An der großen Fotowand im Wohnzimmer von Melanie Vetter hängen viele Bilder aus ihrer Kindheit und Jugend, auf denen sie sichtlich Spaß hat. Sie turnte, spielte Tennis, voltigierte und gab Reitunterricht. Der 15. August 2013 änderte für sie aber alles. Sie überlebte einen Unfall mit schwersten Verletzungen und lag danach sechs Monate im Koma. Über ihren bisherigen Kampf zurück ins Leben hat sie ein Buch geschrieben. Im Gespräch mit unserer Redaktion geht es auch um eine Gemeinsamkeit mit Cäsar, ein Ritual mit der TV-Nachrichtensprecherin Susanne Daubner, ihren „Triumphkorken“ und eine schwere Entscheidung, die ihr Vater treffen musste.
Die heute 35-Jährige war damals mit dem Auto auf dem Heimweg von Finning, wo sie im Staudenwirt eine Lehre zur Restaurantfachfrau absolvierte, als es zum Unfall kam. Sie wich einem Tier aus und prallte mit etwa 70 Kilometern pro Stunde gegen einen Baum. Ein vorbeikommender Motorradfahrer alarmierte die Rettungskräfte. Die nächsten fünf Monate lag sie im Koma, einen weiteren im Wachkoma.
„Es lief so gut in der Ausbildung, mir fehlten nur noch drei Monate zum Abschluss“, bedauert sie. Der Liebe wegen entschied sie sich für diesen Berufszweig. Melanie Vetter besuchte zuvor das Gymnasium in Tutzing, an dem sie Kunst als Leistungskurs belegte und ihr Abi machte. Anschließend war sie ein Jahr in verschiedenen Ländern unterwegs und entschied sich in der Zeit mit ihrem Freund, einem Koch, zusammen sein zu wollen, statt studieren zu gehen. Sie hatten Pläne, wollten gemeinsam eine eigene Wirtschaft eröffnen.
Nach dem Unfall galt ihr erster Gedanke nicht sich selbst. „Ich musste an meinen Wallach und meine Stute denken und was aus ihnen wird“, erinnert sich die 35-Jährige. Sie wurde ins Unfallklinikum nach Murnau gebracht. Ihre linke Körperhälfte war gelähmt, der Rumpf instabil, ein Leben ohne Beatmungsmaske, Katheter und Magensonde zunächst nicht mehr möglich. Das Schlucken und Sprechen funktionierten nicht mehr. Irgendwann ging es auch um die Frage, ob die Mediziner ihr wegen zwei Thrombosen das linke Bein amputieren müssen. „Zum Glück hat mein Vater dazu keine Zustimmung gegeben.“ Den eigenen Willen kund zu tun, nachdem sie wieder aufgewacht war, war eine Herausforderung. „Ich habe es wie Cäsar gemacht. Daumen hoch oder runter, mehr ging nicht“, sagt sie und schmunzelt. Später hatte sie eine Buchstabentafel, auf der sie durch das Antippen Wörter bilden konnte.
In der Unfallklinik sagte ihr der Chefarzt, dass sie nie wieder laufen könne. Ein Punkt, an dem sie ganz unten war. „Ich war 23 Jahre, wollte nicht mehr leben und habe auch mehrfach versucht, mir das Leben zu nehmen“, erinnert sie sich an die schwere Zeit. „Ich war ein Mensch, der schlecht Hilfe annehmen konnte, viel gearbeitet und selbst erledigt hat und plötzlich sollte ich nichts mehr alleine bewältigen können.“
Kraft in all der Zeit gaben ihr ihre Familie und Freunde. So manche Mitpatienten bedauerte Melanie Vetter, weil er oder sie ein ähnliches Schicksal erlitten hatten, aber kaum Besuch bekamen. Vetter begann dann doch zu kämpfen, „zunächst aus Trotz und Langweile“, wie sie sagt. Erfolge motivierten sie dranzubleiben, beispielsweise, dass sie irgendwann den Sabberlappen nicht mehr benötigte und ihre Blasenfunktion wieder im Griff hatte.
