Hüpfe rüber nach Deutschland, kaufe vier Tafeln, weiß mit Zitronengeschmack. Grenzübergang 2.
19.30 Uhr Überquere mit Schokolade und Lächeln die Mosel. Grenzübergang 3.
22 Uhr Habe mit sechs Menschen über Schengen gesprochen. Trete Heimweg an. Grenzübergang 4.

Sonntag, 7. April
12.30 Uhr Habe ausgeschlafen und ausgiebig gefrühstückt. Brötchen, Käse. Erdbeermarmelade. Laufe vom Hotel nach Luxemburg. Schaffe es heute vielleicht in 18 Minuten.
13.03 Uhr 18 Minuten, neuer Rekord. Grenzübergang 5. Die Sonne scheint.
19.30 Uhr Bin müde, will schlafen. Gehe zurück ins Hotel. Grenzübergang 6.
23 Uhr Ziehe meinen Schlafanzug aus, laufe zu einer Tankstelle auf der anderen Seite, um einen Tankwart zu treffen. Grenzübergang 7.
23.30 Uhr Tankwart will nicht in die Zeitung. Gehe wieder nach Deutschland, ins Bett, frustriert. Grenzübergang 8.

Montag, 8. April
9.55 Uhr Begleite die Landfrauen Wiesbaden bei einer Europa-Tour. Beginn: 10.30 Uhr. Treffpunkt: Europa-Museum. Grenzübergang 9.
16 Uhr Habe mich mit dem ehemaligen Bürgermeister Schengens unterhalten. Er fährt mich zurück zum Hotel. Grenzübergang 10, diesmal im BMW.
19.30 Uhr Will anderen Tankwart finden. Es ist dunkel. Grenzübergang 11.
21.50 Uhr Sechs Tankstellen abgelaufen, keinen Tankwart gefunden. Dafür Sabine, die Service-Kraft.

Sabine von der Tanke in Schengen sinniert über Europa

Sabine, um die 60, spricht mit Saarländer Akzent und arbeitet als Servicekraft an einer Schengener Tankstelle nahe der Autobahn A 13. Bei ihr an der Kasse, erzählt sie, träfen Franzosen, Deutsche und Luxemburger aufeinander – vornehmlich um Dinge zu kaufen, die in Luxemburg geringer versteuert sind. Sprit, Kaffee, Schnaps und Tabak.

Klar, schaffe es mehr Arbeit als nötig. Sagt Sabine. Die Leute kämen zu Hunderten in ihren Laden und verließen ihn mit Fusel, Kippen und pfundweise Kaffee. Das sei nun mal ihr Job, Europa deshalb nicht unbedingt schlecht.

Viele hielten Schengen nach wie vor für ein Fantasiewort, sagt Roger Weber, früherer Bürgermeister der Gemeinde.
Bild: Elisa Glöckner


Gut, meint Sabine, die vielen Ausländer auf der deutschen Seite nervten schon. Besonders am Samstagabend halb acht im Aldi. Da stünden sie in Schlangen an, um für die nächsten 14 Tage zu hamstern. Wasser, Toilettenpapier, Tomaten en masse. Zugegeben, das würde sie an deren Stelle auch. Und was soll’s, deswegen sei Europa nicht schlecht.

Ja, der Verkehr, der gehe ihr auf den Keks. Rüber, nüber, sagt Sabine. So geht das die ganze Zeit. Morgens und abends. Luxemburger, Franzosen. Aber auch die Deutschen. Beschweren dürfe sie sich nicht, gehöre ja selbst dazu. Für sie und ihren Job sei Europa nicht schlecht.

Aber die Jugend, ja die Jugend, die sei unvernünftig. Keinen Sinn mehr für Schengen, wüssten nicht, auf welchem Boden sie gehen. Historisch, sagt Sabine. Ein Boden von Bedeutung. Gerade die Jugend sollte Europa stützen, hätte sie doch nie erlebt, wie es früher einmal war.

22.45 Uhr Schleppe mich über die Grenze ins Bett. Grenzübergang 12.

Dienstag, 9. April
8.50 Uhr Heute kein Grenzübergang, nur Besuch von Supermarkt. Steige mit ausreichend Schokoladen-Proviant in den Zug. Neuer Zielort: Paris.

