Adelsried Als der in Adelsried lebende Künstler und Dozent Hans Malzer seine Lehrerin und spätere hoch geschätzte Kollegin 1955 kennenlernte, war er selber ein Bub mit 14 Jahren. Sie unterrichtete am Weidener Gymnasium. Die Schüler sollten mit Bleistift eine „wunderbare Traube“ zeichnen – nach dem Vorbild der Natur, wie es die spätere Professorin am Lehrstuhl für Kunsterziehung der Universität Augsburg in ihrer gründlichen Art bevorzugte. Die Buben haben indes alle Trauben gegessen, zurück blieb das leere Gerüst – dann wurde eben das gezeichnet, auch Natur. Hilda Sandtner hatte Humor!
Mit vielen Anekdoten würzte der Bildhauer Hans Malzer, der als Dozent am Lehrstuhl für Kunstpädagogik der Universität Augsburg arbeitete, seine Rede anlässlich einer Ausstellung, die er zur Erinnerung an die unermüdlich und reich schaffende, 2006 verstorbene Hilda Sandtner organisierte.
Im Bürgersaal von Adelsried würzte die Gempfinger Hofmarkmusik die Vernissage, zu der eine große Zahl ehemaliger Schüler und „Fans“ Hilda Sandtners gekommen waren – viele von ihnen waren Lehrer geworden. Für die eigentliche Ausstellung in Malzers Atelier in der Gartenstraße hatte Hans Malzer vorwiegend kleine Formate ausgesucht, schon allein wegen des Platzes, die Fülle und Bandbreite des Schaffens von Hilda Sandtner repräsentierend. Vieles stammt auch aus ihrer Zeit als Studentin an der Münchner Kunstakademie, an der die 1919 im schwäbischen Türkheim geborene und schon früh der Kunst zugewandte, bei aller Weltoffenheit auch immer heimatverbundene Schwäbin unter Professor Oberberger studiert hatte. Malzer zeichnete ein von seiner Erfahrung mit Hilda Sandtner geprägtes Bild ihrer komplexen Persönlichkeit als Mensch und Künstlerin, die immer „radikalen“ Einsatz brachte, aber auch verlangte: „Sie konnte schnell skizzieren wie andere fotografierten und Gesehenes aus der Vorstellung wiedergeben.“ Begabung sei notwendig, zitierte er seine Lehrerin, aber eben auch unermüdliches Training. Und über Fleiß, Ausdauer, Zähigkeit verfügte Hilda Sandnter.
Hektik, Eile und Ruhelosigkeit
Die Natur, das Betrachten von Kunstwerken, das Experimentieren, Spielen mit dem Material – viel auch mit textilem Material. Malzer erzählte von ihrer Hektik, Eile, ja Ruhelosigkeit- und dass schon Professor Oberberger gesagt hatte: „Wenn Hilda je Kinder bekommen sollte: Sie bekommt sie nicht, sie wirft sie.“ Geradlinigkeit, klare, auch rücksichtslose und ab und zu undiplomatische Meinungsäußerung – auch der Obrigkeit gegenüber: So war Hilda Sandtner, gleichzeitig herzlich, humorvoll und nicht nachtragend.
„Hilda Sandtner hatte immer Gegner, manchmal hätte man meinen können, sie bräuchte jemand, an dem sie sich reiben konnte.“ Als 12. Kind musste sie wohl gelernt haben, sich durchzusetzen. Sie hatte viele Feinde und viele Freunde, sagte Malzer. Dass es nicht immer leicht war, mit ihr zusammenzuarbeiten, würden viele bestätigen, die das mussten und durften! Verzeihen, Verstehen, Herzlichkeit, Wertschätzung sei ihr aber auch über den Dienst hinaus zu eigen gewesen.
Ein gewaltiges Arbeitspensum, Hektik, ständiger Zeitdruck, dauernde Eile und Getriebenheit: „Nur so konnte das gewaltige Werk entstehen“, betonte Hans Malzer.
So veröffentlichte Hilda Sandnter allein 23 Bücher über Kunstpädagogik und Kunstdidaktik, Textiles Gestalten, über die Schwaben, Religion und Philosophie. Beispiele davon sind in der aktuellen Ausstellung zu sehen. Sandtner, die nebenbei im Kloster Wettenhausen die Paramentenstickerei gelernt hatte, schuf Unermessliches in textilem Gestalten, baute ab 1986 das Textilmuseum in Mindelheim auf, dem sie ihre eigene Sammlung zur Verfügung stellte, schuf 500 Quadratmeter Farbglasfenster.
Im Kern war sie ein total gesammelter Mensch, ein meditativer Mensch, der aus der Mitte heraus lebte, ein tief empfindender Mensch, fasste Malzer seine Erinnerungen zusammen. Respekt vor dem Menschen, der Glaube an den Menschen als einmaliges, schöpferisches Wesen habe ihre Pädagogik geprägt. Die Sandtner-Ausstellung in Malzers Atelier ist bestückt mit Werken, die Hans Malzer gehören, aber auch mit Leihgaben des Kulturvereins Gempfinger Pfarrhof, der Sandtners künstlerischen Nachlass verwaltet. Beispiele von Sandtners Büchern wie „So sagt’s dr Schwob“ oder „Stricken einmal anders“ sind ebenso zu bewundern wie Aktzeichnungen der Kunststudentin Sandtner, Farbskizzen, Bleistiftstudien, Web- und Stickereiarbeiten, Batiken, Glasbilder.
Öffnungszeiten: Sonntage 29. April, 6. Mai und 13. Mai jeweils von 14 Uhr bis 18 Uhr; Führungen um 15 Uhr in der Ateliergalerie in Adelsried, Gartenstraße 15.