Den Klassensprecher wählen, das eigene Klassenzimmer schöner gestalten, das Ziel der Klassenfahrt aussuchen, sich für mehr Möglichkeiten der Freizeitgestaltung in der eigenen Gemeinde einsetzen und Projekte im Umweltschutz umsetzen: Jugendliche im Landkreis Augsburg haben viele Ideen, wo sie gesellschaftspolitisch eingreifen möchten. Doch nicht immer ist ihnen klar, wie sie es anstellen können, damit ihre Vorschläge auch gehört werden. Das hat eine Umfrage des Jugendamts ergeben, die jetzt im Jugendhilfeausschuss vorgestellt wurde. Ziel ist es, den Kommunen im Landkreis Augsburg Vorschläge zu machen, wie sie die Beteiligung von Jugendlichen am gesellschaftlichen Leben steigern können.
Am Anfang stand ein Fragebogen. Anfang des Jahres hat die Abteilung Jugendhilfeplanung im Landratsamt bei den Jugendlichen nachgefragt, ob und wie sie sich an gesellschaftlichen Vorgängen beteiligen. Gut 1800 Fragebogen, ein Drittel der ausgegebenen, kamen mit brauchbaren Aussagen wieder zurück, so Sachbearbeiter Günter Katheder-Göllner.
Die Antworten geben Aufschluss in verschiedene Richtungen: Je jünger die Kinder – befragt wurden Fünft- bis Zwölftklässler –, desto weniger wissen sie über ihre Möglichkeiten zur Mitbestimmung Bescheid. Am besten informiert sind Schüler aus der Oberstufe von Gymnasium und FOS, die haben aber nach eigenen Angaben oft auch am wenigsten Zeit, sich zu engagieren.
Die Jüngeren erfahren vor allem von ihren Eltern von Möglichkeiten, wie sie sich engagieren können, die Älteren verlassen sich eher auf Nachrichten über Social-Media-Kanäle oder die Schule. Günter Katheder-Göllner: „Die Hauptberuflichen, wie Jugendbeauftragte oder Sozialarbeiter in den Schulen, spielen dabei eher keine Rolle.“
Vereine, Jugendtreffs oder auch kirchliche Gruppen werden von Jugendlichen immer wieder als Orte genannt, wo sie sich gerne engagieren. Ob ein Engagement allerdings immer auch schon eine Beteiligung an Entscheidungsprozessen bedeute, das sei den Jugendlichen nicht immer klar, so Günter Katheder-Göllner.
Klar ist den Elf- bis 21-Jährigen jedoch, dass sie selbst in der Schule nicht immer so mitreden und -gestalten können, wie sie das eigentlich möchten: Bei den Gymnasiasten ist die Quote jener, die an eine Mitbestimmung von ihrer Seite glauben, mit weniger als der Hälfte geringer als an den Mittelschulen, wo zwei Drittel der Befragten von Möglichkeiten der Mitbestimmung sprechen. Vor einer Entwicklung warnt Fachbereichsleiterin Doris Stuhlmiller: Wenn Jugendliche das Gefühl hätten, zwar ihre Ideen vorbringen zu können, im Endeffekt aber nichts davon umgesetzt werde, dann sei das für ihre demokratische Bildung nicht gut.
Dabei wissen sie selbst genau, wie solch eine positive Rückmeldung aussehen könnte. Katheder-Göllner berichtet von einem Jugendlichen, der in seinem Fragebogen schreibt, dass es gut wäre, wenn der Bürgermeister auch mal einfach im offenen Jugendtreff vorbeikommen würde. „Vielleicht kurz nachdem man eine Veranstaltung hatte und noch mal persönlich sagen würde: ,Ich fand es toll, was ihr da gemacht habt.‘ Weil dann hat man auch Selbstwertgefühl. Das wäre cool.“
Eine Umfrage bei den 46 Gemeinden und Städten des Landkreises zeigt, dass einige Kommunen Nachholbedarf in Sachen Jugendbeteiligung haben. Ein gewähltes Jugendparlament gibt es nirgendwo im Landkreis, einen Jugendrat oder -beirat in 17 Kommunen. Hauptberufliche Jugendarbeiter gibt es in neun Städten und Gemeinden, in 24 Kommunen ist ein Stadt- oder Gemeinderat Sprachrohr für die Jugendlichen.
Eine eindringliche Erfahrung mit seiner Jugendsprechstunde, die er abwechselnd in verschiedenen Gemeinden anbietet, hat Landrat Martin Sailer gemacht: Zu diesen Terminen kommen viel mehr Personen, als in seinen üblichen Sprechstunden. Dabei seien auch die Themen unterschiedlich: Während Erwachsene eher mit persönlichen Anliegen kämen, seien es für Jugendliche eher allgemeine Themen wie Klima- oder Umweltschutz oder auch nur der Zebrastreifen vor der Schule. Jugendliche nicht nur zu beteiligen, sondern auch aktiv mitbestimmen und entscheiden zu lassen, das möchte Kreisrätin Annette Luckner (SPD) über die aktuelle Diskussion noch hinaus. Im Herbst soll die endgültige Auswertung der Fragebögen mit Tipps für die Kommunen dem Jugendhilfeausschuss vorliegen.