Silvia Mayrhörmann ist gerade einmal 18 Jahre alt, als sich ihr Leben schlagartig verändert. An einem gewöhnlichen Tag im Jahr 2007 unternimmt sie mit ihrer Freundin und ihrem Pferd Paula einen Ausritt. Als sie an einer Baustelle vorbeikommen, klappern plötzlich Metallplatten. Paula erschrickt, bäumt sich auf – Silvia stürzt zu Boden. Ab diesem Moment befindet sich die junge Frau aus Deubach in einem Wachkoma. „Alles, was ich davon weiß, ist nur aus Erzählungen“, sagt sie. Der Sturz führte zu einem schweren Schädel-Hirn-Trauma. In der Folge kann sie lange Zeit weder sprechen, sich bewegen noch schlucken.
Mit Geduld, Willenskraft und Unterstützung zurück zu mehr Selbstständigkeit
Heute ist Silvia Mayrhörmann 36 Jahre alt. Ihren Alltag kann sie nur mit Unterstützung bewältigen – doch in den vergangenen 18 Jahren hat sie erstaunliche Fortschritte gemacht. „Es hat eine lange Zeit geheißen, dass ich nicht mehr zum Reden komme“, erinnert sie sich. Eine Kommunikation war erst unmöglich. Anfangs verständigte sie sich, laut ihres therapeutischen Teams, lediglich durch Blinzeln: einmal für „Ja“, zweimal für „Nein“. 2018 dann die Überraschung: „Kurz vor Weihnachten war es dann, als ich mit dem Sprechen wieder angefangen habe.“ Das „Erwachen“ aus dem Wachkoma bringt neue Hoffnung – und vor allem einen entscheidenden Vorteil für Silvia: „Da habe ich sagen können, wie und was mir wehtut, das war gut.“ Endlich kann sie ihre Bedürfnisse äußern und die entsprechende Hilfe bekommen. Zudem bestätigt sich auch, was vermutet wurde: Silvia ist blind. „Ich bin blind wie ein Maulwurf“, habe sie damals auf die Frage ihrer Ergotherapeuten, ob sie was sehen könne, geantwortet.
Doch trotz dieser zusätzlichen Einschränkung macht sie weitere Fortschritte. Inzwischen kann sie sich mit wenig Hilfe im Bett aufsetzen und sich an die Bettkante setzen. Auch beim Umsetzen in den Rollstuhl braucht sie zwar noch Unterstützung, kann jedoch schon viel mithelfen. Beim Essen hat sich ebenfalls einiges verändert: Während es früher eine enorme Herausforderung war, überhaupt den Mund zu öffnen oder zu schlucken, kann Silvia heute bestimmte Lebensmittel, die mit der Hand gegessen werden, selbst zum Mund führen.
Das Team aus Therapeuten ist wichtig für die Fortschritte
Vor allem die erste Zeit nach dem Unfall war nicht leicht. Silvia musste plötzlich in vielen Bereichen Hilfe annehmen. „Zum Teil schlimm und auch peinlich. Ich konnte nichts mehr selbstständig machen“, beschreibt sie ihre Erfahrung. Doch ihre Sichtweise hat sich mit der Zeit verändert: „Heute sehe ich das ganz anders – jeder, der mir hilft, macht das vor allem gerne.“ Ihren beachtlichen Fortschritt verdankt sie nicht nur dem engagierten Team aus Therapeutinnen und Therapeuten, sondern auch ihrer Willenskraft – und der Unterstützung ihrer Mutter: „Wir sind immer dran geblieben.“ Und sie hat weiterhin Ziele: „Ich möchte noch selbstständiger werden.“
Vor allem hat sich inzwischen ihre Wohnsituation geändert. Unter der Woche lebt die 36-Jährige in einer Wohngruppe in Krumbach und arbeitet von Montag bis Donnerstag in einer Förderstätte in Ursberg. Dort ist sie vormittags in der Werkstatt tätig und stellt unter anderem Ofenanzünder her. Nachmittags gibt es ein kleines Freizeitprogramm mit Spielen – „früher war das mehr, aber seit Corona hat sich das alles stark reduziert“, erzählt sie. Nur am Wochenende ist sie in Deubach bei ihrer Mutter. In Ursberg hat sie auch ihren jetzigen Freund Ralf kennengelernt. Als sie zusammenkamen, zog sie in die Wohngruppe, um ihm näher zu sein. „Am Anfang haben alle gesagt: ‚Love is in the Air‘“, erinnert sie sich lächelnd. Ihr Glück war ihr deutlich anzusehen – oft konnte man sie mit einem breiten Grinsen beobachten. Inzwischen sind die beiden seit drei Jahren ein Paar. Wenn sie sich am Wochenende nicht sehen, telefonieren sie jeden Tag miteinander.
Hürden im Alltag – und der Wunsch nach einem selbstverständlichen Miteinander
Im Alltag merkt Silvia, dass es noch lange nicht überall barrierefrei ist: „Das fängt schon beim Einkaufen an. Die meisten Läden haben Stufen.“ Jeder Ausflug muss sorgfältig geplant werden und ist nur mit Unterstützung möglich. Trotz aller Hürden erlebt sie viele schöne Dinge: So war sie vor kurzem in Stadtbergen im Bad oder ist sogar auf dem Plärrer Kettenkarussell gefahren. „Ich habe keine Behinderung, sondern eine Einschränkung“, sagt sie selbstbewusst. Sie habe Situationen erlebt, in denen Menschen auf ihren Rollstuhl gezeigt und gelacht haben – das bleibt nicht spurlos. „Viele Menschen wissen einfach nicht, wie sie damit umgehen sollen. Aber es ist traurig, dass Menschen mit Einschränkungen deshalb oft ausgeschlossen oder übergangen werden“, sagt Silvia. Ihr Wunsch ist klar: „Menschen mit Einschränkungen sollten ganz normal behandelt werden.“
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