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Ein Taliban-Kämpfer steht Wache am Ort einer Explosion vor dem Kabul International Cricket Stadium.

Wie Menschen in Afghanistan leiden, seit der Terror regiert

Foto: Ebrahim Noroozi, dpa

Qais Nekzai sorgt sich um Ortskräfte, die in Afghanistan festsitzen, Mashal Malikzada um seine Familie. Beide wissen: Das Land kollabiert, seit die Taliban regieren.

Mashal Malikzada spricht von Angst, von Hunger, von Arbeitslosigkeit, wenn er das Leben in der afghanischen Hauptstadt Kabul beschreibt. Der 19-Jährige sitzt auf einem Stuhl in einem Augsburger Café, vor sich eine Limonade, an den Wänden hängen Zeichnungen, Fotos, Poster. Der junge Afghane weiß, wovon er spricht. Seine Eltern, eine Schwester, zwei Brüder leben noch in dem Land, in dem die militant-islamistischen Taliban vergangenen August die Macht übernommen haben. Sie trafen auf wenig Gegenwehr der afghanischen Streitkräfte, zu deren Ausbildung auch die Bundeswehr beigetragen hatte. Malikzada selbst ist mit zwölf Jahren aus Afghanistan geflohen. In Augsburg hat er sich gut eingelebt, macht aktuell eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Vergangenes Jahr musste er aber erneut aus Afghanistan fliehen.

Der 19-jährige Mashal Malikzada floh 2014 aus Afghanistan und lebt jetzt in Augsburg. 2021 musste er erneut aus seinem Herkunftsland fliehen.
Foto: Marcus Merk (Archiv)

Neben seinen Eltern und Geschwistern lebt auch Malikzadas Schwager in Afghanistan. "Für ihn ist es am gefährlichsten", sagt der 19-Jährige. Denn der Schwager sei Polizist gewesen, habe also für den alten Staat gearbeitet. "Die Taliban wollten ihn schon zwei oder dreimal fangen, aber er versteckt sich immer wieder, wechselt sogar die Stadt. Wenn sie ihn erwischen, kann es sein, dass er nie wieder nach Hause kommt." Auch viele Ortskräfte, die sich noch im Land verstecken, also afghanische Mitarbeiter der Bundeswehr und deutscher Institutionen, fürchten sich vor den Taliban.

Kontakt mit den Ortskräften in Afghanistan zu halten, ist schwer

Qais Nekzai versucht Kontakt zu den Ortskräften zu halten. Oft breche dieser aktuell aber ab. Nekzai weiß dann nicht, ob es daran liegt, dass die afghanischen Mitarbeiter sich in entlegenen Dörfern verstecken oder daran, dass sie womöglich von den Taliban gefangen genommen wurden. Der Afghane hat als Übersetzer für die Bundeswehr gearbeitet, lebt seit 2014 in Deutschland und hilft als Teil des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte seinen Landsleuten in Afghanistan bei der Ausreise nach Deutschland und nach der Ankunft bei Behördengängen, Wohnungs- und Jobsuche.

Diejenigen, die noch in Afghanistan festsitzen, seien in großer Gefahr, sagt er. "Niemand kann seine wahre Identität preisgeben." Zu groß ist das Risiko, in die Fänge der Taliban zu geraten. "Für die Taliban sind die Ortskräfte Verräter, Kollaborateure, Ungläubige." In der Logik der militanten Islamisten hätten sie den Tod verdient. Nicht nur für die Taliban, sondern auch für andere streng religiöse Afghaninnen und Afghanen sind die Ortskräfte laut Nekzai Ungläubige.

Deutschland hat seit dem Abzug der Nato-Kräfte aus Afghanistan vor einem Jahr knapp 24.000 ehemaligen afghanischen Ortskräften und Familienangehörigen die Aufnahme zugesichert. Eingereist sind bisher rund 18.000, wie die Welt am Sonntag unter Berufung auf das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) berichtet. Tausende Afghanen warten also noch auf den Flug nach Deutschland, dennoch wurden hier bislang mehr aufgenommen als von anderen europäischen Ländern. Nach Großbritannien sind 10.100 für die britischen Streitkräfte tätige Afghanen einschließlich ihrer Familien eingereist, nach Italien wesentlich weniger. Denen, die es noch nicht geschafft haben, das Land zu verlassen, steht oft ein scheinbar banales Hindernis im Weg: Ihnen fehlt der Reisepass.

Qais Nekzai arbeitete selbst als Übersetzer für die Bundeswehr. Jetzt unterstützt er mit dem Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte andere ehemalige Helfer Deutschlands.
Foto: Qais Nekzai

Wieso die Ausreise der afghanischen Ortskräfte oft am Reisepass scheitert

Aus dem Auswärtigen Amt heißt es, die Ausreisen gingen langsamer voran, weil die Taliban Afghanen nur ausreisen ließen, wenn sie über einen Reisepass verfügten - allerdings würden in dem Land kaum Pässe ausgestellt. Nekzai sieht ein weiteres Problem: Wenn die Ortskräfte einen Reisepass beantragen würden, liefen sie Gefahr, den Taliban aufzufallen. Ein Dilemma, denn die 800 Dollar für einen Pass auf dem Schwarzmarkt könnten viele nicht so einfach aufbringen. Mit manchen von ihnen steht Nekzai in Kontakt. "Sie fragen immer nach, wie lange sie sich noch verstecken müssen, wie lange sie diese Situation noch aushalten müssen."

