Beim Wettbewerb "Besser Bauen im Wittelsbacher Land" erhielt dieses Haus in Affing einen Preis. Es übersetzt den typischen Baustil des Wittelsbacher Landes ins Moderne.Foto: Wolfgang Müller, Landratsamt (Archivbild)
Das Traumhaus sieht für jeden anders aus. Der eine träumt von einer schlossähnlichen Villa mit majestätischem Treppenaufgang. Für den nächsten ist ein Toskanahaus das einzig Wahre, und der Dritte möchte jeden Tag einfach nur in einem schlichten Holzhaus aufwachen. So weit wie diese Träume liegt auch die architektonische Wirklichkeit im Landkreis Aichach-Friedberg auseinander. Doch welche Architektur ist angebracht in unserer ländlichen Region? Welcher Baustil passt zum Wittelsbacher Land? Gibt es überhaupt einen? Kreisbaumeister Andres Richter hat Antworten auf diese Fragen.
Gelungene Architektur setzt sich mit dem Ort auseinander
Für den Kreisbaumeister steht an erster Stelle nicht die Dachform, nicht das Baumaterial, nicht der Baustil. Oberstes Bewertungskriterium ist für ihn die Umgebung. "Architektur muss sich grundsätzlich mit dem Ort auseinandersetzen", sagt der Fachmann. Denn jeder Ort habe einen einzigartigen Charakter mit besonderer Atmosphäre. Aufs Wittelsbacher Land bezogen heißt das, dass ein Planer mit der im Donau-Isar-Hügelland herrschenden bewegten Landschaft umgehen muss. Richter unterscheidet zwischen den ländlichen Ecken im Landkreis und den städtisch geprägten wie Aichach, Friedberg oder Mering. Er pocht nicht auf Biegen und Brechen auf den hiesigen Baustil.
2012 prämiert beim Wettbewerb "Besser Bauen im Wittelsbacher Land". Der Umbau eines Bauernhauses aus dem 18. Jahrhundert durch Hanna und Reinhard Fuß in Igenhausen.Foto: Klaus F. Linscheid (Archivbild)
Es gibt einen typischen Baustil fürs Wittelsbacher Land. Hier ist die Hauslandschaft hauptsächlich geprägt vom westbayerischen und vom oberschwäbischen Haus, erklärt Andres Richter. Gemeinsame Gestaltungsmerkmale sind schmale Baukörper, ein steil geneigtes Satteldach und ein geringer Dachüberstand. Das westbayerische Haus hat nur ein Erdgeschoss, das Schwäbische auch noch einen ersten Stock.
Wie viel Spielraum haben Bauherren im Wittelsbacher Land?
Doch passt dieses typische Haus überall hin? Für Andres Richter ist dieser Baustil eine Orientierung, ein Leitfaden, der in Dörfern wichtiger ist, weil seine typischen Merkmale dort Identität spiegelten. Das bedeute "natürlich nicht, dass man Häuser wie im 19. Jahrhundert" bauen solle. Wenn die Kriterien zeitgemäß interpretiert werden, "dann spricht man von guter Architektur", sagt der Kreisbaumeister. Denn auch ein Satteldach könne modern sein.
Völlig konträr zum historischen Baustil im Wittelsbacher Land, aber dennoch preiswürdig: das Wohnhaus von Architektin Stefanie Leitenstern in Kühbach. Foto: Stefanie Leitenstern (Archivbild)
Gleichwohl passe im städtischen Kontext auch mal ein Flachdach, in einem Baugebiet könne durchaus ein modernes Flachdachgebäude ein positives Beispiel sein und auch bewusste Kontraste darf es nach Ansicht des Kreisbaumeisters gerne geben. Dann aber muss es ein Bauwerk mit einem gewissen Stellenwert sein, wie das neue Bürogebäude am Aichacher Milchwerk mit seinen abgerundeten Ecken. Insgesamt sieht Richter einen großen Spielraum für Bauherren.
Markant: das neue Bürogebäude am Milchwerkgelände in Aichach. Kreisbaumeister Andres Richter sagt: Es passt hier.Foto: Erich Echter
Wie groß dieser tatsächlich ist, hängt davon ab, ob in einem Baugebiet oder mitten in Dorf oder Stadt gebaut wird. Im ersten Fall gibt es die eher detaillierten Vorgaben des Bebauungsplanes. Im zweiten Fall werden Baupläne nur nach der umgebenden Bebauung beurteilt. Das macht es laut Richter relativ schwierig, Architektur über rechtliche Vorgaben zu steuern.
