Mit Leserinnen und Lesern unserer Zeitung spazierte Kabarettist Bernd Stelter beim Walk & Talk vor seinem Auftritt in Gersthofen zum Gipfelkreuz auf dem Müllberg. Von links Elfriede Kretzinger, Agnes Hamacher, Oliver Reiser, Bernd Hamacher und Monika Siegner.Foto: Marcus Merk
An 100 Tagen im Jahr ist Bernd Stelter auf Comedy-Tour, 100 Auftritte absolviert er im Kölner Karneval, rund 90 Tage schreibt er an seinen Büchern. Gesund ist das alles nicht. Deshalb - und weil demnächst eine Hüftoperation ansteht - hat er sich eine besondere Challenge ausgedacht. Jeden Tag 10.000 Schritte laufen. An seinen jeweiligen Auftrittsorten nimmt er dabei Leserinnen und Leser der jeweiligen Lokalzeitung mit, die die Teilnahme bei einer Verlosung gewonnen haben. So auch in Gersthofen.
„Walk & Talk“ statt „Meet & Greet“
Bestens gelaunt steigt er am Denkmal von Vater Lech zwischen Lech und Kanal aus seinem Audi. „21 Kilogramm habe ich schon abgenommen“, strahlt der gerade 65 Jahre alt gewordene Komiker, Karnevalist, Kabarettist, Schauspieler, Schriftsteller, Musiker, Liedermacher, Sänger und Fernsehmoderator, während er seine Nordic Walking-Stöcke aus dem Kofferraum holt. Dann begrüßt er die Mit-Wanderer. Das Ehepaar Agnes und Bernd Hamacher ist aus Gessertshausen gekommen, Elfriede Kretzinger aus Gersthofen hat ihre Freundin Monika Siegner mitgebracht.
Gut gelaunt präsentierte sich die Wandergruppe auf der Autobahnbrücke. Im Hintergrund der Zusammenfluss von Lech und Wertach.Foto: Oliver Reiser
Den Blick vom „Monte Scherbelino“ genossen
Neben 10.000 Schritten hat sich Bernd Stelter auch 30 Seiten Lesen pro Tag verordnet. Derzeit liest er „Eine Seite noch - wie Lesen glücklich macht“, verrät er, während er sich mit seinen Mitläuferinnen und Mitläufern über die Lechbrücke und den Europa-See auf den Weg zum Gipfelkreuz des Müllbergs aufmacht. Auf dem „Monte Scherbelino“ angekommen, genießt die Gruppe den herrlichen Ausblick.
Stelter beantwortet alle Fragen. Auch, ob er denn einen „ordentlichen“ Beruf erlernt habe. „Bergbau-Ingenieur ist an den niedrigen Stollen unter Tage gescheitert. Nach der Bundeswehr habe ich dann erst BWL später VBL studiert. Trotz einer Eins in der Diplomarbeit habe ich mich dann für Karneval entschieden.“ Zwei Monate im Jahr lebt der 65-Jährige in Zeeland auf einem Campingplatz. Dort holt er sich Inspirationen für seine Romane „Der Tod hat eine Anhängerkupplung“ oder „Mode, Mord und Meeresrauschen“.
Prominenter Gast beim Auftritt von Bernd Stelter in Gersthofen war ARD-Meteorologe Sven Plöger.Foto: Oliver Reiser
Agnes und Bernd Hamacher, die 1976 aus beruflichen Gründen aus dem Rheinland nach Augsburg gezogen sind und nun in Margertshausen wohnen, kennen diese Bücher und schätzen Stelter insbesondere als Karnevalist. „Zwei Jahre mache ich noch, dann habe ich 40 Jahre voll“, erzählt er von seinen Anfängen 1988. Später war er dann über Jahre hinweg einer der herausragenden Köpfe bei „Sieben Tage - sieben Köpfe“, der Kultsendung mit Rudi Carrell. „Ein Glücksfall, dass ich den getroffen habe.“
Im lockerem Schritt und Plausch geht es hinunter in die Firnhaberauer Heide, über die Autobahnbrücke und durch das als Neubaugebiet bekannt gewordene Mühlängerle zurück zum Ausgangspunkt. 5,5 Kilometer und 8.000 Schritte zeigt Bernd Stelters Smartwatch. Nach herzlicher Verabschiedung will er sich im Hotel noch ein Stündchen aufs Ohr legen.
Rotes Hemd und rote Schuhe sind das Markenzeichen von Bernd Stelter.Foto: Oliver Reiser
Die restlichen 2.000 Schritte spult Bernd Stelter bei seinem Auftritt im kleinen Saal der Stadthalle ab. „Reg dich nicht auf. Gibt nur Falten“, heißt das neue Programm, das er wie immer zu 80 Prozent selbst geschrieben hat. „Wer älter wird, braucht Spaß im Leben“, verrät er seine Weisheit der fünf goldenen „L“. Laufen, Lieben, Lernen, Lachen und Loslassen. Mit Rente beschäftigt er sich trotzdem nicht. Seine Falten trägt er mit Stolz: „Wenn ich 73 bin, will ich nicht aussehen wie Dieter Bohlen.“ Als Sänger steht er ihm nicht nach. Mit Gitarre und am Flügel gibt er nicht nur Nonsens wie „Ich hab drei Haare auf der Brust“ zum Besten, sondern präsentiert sich in sehr persönlichen Liedern von seinen Kindern und seinem Vater, mit dem er zwecks Ahnenforschung nach Polen gereist war, als sentimentaler Geschichtenerzähler.
Auch am Flügel konnte Bernd Stelter überzeugen.Foto: Oliver Reiser
Man hört die berühmte Stecknadel fallen
Mucksmäuschenstill wird es im Saal, als Bernd Stelter konstatiert, dass die Respektlosigkeit das Grundproblem unserer Gesellschaft ist. „Eine Diskussionskultur ist nur möglich, wenn jemand bereit ist, seine Meinung zu ändern. Sonst ist es Religion. Wer nie Respekt erlebt hat, kann auch keinen entwickeln“, sagt er. Dafür gebe es Gründe: „Früher gab es Respektspersonen, heute sind es Influencer mit einem IQ von sieben, die uns die Welt erklären.“ Bei diesen Sätzen hätte man eine Stecknadel fallen hören, bevor tosender Applaus aufbrandete.
Geduldig erfüllte Bernd Stelter nach seinem Auftritt in Gersthofen Autogrammwünsche und signierte seine Bücher.Foto: Oliver Reiser
Zu guter Letzt hat Bernd Stelter noch einen Rat von Psychiater Manfred Lütz parat: „Wer sich aufregt, büßt für die Sünden anderer Leute.“ Deshalb heißt sein Programm, das mit lang anhaltendem Applaus bedacht wurde, ja auch: „Reg dich nicht auf. Gibt nur Falten.“
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