Franz Beckenbauer hat's getan, Boris Becker und die Schumacher-Brüder ebenso: Sie sind aus steuerlichen Gründen ins Ausland gegangen. Doch war der Wegzug aus Deutschland früher eher etwas für reiche Supersportler und Großunternehmer, so sehen heute längst auch viele Menschen aus der Mittelschicht eine Chance, in anderen Ländern Geld zu sparen. Der Schondorfer Rechtsanwalt und Steuerexperte Rainer Deininger berät auswandernde Personen und hat dazu ein Buch herausgegeben, das jetzt in der dritten Auflage erschienen ist, ergänzt um Italien. Sein Werk "Wegzug aus steuerlichen Gründen" trägt den Untertitel "Einkommen-, erbschafts- und schenkungsrechtliche Auswirkungen des Wegzugs natürlicher Personen von Deutschland in die Schweiz, nach Österreich und Italien". Deininger beschränkt sich auf diese drei Staaten, denn sie seien derzeit die lohnendsten Ziele für deutsche Auswanderer.
Die Zahl der Wegzüge steigt. Waren es laut Statistischem Bundesamt 2005 noch 628.000 Personen, die Deutschland den Rücken kehrten, waren es 2022 schon 1,2 Millionen. Natürlich sind darin auch Personen eingerechnet, die aus anderen Gründen weg- oder weitergezogen sind. Jedoch sieht Rainer Deininger eine deutliche Tendenz zum Wegzug aus steuerlichen Gründen. Aber nicht nur das: "Viele sagen, sie haben einfach die Nase voll. Aktuell spielt das neue Gebäude-Energie-Gesetz eine Rolle, aber auch das schlechte Wetter oder der Krieg, da fühlen sich manche jetzt in der neutralen Schweiz oder im wärmeren Italien besser aufgehoben", sagt Rainer Deininger.
Italien sei auch für wenige reiche Selbstständige interessant, sagt Rainer Deininger
"Ab einer Million Euro Liquidität lohnt sich ein Wegzug nach Österreich oder in die Schweiz schon", so Rechtsanwalt Deininger. In Italien gibt es aber auch für weniger Reiche attraktive Szenarien, so haben etwa Selbstständige mit weniger als 85.000 Euro Einkommen eine erheblich geringere Steuerlast zu tragen als hierzulande. Vorteile gebe es auch für Rentner, und auch das (renovierungsbedürftige) Ein-Euro-Haus könne einen Umzug attraktiv machen. Im italienischen Süden seien die Bedingungen dabei noch besser als im Norden. Die neue Regierung Meloni werbe für Zuzüge, denn Italien "ist ein geburtenschwaches Land, schwächer als Deutschland", so Deininger.
In Österreich ist zwar der Spitzensteuersatz bei der Einkommensteuer etwas höher als in Deutschland, jedoch gibt es keinen Solidaritätszuschlag und keine Erbschafts- und Schenkungssteuer. Letztere ist auch in der Schweiz und in Italien niedriger als in Deutschland. In der Schweiz lohne es sich zudem, genauer auf die Steuerlast in den einzelnen Kantonen zu schauen.
Auswanderung: Bei welchem Thema die Steuerfahndung sehr wachsam ist
Etwa 300 bis 400 Milliarden Euro werden jährlich in Deutschland vererbt, da sei es schon eine Überlegung wert, ob man sein Geld in ein anderes Land mitnimmt, wo auch die Erben später geringer belastet werden, meint Deininger. Etwa 90 Prozent der Wegziehenden seien über 50 Jahre alt, und in der Masse seien es Spitzenverdiener. "Die Kinder sind aus dem Haus, finanziell ist man gut gestellt, und in vielen Berufen kann man im Homeoffice arbeiten. Zudem sind heute ältere Menschen deutlich fitter als früher und lassen sich noch mal auf einen Neuanfang ein", so Rainer Deininger. Man könne das Haus verkaufen, das Vermögen ins Ausland mitnehmen und in Deutschland noch eine kleine Wohnung als Anker für später haben. Doch man müsse genau wissen, was man tut und wie man es tut. Und sich – je nach Vermögen – mindestens ein halbes Jahr Zeit nehmen, um alles zu klären und vorzubereiten. Denn es gebe Regeln und Feinheiten, die nicht jeder kennt. Auch wenn man sich die Mehrzahl der Tage eines Jahres im Ausland aufhält, kann der Lebensmittelpunkt unter Umständen doch Deutschland sein. "Das Finanzamt und die Steuerfahndung sind bei diesem Thema sehr wachsam", so Deininger. Auch beim Autokennzeichen sei Vorsicht geboten.
Prominentes Beispiel für Steuerhinterziehung am Wohnort ist die Sängerin Shakira. Der spanische Fiskus beschuldigt sie, zwischen 2012 und 2014 keine Einkommensteuer in Spanien bezahlt zu haben. Die von 2010 bis 2022 mit dem spanischen Fußballstar Gerard Piqué liierte Sängerin gab als Wohnsitz bis 2015 die Bahamas an, ihren Lebensgefährten habe sie nur ab und zu in Barcelona besucht. Das glaubte ihr die Finanzbehörde nicht. Allein für die Jahre 2012 bis 2014 hat sie dem spanischen Fiskus mittlerweile 17,2 Millionen Euro überwiesen. Aber die Sache ist noch nicht ausgestanden.
Warum etwa die Hälfte der Auswanderer wieder zurückkommen
Vergleicht man die drei von Deininger beschriebenen Länder, liegt die Schweiz bei Wegzüglern leicht im Vorteil. Das Land ist wie Österreich und Südtirol für Deutsche auch aufgrund der gleichen Sprache attraktiv. "Alles hängt aber von vielen Einzelfaktoren und der individuellen Situation ab, pauschal kann man da keine Aussage treffen", so Rainer Deininger, der in den drei Ländern mit Experten zusammenarbeitet, die auch in seinem Buch zu Wort kommen.
Geht eine Auswanderung immer gut? "Nicht immer! Man kann sagen, dass etwa fünf von zehn irgendwann wieder zurückkommen", sagt Deininger. Die Gründe dafür können nicht ausreichende oder falsche Beratung sein, aber auch gesundheitliche Probleme, ärztliche Versorgung, die Enkel, die Sprache oder schlicht Heimweh.