Für den Kreisbaumeister, der von Berufswegen das architektonische Erscheinungsbild eines Ortes im Auge hat, heißt das: "Wir sind darauf angewiesen, dass Gemeinden die Gestaltung regeln." Das gilt auch für Bebauungspläne. Der Kreisbaumeister, der seit fast vier Jahren im Amt ist, hält aber nichts vom erhobenen Zeigefinger. Bei Richter hört sich das so an: Wenn er die Planungshoheit hätte wie die Gemeinden, würde er in Bebauungsplänen die ortstypischen Merkmale bevorzugen.
Wo ein Toskanahaus auch im Landkreis Aichach-Friedberg nicht störend ist
Dann, so jedenfalls der Umkehrschluss, gäbe es im Wittelsbacher Land wohl eher keine Toskanahäuser. Für die einen sind sie das Traumhaus schlechthin, für die anderen eine Bausünde par excellence, ähnlich wie das Bungalow in den 70-er Jahren. Trends, das weiß Richter, wird es immer geben. Das Wort Bausünde mag er nicht. In Baugebieten, in denen es schon fünf Toskanahäuser gebe, störe auch ein sechstes nicht. Doch Richter sagt schon, dass der italienische Baustil gerade am Ortsrand extrem ins Auge steche, weil es nicht zur Hauslandschaft hierzulande gehöre. In Vereinen oder bei Festivitäten legten die Menschen im Landkreis Wert darauf, ihre Identität zu wahren, "es wäre schön, wenn es in der Baukultur auch so wäre", wünscht sich der Kreisbaumeister.
Nicht die erste, sondern die beste Lösung, wünscht sich Kreisbaumeister Andres Richter für neue Baugebiete. Hilfreich ist da ein Planungsgswettbewerb, wie er beim Schüsselhauser Feld in Aindling realisiert wurde.Foto: Erich Echter
Anstelle auf misslungene Beispiele zu deuten, schaut Richter lieber dorthin, wo Dinge gelungen sind. Der Bebauungsplan "Am Schüsselhauser Feld" in Aindling zum Beispiel, der nach einem Wettbewerb zustande gekommen ist. Durch Wettbewerbe werde "nicht die erste, sondern die beste Lösung" gefunden. Aber auch die Platzgestaltung am Aichacher Tandlmarkt ist so ein Beispiel für ihn oder der Umbau der Schlossbrauerei Pöttmes zum Rathaus.
Wie gute Architektur im Wittelsbacher Land entsteht
Vorschriften machen kann der Kreisbaumeister ohnehin nicht. Die Gesetze sind ein "zu stumpfes Schwert". Richter setzt also auf Überzeugungsarbeit: bei den Gemeinden, die ihr Ortsbild aktiv gestalten könnten; bei den Planern, die sich stets überlegen sollten, wie sich das Bauwerk in die Umgebung einfügt; bei den Bauherren, die für Vorschläge offen sein sollten. Sein Rat lautet: lieber alles eher einfach halten, sich auf Details konzentrieren. Neben Einzelheiten wie Fenster oder Traufe sind für den Fachmann auch, die Außenanlagen, die Form, die Kubatur und die Umgebung eines Hauses wichtig. Wird all das berücksichtigt, dann entstehe gute Architektur. In der falschen Umgebung jedoch könne ein für sich genommen gelungenes Gebäude wie ein Fremdkörper wirken.
Eberle Architekten BDA Augsburg hat diesen Wohnturm in Mering entworfen. Ein Beispiel dafür, was nach Ansicht von Kreisbaumeister Andres Richter auch sein darf im Wittelsbacher Land.Foto: Rainer Retzlaff
Wie aber lassen sich Gemeinden, Planer, Bauherren überzeugen? Richter berät Kommunen, hält Kontakt mit Bauverwaltungen, zeigt, wenn gewünscht, in Gemeinderäten Verbesserungspotenzial auf, berät Bauherren und hält am Wettbewerb "Besser bauen im Wittelsbacher Land" fest, der im Sommer in die fünfte Runde geht und immer wieder gute Beispiele liefert, wie "besser bauen" funktioniert. Kurzum: Er versucht, Input zu geben, Bilder zu erzeugen. Ein Erfolg ist es für ihn, wenn Vorschläge aufgegriffen werden. Und wenn sie abgelehnt werden? "Ich hör nicht damit auf, darauf hinzuweisen aus einer inneren Überzeugung heraus", sagt Richter.
Aus seinen Worten ist Leidenschaft zu hören. Architektur seien alle Menschen ausgesetzt, alle schauten sie täglich an. "Gute Architektur bereichert immer", findet Richter. Sie sei eben nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern auch eine Frage bestimmter Kriterien. Der Kreisbaumeister sagt: "Ein Haus ist immer die zweite Haut des Bauherren." Umso besser, wenn es dem Traumhaus zugleich gelingt, Identität zu wahren und eine besondere Atmosphäre zu schaffen - Heimat eben.