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Paris.

Bild: Elisa Glöckner

Er ist Hoffnung und Enttäuschung gleichermaßen. Senkrechtstarter und Rohrkrepierer. Emmanuel Macron. Gemeinsam mit Deutschland gilt Frankreich als das Herz Europas. Gemeinsam waren die beiden Länder stark. Doch der Elan, er schwindet zusehends. Während Kanzlerin Angela Merkel ihre Kanzlerschaft auslaufen lässt, findet Macron zwar noch mitreißende Worte. Doch macht er wirklich neue Vorschläge? Im Inneren setzen ihn die Gelbwesten unter Druck, außen findet er kaum Unterstützer für seine europäischen Reformideen. Bei der Europawahl liefert sich Macrons Partei La République en Marche in Frankreich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Marine Le Pens Rassemblement National. Es steht sinnbildlich für die Situation in Europa – Progressive gegen Populisten.

Während die große Politik also kämpft und strampelt, gibt es im Kleinen ganz andere Themen. Über Facebook habe ich zwei junge Deutsche gefunden. Sie studiert an einer Elite-Uni, er ist Teil des Erasmus-Programms. Ich habe sie zu Hause besucht, in einem Café getroffen. Ihre Lebensrealität könnte unterschiedlicher nicht sein.

Chaos in der Stadt der Liebe: Emmanuel Macron, Europas Unterstützer, kämpft gegen Gelbwesten und Nationalismus.
Bild: Elisa Glöckner


Paris sei wie eine Schnapspraline, sagt Anja Heckendorf. Verführerisch von außen, bitter von innen. Die 23-Jährige verzieht das Gesicht, als fülle sich ihr Mundraum mit Himbeergeist in Zartbitterschokolade. Sie möge nichts Hochprozentiges, beteuert sie. Seit drei Jahren studiert die Badenerin in Frankreich, seit einem in Paris. Von der Stadt, ihren Sehenswürdigkeiten und Museen hat sie bisher nicht viel gesehen, nicht einmal den Louvre. Egal, wiegelt sie ab, ihr bliebe ja noch Zeit. Zeit, um das Studium zu beenden, ein Praktikum zu finden, Paris zu erkunden, es wieder zu verlassen. Denn viele kämen hier an, in der Cité d’Amour, mit einer romantischen Idee. Die Realität falle nüchtern aus, besonders dann, "wenn man sich mit Wohnungssuche, Bürokratie und Versicherung auseinandersetzen muss".

Anja Heckendorf, blonder Bob, Brille, sitzt in ihrer Küche in einem Zwei-Zimmer-Apartment, 14. Arrondissement im südlichen Zentrum der Stadt. Viele Stunden verbringt sie hier, vor allem um zu lernen. Die 23-Jährige absolviert einen Master im Fach Marketing und Kommunikation an einer sogenannten Grande École.

"Wer hier war, ist stressresistent."
Anja Heckendorf über die Elite-Universität Sciences Po

Hochschulen wie ihre, die Sciences Po, bilden die akademische Elite Frankreichs aus. Präsidenten wie Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy wurden hier geformt. Insgesamt nimmt die Uni weniger als zehn Prozent aller Bewerber an. Wer es trotzdem schafft, muss in kürzerer Zeit mehr leisten als jene Studenten, die eine normale Hochschule besuchen. "Wer hier war, ist stressresistent", sagt die junge Frau – und lacht.

Aufgewachsen ist Anja Heckendorf an der deutsch-französischen Grenze in der Nähe von Offenburg. Damals als Teenager, erzählt sie, sei sie oft nach Straßburg gefahren, um mit Freunden shoppen zu gehen. 30 Minuten Bummelzug. Keine Passkontrollen. "Ein Japaner könnte das nicht." Ein Europäer schon. Und obwohl sie nach dem Abi immer weg wollte, raus in die Welt, vermisst sie die badischen Wälder. Die liegen heute zweieinhalb Stunden entfernt, das Großstadtleben vor der Tür.

