Vor wenigen Tagen hat Wilfried Günther seine letzte Schicht im Rettungswagen der Rot-Kreuz-Rettungswache Zusmarshausen absolviert. Über ein halbes Jahrhundert Einsatz in Notlagen und ehrenamtliches Engagement gingen diesem Tag voraus. Natürlich hatten die Kollegen in der Rettungswache eine kleine Feier vorbereitet. Auch langjährige Weggefährten kamen, unter ihnen zum Beispiel Zusmarshausens erster Notarzt Dr. Arthur Wipp. "Das war sehr schön, ich hatte ein paar Tränen in den Augen", sagt der 65-Jährige am Tag danach bei Kaffee und Nussecken.
Wilfried Günther will sich aber nicht komplett aus seinem Engagement beim Roten Kreuz zurückziehen. Das wäre nach 50 Jahren im Einsatz und 20 Jahren in leitender Position wohl zu abrupt. Er will zum Beispiel weiter im Blutspendedienst arbeiten und den "Einsatzleiter Rettungsdienst" besetzen. Rettungswagen fährt er nicht mehr. Auch seinen Posten als ehrenamtlicher Bereitschaftsleiter gibt er auf. "Es tut schon gut, nicht mehr so viel Verantwortung zu tragen", erklärt der Zusmarshauser. Er freut sich jetzt darauf, mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen.
Zwei bis drei Zwölf-Stunden-Schichten pro Woche
Ohne eine verständnisvolle Familie hätte er sich über die Jahrzehnte kaum so intensiv engagieren können. "Es ist toll, dass die das mitgemacht haben", sagt er. Seit 1982 ist Wilfried Günther Mitglied der Rotkreuz-Wache. Lange Zeit übernahm er zwei bis drei Zwölf-Stunden-Schichten pro Woche und nutzte jährlich mindestens eine Woche seines Urlaubes im Beruf, um als Sanitäter zu arbeiten. In der 1996 gegründeten "Schnellen Einsatz-Gruppe" habe er immer die meisten Stunden gehabt, sagt Wilfried Günther.
Wolfgang Pentz, selbst langjähriges Mitglied des Roten Kreuzes, erinnert sich an die sogenannten "Ochsentouren" – drei aufeinanderfolgende Schichten, ein 36-Stunden-Dienst. Auch später übernahm Wilfried Günther zusätzlich zu seinen organisatorischen Aufgaben mindestens fünf Schichten im Monat und sprang laut dem stellvertretenden Leiter der Rettungswache, Markus Beck, immer wieder ein: "Er sagte dann: Zur Not kann ich schon."
Sein Vater war der "Virginia-Karre"
Schon sein Vater engagierte sich für die Kranken in der Region. Karl Günther, aufgrund seiner bevorzugten Tabak-Marke besser bekannt unter dem Namen "Virginia-Karre" oder "Rettungskarre", ist unter den Rotkreuzlern in Zus eine Art Legende. Als 1932 die ersten Krankentransporte mit einem Pferdegespann begannen, war "Virginia-Karre" als Hausmeister im Krankenhaus Zusmarshausen angestellt. Er übernahm aber auch Transport- oder Notfallfahrten. Wolfgang Pentz erinnert sich: "Der Karre hat erzählt, dass die Fahrt nach Fischach damals eine Tagesreise mit einem Futterstopp war."
Nach dem Zweiten Weltkrieg trug Karl Günther dazu bei, dass die Krankentransporte in der Region motorisiert wurden. Der erste Krankenwagen Zusmarshausens wurde 1949 angeschafft. Der VW-Bully stand entweder am Krankenhaus oder nach Feierabend für den Hausmeister neben dem Elternhaus von Wilfried Günther. Das Haus an der Ecke Otto- und Arnulfstraße wurde außerdem zur "Unfallhilfsstelle" mit dem ersten Telefon im Ort. "Die Leute kamen entweder für die Erstversorgung, für einen Transport oder auch einfach mal zum Telefonieren", erinnert sich Wilfried Günther.
Damals hatte die Trage keine Rollen
Mit 14 oder 15 Jahren, also Anfang der 70er-Jahre, begann Wilfried Günther seinen Vater "Virginia-Karre" bei den Fahrten mit dem Krankenwagen zu unterstützen. Karl Günther brauchte immer wieder Hilfe, zum Beispiel beim Ein- und Ausladen von Verletzten. Er schreckte auch nicht davor zurück, Passanten auf der Straße zu bitten, mitzufahren. "Damals hatte die Trage nicht einmal Rollen", bemerkt Markus Beck. Er präsentiert einen Zeitungsbericht aus dem Jahr 1973 mit der Überschrift "Notstand bei Notfällen beendet, Rettungswache besser besetzt". Der Artikel ist mit einer Karikatur illustriert, auf der ein Patient auf einer Trage mit den Händen selbst mitläuft. Die Bildunterschrift lautet: "Bei nächtlichen Einsätzen mußte der Hausmeister des Zusmarshauser Krankenhauses oft ohne zweiten Helfer mit dem dort stationierten Sanka ausrücken." 1974 wurde die Krankentransportstelle in Zusmarshausen zur Rettungswache ausgebaut.
Es gibt auch weniger schöne Erinnerungen
Seit seiner Jugend gehört der Rettungsdienst für Wilfried Günther dazu. "Mir hat das einfach Spaß gemacht, es war meine Leidenschaft, den Menschen zu helfen", erklärt er. Besonders schön sei es gewesen, "wenn sich ein Patient wieder vollständig erholen konnte. Das motiviert schon sehr." Er hat aber auch negative Erinnerungen. Wilfried Günther radelt regelmäßig über Horgau, Zusmarshausen, Agawang, Häder und Dinkelscherben. Für die Tour braucht er ungefähr eine Stunde. "Ich habe nachgezählt, dass ich allein auf den Straßen dieser Strecke bei zehn tödlichen Unfällen im Einsatz war", sagt er.
Der Zusmarshauser hat aber nicht nur vielen Menschen geholfen, sondern auch inspiriert. Markus Beck zum Beispiel verbindet eine seiner frühesten Erinnerungen mit dem heute 65-Jährigen. "Ich war als Kind begeistert von Feuerwehr und Rettungsdienst", sagt er. Wilfried Günther sei ein Freund der Familie gewesen, und bei einem Besuch – Beck selbst war damals wahrscheinlich fünf Jahre alt – durfte der Junge die Uniform sehen. Der Eindruck blieb haften: 1999 absolvierte Beck seinen Zivildienst beim Roten Kreuz, und "seitdem bin ich dabei".