Im Dezember 2024 lehnte sich Chorleiterin Andrea Fessmann an ihren Flügel, holte tief Luft und verkündete während einer Chorprobe mit feierlicher Stimme „Der Vertrag mit der Carnegie Hall ist unterschrieben, das Abenteuer kann beginnen!“. Das Abenteuer soll über 150 begeisterte Sängerinnen und Sänger aus dem bayerischen Oberland am 4. Juni 2026 zur Aufführung von Carl Orffs „Carmina Burana“ in die Carnegie Hall nach New York bringen.
Fast alle von ihnen haben dieses Stück schon einmal gesungen, viele davon im Kloster Benediktbeuern, dem Fundort der Texte, dem dieser Dauerbrenner der Musik des 20. Jahrhunderts seinen Namen zu verdanken hat: „Carmina Burana“ heißt übersetzt „Lieder von Beuern“.
Auch eine Börse für Dirndl und Tracht gehörte zur Vorbereitung auf den Auftritt in New York
Die Vorfreude war bereits beim Probenwochenende im März spürbar. Wohn- und Fluggemeinschaften wurden organisiert, der Aufstellungsplan nach Stimmgruppen und Körpergrößen für die Konzertbühne erstellt und eine Börse für Dirndl und Tracht eingerichtet. Schließlich wollte man nicht nur musikalisch überzeugen, sondern auch als sichtbare Botschafter aus Bayern auftreten, deshalb auch der Name „Bavarian Carmina Choir“.
Aus dem Landkreis Landsberg waren acht Chormitglieder dabei. Corinna Finster und Anita Kirsch vom Dießener Münsterchor hatten die „Carmina Burana“ bereits mehrfach in Benediktbeuern gesungen und wollten sich dieses Erlebnis nicht entgehen lassen. Stephan Bastian aus Windach blickte dabei bereits auf ein weiteres musikalisches Ereignis voraus. Zur 1275-Jahr-Feier von Schondorf sollen die Carmina Burana am 24. Juli aufgeführt werden. Chorleiter Erich Unterholzner plant das Konzert im Festzelt, und für Bastian war der Auftritt in New York eine ideale Vorbereitung.
Ebenfalls aus Dießen angereist war Heike Gerl, die Leiterin der Volkshochschule Ammersee West. Gemeinsam mit Freunden nahm sie an der Reise teil. Für sie spiegelt die „Carmina Burana“ die ganze Bandbreite des Lebens wider – laut und leise, zärtlich und ausgelassen. In ihrer noch jungen Chorkarriere stellt der Auftritt in der traditionsreichen und eleganten Carnegie Hall, in der schon Horowitz, Bernstein, Maria Callas und die Beatles gefeiert wurden, einen Höhepunkt dar, auf den sie ihr Leben lang stolz sein wird.
Mit gemischten Gefühlen ging man aus der Generalprobe heraus
Einen Tag vor dem Konzert stand die erste Probe mit Orchester und Solisten in einer Kirche in Greenwich Village auf dem Programm. Dort wurde auch der Voena Kinderchor aus San Diego integriert, der einen eigenen Beitrag zum Vorprogramm leistete. Einen weiteren Programmpunkt vor der Pause gestalteten die Munich Harmonists.
Die Generalprobe verlief allerdings nicht reibungslos. Der Probensaal erwies sich als zu klein, die Akustik war schwierig und die Umsetzung des Aufstellungsplans zog sich in die Länge. Hinzu kamen die strikt einzuhaltenden Pausenregelungen für die Musiker. Mit gemischten Gefühlen verabschiedeten sich die Beteiligten.
Dann war der große Tag da. Um 14 Uhr wurden die 150 Sängerinnen und Sänger in ihrer Tracht wie leuchtende bayerische Perlen in die reibungslose Organisationskette des bewährten Konzertbetriebs eingereiht. Eine strahlende Dirigentin führte sicher durch die Durchlaufprobe und die Musiker bekamen ein Gefühl für die austarierte Akustik des eleganten Konzertsaals.
Nach dem Vorprogramm nahmen Orchester und Chor gegen 20 Uhr ihre Plätze auf der Bühne ein. Das Parkett war gut gefüllt, auch die geschwungenen Ränge boten nur noch wenige freie Plätze. Nach dem furiosen Auftakt mit dem bekannten „O Fortuna“ setzte jubelnder Applaus ein. Andrea Fessmann verstand es, den Spannungsbogen aufzubauen, indem sie einerseits die Rhythmik energisch vorantrieb und andererseits den lyrischen Passagen mit den zarten Stimmen des Voena Kinderchors ihren Raum gab.
Warum der Konzertmanager nach den „Carmina Burana“ nervös auf die Uhr blickte
Wie sehr das Stück den Nerv des New Yorker Publikums traf, zeigte der immer wieder aufbrandende Applaus, auch wenn er manchmal an für europäische Ohren ungeeigneter Stelle einsetzte. Die Standing Ovations und nicht enden wollenden Beifallsbekundungen führten beim Konzertmanager zu sorgenvollen Blicken auf die Uhr. Pünktlich um 22 Uhr mussten Bühne und Saal geräumt sein, sodass die Bühnenarbeiter für das nächste Konzert am folgenden Tag abbauen konnten. Denn Ausnahmen sind weder vom Konzertbetrieb noch von der Gewerkschaft geduldet.
Beim anschließenden Empfang spielte dies jedoch keine Rolle mehr. Dort wurde der Erfolg eines außergewöhnlichen musikalischen Erlebnisses gefeiert.
Unterdessen bereitet das Carl-Orff-Museum Dießen eine Ausstellung für das Jahr 2027 vor, in dem das 90. Jubiläum der Erstaufführung der „Carmina Burana“ gewürdigt wird. Der Auftritt des Bavarian Carmina Choir in der Carnegie Hall wird dabei als ein besonderes Kapitel in der Geschichte dieses eng mit Bayern verbundenen Werkes in Erinnerung bleiben.
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