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Augsburger Allgemeine Live

30.01.2019

Anne Will im Interview: "Quote ist für mich nicht wichtig"

Am Montagabend war TV-Moderatorin Anne Will zu Gast bei "Augsburger Allgemeine Live" im Textilmuseum. Sehen Sie hier, was sie im Gespräch mit Chefredakteur Gregor Peter Schmitz gesagt hat.
Video: rt1.tv

Exklusiv Anne Will spricht bei einer Veranstaltung unserer Redaktion Klartext: Über zwei streitende Ärzte aus ihrer letzten Talkshow, Kanzlerin Merkel und den FC Bayern.

Frau Will, am Sonntag waren in Ihrem Polit-Talk "Anne Will" zwei Wissenschaftler zu Gast – und es ging um das Thema Feinstaub, das schwieriger abzubilden ist als die klassischen Talkshow-Themen. Sind Sie da an Grenzen gestoßen?

Anne Will: Ich weiß nicht, ob man da gleich an eine Formatgrenze prallt. Aber ich sagte ja an einer Stelle: "Herr Wichmann, wir haben hier ein anderes Tempo als Sie in der Wissenschaft." In dem Moment hatte ich schon das Gefühl, dass seine Erklärungen sehr, sehr ausführlich sind und möglicherweise zu speziell. Andererseits war das unser Ansatz: dem Lungenarzt Dieter Köhler, der für viel Wirbel in der zurückliegenden Woche gesorgt hat, etwas entgegenzusetzen. Davon lebt unser Format: dass wir eine Meinung und eine Gegenmeinung haben. Und wenn das dann eine Fachdiskussion ist, dann gibt’s kein Zurück – in der Hoffnung, dass man trotzdem noch mitkommt.

Eine Gruppe von mehr als hundert Lungenspezialisten um Köhler hat bezweifelt, dass die Grenzwerte für Stickstoffdioxid und Feinstaub gerechtfertigt sind. Der Epidemiologe Heinz-Erich Wichmann, der an der Erarbeitung der Werte beteiligt war, widersprach Köhler vehement. Sind Sie denn mitgekommen?

Will: Ich konnte auch nicht toll Epi-de-mi-o-logie sagen, ansonsten habe ich es schon halbwegs verstanden. Man merkte ihm an: Er war voller Zorn darüber, dass er von Herrn Köhler und den anderen so angegriffen wird. Sie behaupteten ja, die bisherige Forschung sei nicht unabhängig. Er hat offensichtlich viele Anrufe bekommen, er solle den Pflock zugunsten der Wissenschaft einschlagen.

Denkt man als Moderatorin: "Der redet sich um Kopf und Kragen"? Oder: "Das ist jetzt richtig gutes Fernsehen"?

Will: In einem solchen Moment bin ich konzentriert darauf, dass die Fragen, die ich gestellt habe, auch beantwortet werden – und dass die Sendung funktioniert. Ich wollte das aber so diskutiert wissen, das war auch eine Art Auftrag: Hier muss jetzt Information und Sachverstand in eine Debatte gebracht werden.

Es gab ein positives Echo auf die Sendung – weil mal nicht die typischen Vertreter aus der Politik da waren. Welcher Politiker lädt sich denn am penetrantesten selber ein?

Will: Da wäre ich jetzt schön doof, wenn ich das sagte. Nein, wir reagieren allergisch auf Selbsteinladungen – und die gibt’s in der Regel auch nicht. Und ja: Sie haben recht, wir haben viele Politikerinnen und Politiker in der Sendung. Aber so verstehen wir auch unser Tun: Ein Thema muss sich aus der Aktualität ergeben, im besten Fall muss in der "Tagesschau" eine neue Entwicklung dazu gewesen sein. Als politische Talkshow war das nun mal im zurückliegenden Jahr viel Innenpolitisches. Das ist unser Kernfeld.

