Es klingt wie eine Szene aus einem Film: Ein 31-Jähriger ist im Mai vergangenen Jahres auf dem Fahrrad unterwegs. Er hat laut eigener Aussage Todesangst. Denn er wird von einer 48-Jährigen und ihrem 57-jährigen Partner mit den Autos verfolgt und bedrängt. Das Paar aus dem Raum Aichach ist aufgebracht, weil der Mann - der frühere Mieter - die beiden wegen Diebstahls angezeigt hat. Nun musste sich das Paar vor dem Aichacher Amtsgericht verantworten.
Gegen einen Strafbefehl über jeweils 7500 Euro (150 Tagessätze zu je 50 Euro) wegen Nötigung hatten die beiden Einspruch eingelegt. So kam es zum Prozess. Vor Gericht erzählte der 31-Jährige, wie er auf dem Rad vor den beiden durch den Ort flüchtete, während sie ihm in ihren Autos auf den Fersen waren. Dabei scheute sich der 57-Jährige auch nicht, ein Stück weit hinter dem 31-Jährigen auf einem Radweg herzufahren.
Prozess in Aichach: Vermieter würgte Opfer laut dessen Aussage schon früher
Die Geschichte nahm ihren Anfang, als das Ehepaar bei seinem Mieter kurz vor Silvester 2019 das Schloss zur Wohnung auswechselte. Von einem Tag auf den anderen kam er nicht mehr in seine Wohnung und an seine Sachen. Schon vorher schien das Verhältnis zwischen Vermieter und Mieter schwierig gewesen zu sein. Der 31-Jährige sagte aus, dass der 57-Jährige ihn gewürgt und gesagt habe: „Du sollst ausbluten.“
Im Mai 2020 stellte er fest, dass sein Kühlschrank, den er bisher noch immer durch ein Fenster in der Wohnung hatte stehen sehen, verschwunden war. Daraufhin ging er zur Polizei und erstattete Anzeige. Parallel wollte er versuchen, bei den Nachbarn etwas über den Verbleib seiner Möbel zu erfahren. Dabei geriet er mit der 48-Jährigen aneinander. Sie und ihr Partner fühlten sich gestalkt, weil er zwei Tage hintereinander im Ort sei, sagte sie laut der Aussage des 31-Jährigen zu ihm.
Vermieter verfolgt früheren Mieter mit Bulli auf dem Radweg
Eine Nachbarin wurde auf die Auseinandersetzung aufmerksam. Sie habe ein lautstarkes Streitgespräch mitbekommen, berichtete sie. Die 48-Jährige habe „definitiv mehr geredet“ als der 31-Jährige. Während die Nachbarin ihn als „eher defensiv“ beschrieb, sei die 48-Jährige „sehr aggressiv“ gewesen. Komisch kam der Nachbarin vor, als der 31-Jährige mit dem Rad weg fuhr und die 48-Jährige ihm im Auto folgte.
Zuerst sei es nur die 48-Jährige gewesen, die ihn verfolgte, sagte der 31-Jährige aus. Kurz darauf sei auch der 57-Jährige mit seinem Bulli aufgetaucht: „Er war richtig wutentbrannt.“ Der Versuch des 31-Jährigen, sich auf einem Geh- und Radweg in Sicherheit zu bringen, nützte nichts. Der 57-Jährige folgte ihm mit seinem Bus und fuhr erst wieder auf die Straße zurück, als der 31-Jährige eine Gruppe Radfahrer erreichte. Seine Hoffnung, dort Hilfe zu finden, machte die 48-Jährige zunichte. Laut seiner Aussage behauptete sie gegenüber den Radlern, dass der 31-Jährige Medikamente brauche und sie ihn einliefern müsse. Dass die Radler das glaubten, überraschte den 31-Jährigen im Nachhinein nicht: „Ich war ja auch komplett fertig.“
Opfer sagt in Prozess in Aichach: "Konnte kaum fassen, was da abläuft"
Als das Paar ihm mit den Autos schließlich den Weg abschnitt, setzte er seine Flucht zu Fuß fort. Die beiden fuhren mit den Autos hinterher. Dabei seien sie immer mal mit Schwung auf ihn zugefahren und hätten kurz vor ihm abgebremst. Der 31-Jährige sagte: „Ich hatte durchgehend das Gefühl, dass sie mich gleich überfahren.“ Und ergänzte: „Ich konnte selber kaum fassen, was da gerade abläuft.“
Als „ganz außer sich“ beschrieb ein Lastwagenfahrer den 31-Jährigen. Er sah, wie dieser von den beiden Autos verfolgt wurde und der 57-Jährige dabei immer dichter auffuhr. Der Lastwagenfahrer sagte: „Er hat ihn richtig bedroht.“ Als der 31-Jährige ihn erreichte, wirkte er auf ihn apathisch und eingeschüchtert. „Wir kriegen dich noch“, habe die Frau gerufen, so der Lastwagenfahrer.
Prozess in Aichach: Verteidiger fordern Freispruch für das Paar
Die beiden Verteidiger des Paars, Florian Englert und Olaf Flachoffsky, hielten die Aussage des 31-Jährigen für „in einigen Punkten massiv übertrieben“ oder „teilweise nicht von der Realität gedeckt“. Flachoffsky sagte: „Es kommt eher einem Traum gleich als dem, was sich tatsächlich abgespielt hat.“ Es sei sehr ungewöhnlich gewesen, aber nicht besorgniserregend. Beide forderten für ihre Mandanten Freispruch.
Staatsanwältin Beate Schauer glaubte dem 31-Jährigen. Das Argument der Verteidiger, der 31-Jährige habe Möglichkeiten nicht genutzt, Passanten um Hilfe zu bitten, konnte sie nicht nachvollziehen: „Wenn man in einer psychisch belastenden Situation verfolgt wird, dann reagiert man vielleicht nicht rational.“ Sie plädierte wegen Nötigung für eine Erhöhung der im Strafbefehl stehenden Geldstrafe. Für den 57-Jährigen forderte sie 180 Tagessätze à 50 Euro (9000 Euro), für die 48-Jährige 200 Tagessätze zu je 20 Euro (4000 Euro) sowie jeweils eine Führerscheinsperre von 14 Monaten.
Richter: Gefährlichkeit des Geschehens spricht gegen die Angeklagten
Dem schloss sich Richter Axel Hellriegel an - sowohl was die Führerscheinsperre für beide, als auch was die Geldstrafe für den Mann angeht. Er reduzierte nur die Höhe des Tagessatzes für die 48-Jährige auf 15 Euro und die Geldstrafe damit auf 3000 Euro. Als einzig positiven Punkt wertete der Richter, dass der 57-Jährige nicht vorbestraft ist. Im Gegensatz zur 48-Jährigen, die wegen Tiermisshandlung in 20 Fällen bereits zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Gegen beide sprach aus Hellriegels Sicht die extreme Gefährlichkeit des Geschehens und dass der 31-Jährige bis heute verängstigt ist.
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