Eine Küche in Plaisance: Anja Heckendorf studiert an der Sciences Po, einer Grande École in Paris.
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30.000 Euro muss Anja Heckendorf für zwei Jahre Auslandsstudium an einer Grande École zahlen. Weil ihre Eltern diese Summe nicht stemmen konnten, nahm die Tochter einen Kredit auf. Eben das sei ein Punkt im europäischen System, der sie störe, sagt die junge Frau. "Jeder findet die EU toll", und das sei sie auch. "Wenn es aber darum geht, im EU-Ausland zu studieren, hat man kaum Finanzierungsmöglichkeiten."

Um Geld muss sich Justin Trautmann, 23, weniger Gedanken machen. Wie Anja Heckendorf gehört auch er zu den rund 10.000 Deutschen, die in Frankreich studieren – allerdings als Teil von Erasmus. Ein Programm, das seit 1987 von der EU gefördert wird und Studierende bei einem befristeten Auslandsaufenthalt finanziell und organisatorisch unterstützt.

Ein Café auf dem Butte aux Cailles: Als Erasmus-Student ist Justin Trautmann im September nach Paris gekommen.
Bild: Elisa Glöckner


"Alles ganz einfach", fasst der Berliner seinen Aufwand zusammen. Im September 2018 hat er sich ein One-Way-Ticket nach Paris gekauft. Ohne jemandem Bescheid zu geben, keiner Behörde, keiner Institution. Seitdem lebt der 23-Jährige in einem Studentenapartment neben seiner Hochschule, der Télécom ParisTech, Butte aux Cailles, 13. Arrondissement. Ein Wohnviertel, von dem es heißt, es sei das China Town von Paris. Den Großteil des Erasmus-Zuschusses hat Justin Trautmann bereits vor der Ausreise erhalten, davon kann er die Miete begleichen, etwa 350 Euro im Monat. Wie jeder Student in Frankreich bezieht er außerdem Wohngeld von der französischen Familienkasse. Unterm Strich werde er dennoch mit weniger Geld nach Berlin zurückkehren, die Erfahrung sei es allemal wert.

Der Berliner studiert IT Systems Engineering, ein Informatik-Studiengang, hat vier Vorlesungen mit mehreren Terminen in der Woche. Einen Tag, den Donnerstag, hat er sich freigelassen, um die Stadt auf dem Fahrrad und die Kultur zu genießen. In Paris sei das unkompliziert, findet Justin Trautmann, zumal Museen für junge Europäer bis 26 meist frei sind. "Man muss sich noch nicht mal in die Schlange stellen."

Niklas Schmidt (28) und Lena Chatchaturian (23) leben seit mehreren Jahren in Paris, um an der Université Paris-Est Marne-la-Vallée zu studieren.
Video: Elisa Glöckner


Während er am Anfang vom Studentennetzwerk Erasmus profitiert hat, haben sich seine Freundschaften und Beziehungen nach und nach verändert. Brasilianer, Kolumbianer, Mexikaner, Libanesen: Er habe sich eigene Kontakte aufgebaut, sei auf andere Kulturkreise gestoßen, konnte Hemmungen überwinden. Das gebe dem sozialen Leben mehr Pfiff, findet der 23-Jährige. Der einzige Wermutstropfen, wie er sagt, sitze zu Hause in Berlin: die feste Freundin. "Durch das Internet und die abgeschafften Roaming-Gebühren kann man aber eine Lebensrealität teilen, auch wenn man nicht am selben Ort wohnt."

Keine drei Kilometer westlich sitzt Anja Heckendorf in ihrer Küche und erzählt von Service-Nummern, die sie ohne französische SIM-Karte nicht nutzen könne. Von Hürden im Gesundheitssystem, von ausbleibendem Wohngeld. Jedes Mal, wenn sie nach Deutschland fahre, um Freund und Familie zu besuchen, sei das wie "eine Paris-Detox-Kur". Trotzdem, Anja ist überzeugt davon, dass sie es wieder tun würde. Paris wieder tun würde. Zum einen, weil es ihren Masterstudiengang so in Deutschland nicht gegeben hätte. Zum anderen, weil es für sie eine Erfahrung war. "Ich habe viel über mich gelernt, musste immer wieder über mich hinauswachsen, habe mehr geleistet als andere." Ohne Europa sei das nicht möglich gewesen.

Hier lesen Sie Teil 5 unserer Reise an Europas Grenzen im Süden.

Jonas Voss.jpg Julian Würzer.jpg Elisa Glöckner.jpg Veronika Lintner.jpg