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Aichach-Friedberg

24.02.2020

Coronavirus: Experten im Landkreis warnen weiter vor Hysterie

Das Coronavirus ist in Italien angekommen – angesichts schärferer Sicherheitsvorkehrungen machen sich viele Reisende in diesen Tagen Gedanken. Die Mediziner im Wittelsbacher Land sehen bisher aber noch keinen Anlass zu übertriebener Sorge.
Bild: Lino Mirgeler (Symbolfoto)

Plus Auch wenn das Coronavirus sich ausbreitet, sehen Mediziner im Wittelsbacher Land keinen Anlass zu Panik. Wie Gesundheitsamt, Ärzte und Klinik sich vorbereiten.

Tausende Tote durch das Coronavirus und zigtausende Infizierte allein in China, am Montag die Meldung vom vierten Toten in Italien und 165 Infizierten alleine in der Lombardei – das Coronavirus breitet sich international immer weiter aus.

Auch am Gesundheitsamt Aichach-Friedberg mehren sich die Anfragen. Derzeit meldeten sich vor allem besorgte Rückkehrer aus Italien, was sie jetzt am besten machen könnten. Amtsleiter Dr. Friedrich Pürner sagt: „Nichts.“ Das gelte für alle Menschen, die sich nicht in einem explizit vom Robert-Koch-Institut (RKI) ausgewiesenen Risikogebiet aufgehalten hätten, die außerdem keinen Kontakt zu einem am Coronavirus Erkrankten hatten und die darüber hinaus selbst keine Symptome aufweisen. Als Risikogebiete nennt das RKI auf seiner Internetseite bislang nur die chinesische Provinz Hubei inklusive der Stadt Wuhan sowie die chinesischen Städte Wenzhou, Hangzhou, Ningbo und Taizhou in der Provinz Zhejiang. Auch wenn die Zahl der Coronatoten in China stark steigt, hält Pürner sie weiter für „überschaubar“. Die meisten Verstorbenen hätten bereits vor der Viruserkrankung gesundheitlich weitergehende Einschränkungen gehabt.

Leiter des Gesundheitsamtes: „Kann Hysterie nicht nachvollziehen“

In mehreren Gemeinden in der Lombardei kontrollieren nun Sicherheitskräfte, wer hinein- und herausdarf, der Karneval in Venedig wurde ebenso wie zahlreiche Sportveranstaltungen abgesagt, Schulen und Museen sollen in ganz Venetien bis 1. März geschlossen bleiben, um eine Ausbreitung zu verhindern. Pürner, selbst Epidemiologe und früher Leiter der „Taskforce Infektiologie“ des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit (LGL) am Münchner Flughafen, hält all das für „überzogen“, wie er sagt: „Ich kann die Hysterie nicht nachvollziehen.“ Er bezweifle, dass diese Entscheidungen in Italien zur Beruhigung beitrügen.


Pürner sagt stattdessen: „Ich wäre sehr dafür, dass man anfängt, das wie eine normale Influenza zu behandeln.“ Zumindest so lange, wie sich das Coronavirus nicht komplett verändere und zum „Killervirus“ werde. Davor müsse man zumindest derzeit keine Angst haben.

Der 52-Jährige ist überzeugt: Würde man in Deutschland ein Screening machen, würden mehr Corona-Infizierte gefunden, als bisher bekannt sind. „Es wäre nur logisch, dass es auch hier Covid-19-Erkrankte gibt.“ Sie würden nicht unbedingt auffallen, sagt Pürner. Viele würden gar nicht zum Arzt gehen, weil sie ihre Erkrankung für eine Grippe hielten. Und weil Ärzte nicht standardmäßig auf das Coronavirus testeten, könne eine Erkrankung leicht als normaler Atemwegsinfekt durchgehen.

Epidemiologe rät zu normalen Hygienemaßnahmen wie Händewaschen

Massenhaft Erkrankte unter Quarantäne zu stellen und alle Kontaktpersonen zu verfolgen, sei weder für den öffentlichen Gesundheitsdienst noch für niedergelassene Ärzte personell leistbar, erklärt Pürner. „Das muss man den Leuten sagen dürfen.“

Wie schon vor einem Monat, als die Zahl der am Coronavirus Erkrankten und Gestorbenen noch geringer war, warnt Pürner vor unnötiger Panik.Er rät zu normalen Hygienemaßnahmen wie häufigem Händewaschen, gelegentlicher Händedesinfektion und dem Verzicht darauf, sich zum Gruß die Hand zu geben. Kranke Menschen sollten daheimbleiben, empfiehlt Pürner.


Constanze Friel von der Praxis für Physiotherapie Gutmann & Friel in Aichach hatte indirekt schon vor ein paar Wochen mit dem Coronavirus zu tun. Einer ihrer Patienten hatte einen Kumpel, der bei Webasto arbeitete. Der Firma im Landkreis Starnberg, bei der mehrere Mitarbeiter sich mit dem Virus angesteckt hatten und die Anfang Februar deshalb ihre Zentrale für zwei Wochen schloss. „Komplett alles desinfiziert“ hätten sie damals nach dem Besuch des Patienten, so Friel. Generell hält die Physiotherapeutin Desinfizieren und Lüften für das Wichtigste, um Viren keinen Nährboden zu bieten. Im Winter werde deshalb grundsätzlich mehr desinfiziert und gelüftet als sonst, sagt Friel. Noch etwas anderes macht die Praxis generell: Patienten, die krank sind, werden heimgeschickt.

Das Corona-Virus sei eine Herausforderung für die Praxis, sagt Friel. „Das Problem ist die Symptomlosigkeit.“ Patienten können das Virus in sich tragen, ohne Symptome zu zeigen. Im Zweifel würde sie Betroffene zum Hausarzt schicken. Friel ist relativ entspannt, wenn es um das Coronavirus geht: „Ich wäre am ehesten angespannt, wenn wir kleine Kinder hier hätten und ich hätte das Gefühl, dass sie angesteckt werden könnten.“

Krankenhauspersonal bereitet sich in Übungen vor

Probleme mit Ansteckungen gibt es häufig in Krankenhäusern. Deswegen ist man dort auf das Coronavirus vorbereitet. Dr. Christian Stoll, Ärztlicher Direktor im Krankenhaus Aichach, sagt, man mache sich seit dem Ausbruch des Virus’ Gedanken darüber. „Das Vorgehen für uns, was das Coronavirus angeht, ist das Gleiche wie bei Influenza“, erklärt Stoll. Käme ein Patient mit verdächtigen Symptomen, der in letzter Zeit im Risikogebiet war, müsste er in ein Isolationszimmer.


Das Klinikpersonal lernt in Übungen wie mit solchen ansteckenden Krankheiten umzugehen ist. „Wenn das Coronavirus wirklich hier ausbricht, müssten wir aber einen Besuchsstopp einführen“, sagt Stoll. Zum Schutz vor einer weiteren Verbreitung und um nicht zu viel Schutzkleidung zu verbrauchen. Da diese Produkte in China produziert werden und kaum mehr durch den Zoll nach Deutschland kommen, wären Schutzmasken und ähnliches im Fall einer Epidemie Mangelware. „Wir haben begonnen, Schutzkleidung zu horten“, sagt Stoll.


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