Noch schwieriger wird die Flucht für diejenigen, deren Mitarbeit für deutsche Organisationen zehn oder mehr Jahre zurückliegt. Denn als Ortskraft mit Recht auf Aufnahme in der Bundesrepublik gilt nur, wer seit 2013 direkt für ein deutsches Ministerium oder eine Institution gearbeitet hat. Telefonate mit ehemaligen Helfern, auf die das nicht zutrifft, sind für Nekzai belastend, weil sie kaum Aussicht auf eine Ausreise haben. "Aber für die Taliban spielt es keine Rolle, wann man die ausländischen Truppen unterstützt hat."

Das Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte konnte in den letzten Monaten fast 350 afghanischen Ortskräften die Flucht nach Deutschland ermöglichen. Aktuell sei es aber finanziell schwierig, denn die Spendenbereitschaft der Menschen sei zurückgegangen, so Nekzai.

2014 floh Mashal Malikzada aus Afghanistan – 2021 musste er es wieder tun

Mashal Malikzada wollte im Sommer 2021 seine Familie besuchen. Auf seinem Handy zeigt er Fotos von lachenden Menschen, aufgenommen auf der Hochzeit eines Cousins im Juli. "Wir hatten echt gute Zeiten." Dann geschah das, was die westlichen Truppen offensichtlich überrascht hat: Die Taliban eroberten Kabul. Viele Menschen wollten danach das Land so schnell wie möglich verlassen, tausende versuchten über den Flughafen zu entkommen. Amerikanische Soldaten schafften es kaum, die Kontrolle zu behalten. Malikzada macht sich mehrmals vergeblich auf den gefährlichen Weg dorthin. "Jede Minute kann man erschossen werden", sagte er damals im Gespräch mit unserer Redaktion am Telefon. Afghanische Sicherheitskräfte und amerikanische Soldaten haben laut dem 19-Jährigen in die Luft geschossen, um für Ordnung zu sorgen. Immer wieder seien Massenpaniken ausgebrochen, wer stürzte, habe oft keine Chance gehabt, aufzustehen. Mit einem amerikanischen Flieger kam Malikzada schließlich nach Katar und von dort über die USA zurück nach Deutschland.

Rauchschwaden und Menschen, die so schnell wie möglich das Land verlassen wollen: Mashal Malikzada zeigte unserer Redaktion 2021 Bilder, die er in Afghanistan gemacht hat.
Foto: Marcus Merk (Archiv)

Von Deutschland aus telefoniert er regelmäßig mit seiner Familie in Afghanistan. Manchmal reiße aber die Internetverbindung ab, erzählt er. Auch, als er von dem Augsburger Café aus seine Schwester anruft, ist das immer wieder der Fall. Dennoch bekommt Malikzada durch den Kontakt mit, wie die Lage in Kabul unter der Herrschaft der Taliban ist, ein Jahr nach deren Einmarsch. "Die Wirtschaft ist eine komplette Katastrophe", sagt er. "Jetzt sind alle aus meiner Familie arbeitslos, nur mein älterer Bruder hat einen Lebensmittelladen, aber damit verdient er auch nicht viel, weil die Leute kein Geld haben, etwas zu kaufen."

Gleichzeitig sei Nahrung teurer geworden. "Meine Familie kann sich Gott sei Dank noch das Nötigste kaufen", erzählt er mit leiser Stimme. Ein Kilo Fleisch koste in Kabul mehr als einen durchschnittlichen Tageslohn. Die Islamisten ließen aber auch nicht zu, dass Kleinbauern mit einer Schubkarre voll Gemüse in die Stadt fahren, um es zu verkaufen. Für Malikzada ist klar: "Die Taliban benutzen den Namen des Islams, aber sie sind keine guten Muslime. Sie helfen den Leuten nicht, die Leute verhungern."

Besonders drastisch habe sich seit der Machtübernahme der militanten Islamisten das Leben für Mädchen und Frauen verändert. Eine seiner Schwestern sei Dozentin an einer Universität mit Männern und Frauen gewesen, jetzt könne sie nicht mehr arbeiten. Sie schickt eine Sprachnachricht an unsere Redaktion. Auf Persisch sagt sie: "Ich habe für Frauenrechte gekämpft. Jetzt haben wir gar keine Rechte mehr." Seit die Taliban an der Macht seien, fühle sich niemand mehr sicher. "Unser Nachbar, der wie mein Mann Polizist war, wurde von den Taliban ausgepeitscht und für eine Woche verschleppt. Dann haben sie seine Leiche zurückgebracht."

Die Evakuierung war hastig, viele blieben nach der Machtübernahme der Taliban 2021 zurück. Die Folge: Hektik und Gedränge am Flughafen in Kabul.
Foto: Rahmatullah Alizadah/XinHua, dpa

Was hätte die Bundesregierung im Sommer 2021 anders machen müssen? "Es wurde einfach spät reagiert", sagt Qais Nekzai. Die Chance auf Rettung sei durch bürokratische Vorgaben zerstört worden. Anfang Juli hat der Afghanistan-Untersuchungsausschuss des Bundestages die Arbeit aufgenommen.

 Er soll die hektische Evakuierung aus Kabul im Sommer 2021 beleuchten. Dabei geht es auch um frühere afghanische Mitarbeiter, die immer noch auf eine Ausreise nach Deutschland warten. Nekzai sagt: "Die Ortskräfte haben Verantwortung übernommen, indem sie Deutschland unterstützt haben. Jetzt ist Deutschland in der Verantwortung, die Ortskräfte zu unterstützen."