Die Martinskirche in Gabelbach besitzt mit ihrer historischen Orgel einen geschichtsträchtigen musikalischen Schatz. Doch wurde sie nicht für diese Kirche gebaut. Ihr originaler Platz war die Augsburger Barfüßerkirche, wo sie 1609 von dem damals bekanntesten Augsburger Orgelbauer Marx Günzer aufgestellt wurde. Dort erklang die Orgel fast 150 Jahre, bis sich die Barfüßergemeinde 1755 entschloss, sich von Johann Andres Stein eine neue, größere Orgel erstellen zu lassen. Die Gemeinde bot das Instrument zum Kauf an. Der Gabelbacher Pfarrer Dominikus Paulus erwarb es für die neu erbaute Martinskirche. Die bemalten Seitenflügel mussten wegen Platzmangel abgenommen werden und sind seitdem verschollen.
Der Klang hat mit der ursprünglichen Orgel nur noch wenig zu tun
So erklang nun eine Renaissance-Orgel in einer Barockkirche. Darum war es nicht verwunderlich, dass vor allem im 19. Jahrhundert der Wunsch nach einer klanglichen Veränderung entstand. Der Günzburger Orgelbauer Anselm Roschmann setzte neue Register ein, erweiterte den Tonumfang, baute einen freistehenden Spieltisch und passte die Stimmtonhöhe der damaligen Zeit an.
Durch diese umfangreichen Modernisierungsmaßnahmen griff man stark in die originale Substanz der Günzer-Orgel ein. In den 1930er Jahren, die Orgel war inzwischen über 300 Jahre alt, sollte die Orgel restauriert werden. So sollte die Orgel durch ein zweites Manual erweitert und auf Pneumatik umgestellt werden. Das historische Gehäuse blieb erhalten. 1934 führte der Augsburger Orgelbauer Max Dreher diese Arbeiten durch. Damit war eine Orgel mit einem neuen Klangcharakter entstanden, der mit der ursprünglichen Orgel von 1609 kaum mehr etwas zu tun hatte.
Ein Förderverein setzte sich für die Restaurierung der Gabelbacher Orgel ein
Als im Lauf der Jahre immer wieder Schäden auftraten und das Spiel beeinträchtigten, wollte man sie restaurieren. Dies führte 1998 zur Gründung des „Fördervereins zur Restaurierung des hist. Orgel zu Gabelbach mit dem Ziel, die ideelle und finanzielle Grundlage zu schaffen. Es entstand eine große Gruppe von Musik- und Orgelbegeisterten, die mit ihren Spenden die finanzielle Basis der Restaurierung schufen. Benefizkonzerte in der Gabelbacher Martinskirche machten die Besucher mit Kirche und Orgel bekannt. Daraus entwickelte sich bis heute eine Konzertreihe mit jährlich vier Konzerten. Als zwei Stiftungen die Arbeit des Fördervereins mit großen Zuwendungen würdigten, war die Finanzierung weitgehend gesichert.
Die Restaurierung der fast 400 Jahre alten Orgel begann 2005 und war eine handwerkliche Herausforderung. So wurde jeder Arbeitsschritt nicht von Orgelbauer und einem Fachgremium gemeinsam festgelegt. Ziel war, dem Zustand der Orgel von 1758 bzw. 1609 möglichst nahe zu kommen. Wichtige Hinweise dafür lieferten die originale Windlade aus Eichenholz und einige originale Pfeifen.
Die Orgel bekam ihre ursprünglichen Merkmale zurück
Im Lauf der Arbeiten erkannte man, wie die Orgel ursprünglich gebaut war: Sie wurde wieder einmanualig und mechanisch und erhielt ihre ursprünglichen Register. Das Pfeifenwerk wurde wieder mitteltönig gestimmt und klingt nun einen halben Ton höher als heute üblich. Auch die „kurze Oktave“ mit Bassbereich wurde wieder hergestellt. Ein Zusammenspiel mit historischen Instrumenten ist somit möglich, aber nicht mit modernen Instrumenten.
Für dieses Problem fand man eine ungewöhnliche Lösung: Die nicht originalen Register und Pfeifen wurden ergänzt und zum Bau einer zweiten, neuen Orgel mit gleichstufiger Stimmung verwendet, mit der eine zeitgemäße musikalische Gestaltung der Liturgie möglich ist. 2016 war nach elfjähriger Arbeit die Restaurierung abgeschlossen. Die historische Orgel erklingt nun im Rahmen der Konzertreihe „ORGELplus“, wozu der Förderverein auch in diesem Jahr wieder einlädt. (AZ)
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren