Was vom Konsum übrig bleibt: Ein Besuch in der Müllverbrennungsanlage

Was vom Konsum übrig bleibt: Ein Besuch in der Müllverbrennungsanlage

Bild: Axel Hechelmann

Wir kaufen Dinge, benutzen sie - und schmeißen sie weg. 455 Kilogramm Müll produziert jeder von uns Jahr für Jahr. Doch was passiert mit den Resten unseres Konsums?

Alle Texte aus unserer Themenwoche Konsum finden Sie hier. Ein alter Teppich, eine Matratze, ein Bürostuhl. Ein Sessel, Latten und Folien sind zu sehen. Die Zahnbürsten im Hausmüll, die benutzten Taschentücher und Babywindeln verschwinden dagegen in einer grauen Masse. Der Müllbunker in der Abfallverwertung Augsburg, kurz AVA, ist 28 Meter tief, 13 Meter breit, 50 Meter lang. Hoch über dem Müll sitzt ein Kranfahrer, sicher hinter Glas. Hier riecht man den Müll nicht, der unten von Müllautos angeliefert wird und in den sich der Greifer gräbt, um ihn zuerst aufzustapeln und am Ende in die drei Müllöfen zu kippen. Die Müllverbrennung ist die letzte Station der Dinge, die wir aussortiert haben und die zum Recycling nicht taugen. „Alles, was in unserer Wohlstandsgesellschaft übrig bleibt“, sagt Dieter Braun, der durch die Anlage führt und als Vertriebsleiter dafür zuständig ist, dass das Jahr über weder zu viel, noch zu wenig Müll angeliefert wird und das Feuer nicht ausgeht.

417 Millionen Tonnen Abfall produzieren die Deutschen im Jahr - das sind 65 Cheops-Pyramiden

Unser Wirtschaftssystem produziert unablässig Waren für den Konsum. Neue Möbel, Elektrogeräte, Lebensmitteln und Kosmetika. Dinge, die länger oder kürzer in Gebrauch sind, bis sie entsorgt werden müssen. Die Abfallmengen, die in Deutschlands anfallen, sind akribisch erfasst. Für das Jahr 2018 weist das Statistische Bundesamt 417 Millionen Tonnen Abfall aus. Nur um einen Eindruck von dieser Zahl zu bekommen: Das Gewicht der Cheops-Pyramide in Ägypten wurde einmal auf rund 6,4 Millionen Tonnen geschätzt. Mit dem Abfallberg Deutschlands ließen sich also gut und gerne 65 genauso schwere Pyramiden zwischen Flensburg und dem Allgäu aufstellen – pro Jahr.

Damit Sie einen Eindruck bekommen: So groß ist die Cheops-Pyramide. Ihr Gewicht wird auf 6,4 Millionen Tonnen geschätzt.
Bild: Ragah Kamel, dpa (Archiv)

Ein großer Teil der gesamten Abfallmenge ist Bau- und Abbruchmaterial, dazu kommen unter anderem Abfälle aus Produktion und Gewerbe und Material aus dem Bergbau. Die eigentlichen Siedlungsabfälle, zu denen typischerweise unser Hausmüll zählt, machten 2018 „nur“ rund 50 Millionen Tonnen aus – was immer noch dem Gewicht von fast acht Cheops-Pyramiden entspricht. Ein anderer Vergleich: Ein Müllauto kann zehn Tonnen Abfall fassen. Die deutschen Siedlungsabfälle stehen damit für rund fünf Millionen Müll-Fahrten.

Das alles klingt verschwenderisch, es gibt aber auch gute Nachrichten. „Die Menge der Siedlungsabfälle liegt seit Jahren recht stabil bei 50 bis 52 Millionen Tonnen“, sagt Christian Langholz vom Umweltbundesamt. Im gleichen Zeitraum ist die deutsche Wirtschaft aber deutlich gewachsen. „Das Abfallaufkommen steigt also nicht so stark wie die Wirtschaftsaktivität. Das heißt, die Abfallintensität nimmt langsam ab“, sagt Langholz. Das ist nicht schlecht. „Ziel ist jedoch eine langfristig deutliche Senkung des Abfallaufkommens. Das Thema Abfallvermeidung sollte stärker im Bewusstsein der Leute ankommen“, betont Langholz.

2018 warfen die Deutschen Haushalte 37,8 Millionen Tonnen Müll weg

Stabil waren zuletzt auch die Mengen, welche die Haushalte wegwerfen. Im Jahr 2018 sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 37,8 Millionen Tonnen Abfälle bei den privaten Haushalten eingesammelt worden – Restmüll, Sperrmüll, Bioabfall und Wertstoffe wie Papier, Glas und Plastik. Macht pro Kopf 455 Kilogramm – sieben Kilogramm weniger als im Jahr 2017. Der Rückgang geht auf den Bioabfall zurück, wofür die Statistiker den trockenen Sommer 2018 verantwortlich machen. Fällt wenig Regen, wächst es auch im Garten schlechter. Dabei ist der Biomüll heute besonders wertvoll.

In der Abfallverwertungsanlage kommen auch Bio-Abfälle an. Wie zum Beispiel Strauchschnitt. Sie werden zu Biogas verarbeitet.
Bild: Axel Hechelmann

Ein süßlicher Geruch liegt in der Luft. In einer großen Halle auf dem Gelände der AVA liefern Fahrzeuge Strauchschnitt an, aber auch den Abfall aus den braunen Bio-Tonnen der Stadt und der Landkreise Augsburg und Aichach-Friedberg. Gehäckselt, vermischt mit Wasser und leicht erwärmt wandert der Biofall durch Rohre in hausgroße Fermenter – dort herrschen ideale Bedingungen für Mikroben. Dort gärt er, Biogas entsteht. „Unser Ziel ist es, möglichst viel Biogas aus dem Bioabfall zu gewinnen“, sagt AVA-Vertriebschef Braun. Das Gas wird in das Netz der Stadtwerke eingespeist. Rund 5000 Haushalte könnten damit rechnerisch ein Jahr lang mit Biogas heizen. Daneben entsteht ein gülleähnlicher, aber geruchsloser Flüssigdünger – und feiner Kompost. Beides bringen Landwirte auf ihren Feldern aus.