Sich selbst wieder anziehen zu können, war „eine große Sache“
Eine „große Sache“ sei für sie auch gewesen, sich wieder alleine an- und ausziehen zu können. Anfangs brauchte sie dafür 45 Minuten, heute nur noch ein paar Minuten. Und dann ist da der sogenannte Triumphkorken, der an ihrer Fotowand hängt und über den sie selbst schmunzeln muss. Der war unter ihre Trainingsliege gerollt und sie hatte es mit großer Mühe geschafft, ihn wieder hervorzuholen. Auf den Namen kam ihre Pflegerin. Aufgrund von Spastiken bleibt Melanie Vetter wohl ihr ganzes Leben auf Betreuung angewiesen.
„Die ersten fünf Jahre habe ich auch deswegen verbissen um möglichst schnelle und große Fortschritte gekämpft, weil ich meinen Ausbildungsabschluss unbedingt noch machen wollte. Einzusehen, dass das ein unrealistisches Ziel ist, hat gedauert“, sagt Melanie Vetter, die vor dem Unfall auch gern Klavier spielte und den Flügel noch als Motivation im Wohnzimmer ihrer Wohnung stehen hat. „Ich erwarte von meinem Körper keine Meisterleistungen, aber die Standardfunktionen wären schon schön.“
Stehübungen verbindet die Schondorferin mit Susanne Daubner
Als wichtige „Wegbegleiterin“ bezeichnet sie die Nachrichtensprecherin Susanne Daubner. Um 20 Uhr schaltete sie die Tagesschau ein und versuchte möglichst lange stehenzubleiben, während sie sich am Sessel festhielt. So stärkte sie ihr Balancegefühl und stand am Ende teils eine Stunde an dem Sessel. Den Rollstuhl konnte sie zumindest für gewisse Strecken gegen den Rollator tauschen und schafft es auch ganz ohne Hilfe kurze Strecken zu laufen.
Melanie Vetter ist ein offener und geselliger Mensch. Sie spricht andere Menschen auch an, beispielsweise wenn sich in der Seeanlage in Schondorf eine Gelegenheit dazu ergibt. Sie erlebt es im Alltag aber auch, dass Menschen wegschauen oder so tun, als hätten sie nicht bemerkt, dass sie von ihr angesprochen wurden und weiterlaufen. Ein Mann ist ihr besonders in Erinnerung geblieben. Auf ihn, selbst auf Krücken unterwegs, traf sie bei einem Ausflug in einem Museum. Er sagte zu ihrer Betreuerin: „Ja mei, sie will mir was sagen, aber ich verstehe es nicht. Ich werde wenigstens irgendwann wieder gesund.“ Das habe sie sehr verletzt, sagt Vetter. Mit einer Logopädin arbeitet die 35-Jährige intensiv an ihrer Aussprache. Sie erlebe es auch immer mal wieder, dass Personen in der dritten Person über sie sprechen, obwohl sie da ist.
Beschränkungen während der Corona-Pandemie waren sehr fordernd
Ihre Lebensgeschichte und Erfahrungen hat sie in einer Zeit aufgeschrieben, die für sie ebenfalls sehr herausfordernd waren: während der Corona-Pandemie. Die medizinische Betreuung fand via Videochat statt, und vieles war mit einem Schlag nicht mehr möglich. Um die Leere zu füllen und anderen Menschen Mut zu machen, schrieb sie das Buch. Sie hat sich für den Titel „Fortschritte“ entschieden, passend zu ihrem Leben. Eine Lesung im Dorfhaus Schondorf gab es auch schon. „Es war ein sehr schöner Abend“, erinnert sich Melanie Vetter. Angeboten wird das Buch, das zunächst in einer kleinen Auflage gedruckt wurde, auch in der Schondorfer Buchhandlung Timbooktu.
Mit etwas Sorge blickt sie, die gerne Podcasts zu gesellschaftlichen Themen hört, aufs Alter. „Ich habe ja jetzt schon viele körperliche Einschränkungen und mir ist bewusst, dass es nie ohne Hilfe gehen wird.“ Sehr dankbar ist sie, dass die Mitarbeiterinnen des Pflegedienstes sie so gut unterstützen. „Wir haben ein sehr enges Vertrauensverhältnis zueinander.“
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