Die Lage ist brenzlig in Aichach. Vor den Mauern der kleinen Stadt an der Paar lagern Franzosen. Viele Franzosen. Es sind 30.000 Mann. Zwischen den beiden Toren bangt die Bevölkerung. Frau Gerhauser hat frisch entbunden und sorgt sich sehr. Sie ist Zeugin in der Stunde der Entscheidung. Am 18. September 1796 macht der französische General Saint-Cyr ihrem Mann ein Angebot: Zahlt der Brauereibesitzer Lorenz Alois Gerhauser „auf der Stelle“ 5.000 Gulden, werde er Aichach verschonen, verspricht der Befehlshaber der Franzosen.
Saint-Cyr ist kein Unmensch. Er hat sich im besten Haus am Platz einquartiert, bei dem wohlhabenden Brauereibesitzer. Dieser sitzt gerade bei seiner Frau, um sie zu trösten. Saint-Cyr stört das Paar. Doch immerhin, so hat es Gerhauser jedenfalls später niedergeschrieben, grüßt er „meine Gattin sehr freundlich“. Dann nimmt der General das Baby auf den Arm, schreitet im Zimmer auf und ab und verhandelt mit Gerhauser.
Der Aichacher Stadtarchivar Christoph Lang hält Gerhauser „für eine der bedeutendsten Personen der ganzen Aichacher Geschichte“. Ihm hat es die Stadt nun zu verdanken, dass sie ab 30. April in Ingolstadt besonders gewürdigt wird: Aichach und Gerhauser werden ein „ganz zentraler Bestandteil“ im Kapitel „Bayern blutet aus“ der in der bayerischen Landesausstellung „Napoleon und Bayern“ im bayerischen Armeemuseum. Das verrät der Historiker und Geschichtslehrer Volker Bräu vorab. Er ist für die Didaktik der Schau zuständig und bezeichnet Gerhauser als „Paradebeispiel“.
Obwohl die Bayern sich mit Napoleon verbünden, leidet das Volk
Der Brauereibesitzer hat akribisch Buch geführt über die Ereignisse der napoleonischen Kriege in Aichach von 1791 bis 1809. Für die Macher der Landesausstellung war Gerhauser ein toller Fund. Sie können nun eine „persönliche Geschichte“ (Bräu) erzählen und damit zeigen, wie sehr die Bevölkerung in Bayern, obwohl Bündnispartner, unter Napoleon gelitten hat. Es war, „als wenn sich die Hölle geöffnet hätte“, beschrieb es Gerhauser.
Klaglos müssen die Menschen hinnehmen, dass fremde Soldaten bei ihnen einquartiert werden. Sie gilt es zu verköstigen. Und die Franzosen sind wählerisch. Schon zum Frühstück fordern sie „vin (Wein), Käse, Braten, Branntwein“, wie Gerhauser notierte. Und manche „quälten uns fortwährend so entsetzlich, als ob sie uns nicht nur des letzten Hellers berauben, sondern wohl gar zu Tode martern wollten“.
Wie viel allein Gerhauser in die fremden Truppen „investieren“ musste, hat er fein säuberlich auf Quartierzetteln festgehalten. 1.708 Zetteln sind es, die er auf eine 15 mal einen Meter lange Papierbahn aufgebracht hat. Gerhauser allein versorgte in sechs Jahren 1.700 Offiziere, 11.800 Soldaten und 11.200 Pferde.
Auch ein Nachfahre Gerhausers leiht dem bayerischen Armeemuseum ein Exponat aus
Das historische Dokument hängt heute im Aichacher Stadtmuseum. Die Landesausstellung hat davon eine 1:1-Replik bekommen – aus konservatorischen Gründen, wie Stadtarchivar Lang erzählt. Im Original aber stellte das Museum die Rechnungsbücher zur Verfügung und ein Gerhauser-Porträt. Und dann lebt in Aichach auch noch der Urururenkel Gerhausers, Fritz Baur. Er leiht der Landesausstellung unter anderem ein Glaskrügerl, das Gerhauser gehört hat, und freut sich über die Würdigung seines Ahnen.
Dieses Krügerl ist Gerhauser geblieben. Aber die Zeiten seines großen Reichtums waren nach den napoleonischen Kriegen vorbei. Denn Gerhauser, der später Bürgermeister geworden ist, hat nicht nur für die Einquartierungen bezahlt – sondern auch für die Rettung seiner Stadt. Am 18. September 1796 händigt er Saint-Cyr 3.000 Gulden aus. Denn der General mit dem Baby auf dem Arm zeigt sich gnädig und lässt sich um 2.000 Gulden herunterhandeln. Diesen Preis bezahlt Gerhauser dafür, dass seine Heimatstadt nicht der Plünderung durch 30.000 Franzosen preisgegeben wird.
Die bayerische Landesausstellung „Napoleon und Bayern“ ist vom 30. April bis zum 31. Oktober im bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt zu sehen.
Hinter die Kulissen der Landesausstellung blickt Volker Bräu vom Haus der Bayerischen Geschichte. Am 6. Mai berichtet er um 19.30 Uhr im Aichacher Stadtmuseum über das Werden von „Napoleon in Bayern“. Der Vortrag ist kostenlos.