Der Bioabfall wird zu Biogas, Flüssigdünger und zu feinem Kompost, den Landwirte auf ihren Feldern ausbringen.
Bild: Axel Hechelmann

Und doch gibt es Dinge im Abfallsystem, die den Experten Sorgen machen. Denn der Verpackungsabfall ist lange Zeit stetig gestiegen und lag im Jahr 2017 den Zahlen des Umweltbundesamtes zufolge bei 18,7 Millionen Tonnen – macht pro Bundesbürger 226,5 Kilo. „Nirgendwo in Europa fällt pro Kopf so viel Verpackungsmüll an wie in Deutschland“, kritisiert Bettina Hoffmann, Sprecherin für Umweltpolitik der Grünen im Bundestag. „Diese Verschwendung von Plastik, Papier und Metallen kann so nicht weitergehen, wir schädigen damit das Klima und die Umwelt enorm“, sagt sie. „Es braucht deshalb eine gesetzliche Vorgabe, Verpackungsabfälle bis 2030 auf 110 Kilogramm pro Kopf zu halbieren. Dieses Ziel zu erreichen ist ambitioniert, aber machbar, wenn jetzt die nötigen Maßnahmen in die Wege geleitet werden.“

Plastikverpackungen landen oft als "Ersatz-Brennstof" in Industrie-Öfen

Ein Fluch ist für Umweltschützer die Zunahme an Plastik-Verpackungen. Diese lassen sich häufig schwer recyceln. Oft landet Plastik als „Ersatz-Brennstoff“ in Industrie-Öfen. „Um Müll zu vermeiden, ist es besonders wichtig, Mehrweglösungen zu fördern“, sagt deshalb Grünen-Politikerin Hoffmann. Pfandsysteme sollten ihrer Meinung nach deutlich verbraucherfreundlicher werden und auf weitere Bereiche wie etwa Lebensmittel- oder Versandverpackungen ausgeweitet werden. „Nötig sind auch Vorgaben für sparsames Verpackungsdesign: Nicht selten werden Waren im Supermarkt zwei- bis dreifach in Plastik und Papier verpackt – hier braucht es ein Umdenken bei den Herstellern“, fordert sie. „Um Mehrwegverpackungen einen Vorteil zu verschaffen, schlagen wir zudem eine Abgabe auf Einwegartikel wie zum Beispiel Coffee-To-Go-Becher vor.“

„Nirgendwo in Europa fällt pro Kopf so viel Verpackungsmüll an wie in Deutschland
Bettina Hoffmann, Sprecherin für Umweltpolitik der Grünen im Bundestag

Zuletzt gab es bereits Fortschritte: Im Jahr 2019 ist ein neues Verpackungsgesetz in Kraft getreten. Es schreibt schärfere Recyclingquoten vor, soll langfristig Verpackungen recyclingfähiger machen und Anreize setzten, Verpackungen zu vermeiden, berichtet Umweltbundesamt-Experte Langholz. „Jetzt gerät endlich wieder Bewegung in die Recycling-Branche, wir sehen, dass in neue Recycling- und Sortieranlagen investiert wird“, sagt er. Für den Verbraucher finden sich auf Verpackungen teilweise endlich Hinweise, wie diese richtig zu entsorgen sind. In den Supermärkten stehen vermehrt Produkte aus Recyclingplastik – zum Beispiel Spülmittelflaschen.

In der Corona-Zeit ist 40 Prozent mehr Sperrmüll abgegeben worden

Am Ende aber gibt es sie doch, die Dinge, die sich nicht verwerten lassen. Der Kranfahrer packt die alten Matratzen, Bürostühle, die ausgedienten Zahnbürsten und Windeln und lässt sie in einen der drei Müllöfen rutschen. Der Müll fährt im Ofen über einen Rost, trocknet, entzündet sich, brennt aus. In der Corona-Zeit sei die Menge des angelieferten Mülls deutlich gestiegen, sagt Braun. Hausmüll um 10 bis 15 Prozent, Sperrmüll um 40 Prozent. Die Bürger haben die Zeit der Ausgangssperre offenbar genutzt, ihre Wohnungen zu entrümpeln und sich zuhause schöner einzurichten.

Über eine kleine Glasscheibe kann man in den Verbrennungsofen schauen. Dahinter: ein Feuer, rund 1000 Grad heiß.
Bild: Axel Hechelmann

Hebt man eine kleine Klappe an, sind hinter Glas hohe Flammen zu sehen. Ein Höllenfeuer, rund 1000 Grad heiß. Aus der Asche – der Schlacke – zieht die AVA am Ende noch Eisen und andere Metalle. Die Hitze lässt in Rohren Wasser zu Dampf werden. Diese Energie wird genutzt, um Strom für rund 20.000 Haushalte zu erzeugen, die Abwärme speist auch ein Fernwärmenetz.

So erfüllt das, was am Ende vom Konsum übrig bleibt, einen letzten Zweck.

Lesen Sie dazu auch:

Alle Texte aus unserer Themenwoche Konsum finden Sie hier.

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Was vom Konsum übrig bleibt: Ein Besuch in der Müllverbrennungsanlage