Die Journalistin und Autorin Carolin Matzko spricht im Dießener „Traidtcasten“ so ruhig wie bestimmt die ersten Sätze im gut gefüllten Saal. Schon steht sie im Zentrum des Geschehens. Nicht, weil sie sich echauffieren oder zum Clown mutieren würde. Die 46-jährige gebürtige Ulmerin mit langjährigem Wohnsitz München ist sie selbst. Das reicht für erhöhte Aufmerksamkeit in Blender-Zeiten, in denen jeder Einzelne zum Mittelpunkt strebt. Jene wundervolle, entwaffnende Ehrlichkeit zeichnet diese Charmeurin aus.
Das Thema der Lesung, wie der Veranstalter – die „Psychosomatische Klinik“ im Kloster Dießen – das Programm definiert, verspricht keinerlei Schonkost, eher Tristesse. Matzko trägt aus ihrem aktuellen Buch „Alte Wut“ vor, das den schwermütigen Untertitel trägt „Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste“. Flüchtlings-Schicksal nach dem Zweiten Weltkrieg samt Schäden bei der Nachfolge-Generation also.
Die Thematik des Ganzen mag grässlich sein. Doch die Art, wie Matzko in den zwei Stunden damit umgeht, ist das Meisterstück einer Vollblut-Entertainerin. Der cholerische, reaktionäre Vater, mit einem liebenswerten Kern tief in sich, nimmt viel Raum ein. Doch um ihm etwas entgegenzusetzen, wartet die Tochter mit bissiger Ironie auf, mit radikaler Aufrichtigkeit, mit schonungslosem Hinhören.
Und Matzko nimmt die Passion auf sich, den Leidensweg des Vaters, die Flucht aus Ostpreußen, acht Dekaden später erneut anzutreten. Als Schutzschilde dienen der geliebte Ehemann und die nicht minder geliebte Teenie-Tochter. Und auf geht’s ins unbekannte Territorium, nach Polen, das die Autorin nur aus den Erzählungen des Vaters kennt. Der war bei der Flucht gerade mal zehn Jahre alt.
Die Art des Vaters belastet die Autorin in der Jugend stark
Als Außenstehender muss man wissen, dass Carolin Matzko selbst jede Menge Narben auf der Seele trägt. Lange Zeit litt sie unter Essstörungen. „Wobei das in meinem Fall nicht mit Beauty-Wahn zu tun hatte“, reflektiert sie freimütig, „sondern mit Kontrolle vor allem durch den Vater.“ In den 1990ern war die Frau Jahrgang 1979 häufiger Gast in der Psychiatrie. „Ich habe bis heute eine Psychologin, die ich in Anspruch nehme“, gesteht sie. „Ansonsten bin ich inzwischen von meinen Dämonen weitgehend geheilt. Zum Glück“, lacht sie schallend, „weil es mal richtig anstrengend war, mit mir selbst zu leben.“
Doch zurück zur Lektüre des Abends. Es gibt da eine „leichte“, vergnügliche Seite. Und den „schweren“, also dunklen Teil. Alleine schon die launigen Anekdoten vom Polen-Trip sind eine Menge Lacher. Und eine prächtige Vorbereitung auf den Teil des Abends, der vor allem aus Wut, Ohnmacht, Traurigkeit genährt wird. „Wer jetzt den Raum verlassen möchte, soll das machen“, meint Matzko. „Ich würde das in der Regel auch tun.“ Niemand verlässt den Saal.
Im TV hat Carolin Matzko schon mit Hans Ringlstetter gearbeitet
An solchen Stellen wird besonders deutlich, dass diese Frau nicht nur hochbegabte Autorin ist, sondern auch gestandene Journalistin, begnadete Entertainerin, die nicht umsonst mit Hannes Ringlstetter im TV kooperiert hat. Sie ist zudem eine angesehene Moderatorin bei „Zündfunk“ des Radiosenders Bayern 2. Auch als Podcasterin ist sie hyperaktiv.
Was Matzko den Besuchern an diesem Abend vermittelt: Ihre Polen-Reise war eine Art Befreiung – von tief vergrabenen Emotionen, vom Vater als Patriarch, von der Vergangenheit. „Ich habe meinem Papa, er ist jetzt 91, das Buch geschickt. Seitdem herrscht Frieden zwischen uns“, erläutert sie in der abschließenden Diskussion mit Prof. Dr. Bert te Wildt, dem Chefarzt der „Psychosomatischen Klinik“. Am Ende gibt es stehenden Applaus und einen Blumenstrauß von der Klinik für die Autorin und es wechseln viele „Alte Wut“-Bücher die Besitzer. Ein anregender Abend.
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