Denken Sie manchmal, dass Sie sich einen gewissen Politiker-Typ heranziehen? Nehmen wir den Grünen-Politiker Robert Habeck, der durch Talkshow-Präsenz hochkam…

Will: Ich glaube nicht, dass Habeck durch die Talkshows hochgekommen ist. Er war Minister in Schleswig-Holstein, und dann hat er sich in den innerparteilichen Kampf um die Spitzenkandidatur begeben. Klar: In Talkshows funktionieren, wenn Sie so wollen, besonders die gut, die eloquent sind. Das ist aber Kernkompetenz eines jeden Politikers und einer jeden Politikerin.

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Anne Will zu Gast bei "Augsburger Allgemeine Live"
Bild: Silvio Wyszengrad

Kanzlerin Merkel kam gerne in Ihre Talkshow. Man hatte den Eindruck, sie erklärt dort ihre Politik lieber als im Parlament. Ist so etwas richtig?

Will: Nein, ich fand das nicht richtig. Aber ich bin die Falsche, mich darüber zu beschweren. Denn ich fand es natürlich gut, dass sie etwa zu uns in die Sendung kam, um über ihre Flüchtlingspolitik zu sprechen. Es war eine wahnsinnig gut gesehene Sendung mit sechs Millionen Zuschauern. Der Bundestag wäre trotzdem die richtige Bühne dafür gewesen – sie hätte das eine tun können, ohne das andere zu lassen.

Würden Sie der neuen CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer zustimmen, dass die späten Merkel-Jahre auch rhetorisch eine bleierne Zeit waren?

Will: Nein, das finde ich nicht. Ich – und viele von uns – haben uns in all den Jahren an Merkels Art zu sprechen gewöhnt, die ich an ganz vielen Stellen auch absolut witzig und liebenswert finde. Sie ist nicht eine Rhetorikerin vom Schlage eines Gerhard Schröder oder Joschka Fischer, das stimmt. Sie ist eben, wie sie ist. Vor allem: Sie ist unfassbar sicher in jedem Detail.

Sie hatten Annegret Kramp-Karrenbauer kurz nach ihrer Wahl zur CDU-Vorsitzenden und damit zur Nachfolgerin Merkels in diesem Amt in der Sendung. In dieser wurde Kramp-Karrenbauer von FDP-Vize Wolfgang Kubicki und dem Publizisten Gabor Steingart hart angegangen.

Will: Ihr Stil ist wohl eher ein wertschätzender Umgang miteinander, und das ist für mich ein moderner Führungsstil. Das hat man auf dem Parteitag gesehen. Sie hat versucht, ihn zu erobern und gleichsam die Menschen dort zu umarmen. Ihr Kontrahent Friedrich Merz hat über die Menschen hinweggeredet. Ich wollte an dem Beispiel diskutieren, ob der Politik-Kosmos und unsere Gesellschaft weiter sind. Wie etwa Friedrich Merz und Wolfgang Schäuble über Angela Merkel geredet haben – so kann man über niemanden sprechen, auch nicht über eine Bundeskanzlerin, die ja viel geleistet hat für unser Land und die überdies der eigenen Partei angehört. Man konnte das in einem Film von Stephan Lamby sehen. In dem streiten sich Merz und Schäuble im Grunde darum, wer Angela Merkel nun zur Generalsekretärin, zur Kanzlerin gemacht hat.

Treten Männer und Frauen anders auf als Talkshow-Gäste?

Will: Nein.

Frauen sind seltener in Ihrer Sendung.

Will: Das ist tatsächlich ein Problem, und das ändert sich auch nur langsam. Man fragt Frauen, ob sie kommen, und dann hört man: "Da finden Sie sicher noch jemand Besseres." Das sagen ausschließlich Frauen. Ich kann das im Übrigen verstehen: Wer bei uns in der Talkshow sitzt, bekommt vielleicht in den Tagen danach einen Shitstorm in den sozialen Medien.

Wie stehen Sie zu Twitter? Meinen Sie auch, wie Robert Habeck, dass das die schlechtesten Instinkte in uns weckt?

Will: Ich twittere seit einem Jahr, vorher habe ich unter falschem Namen mitgelesen. Irgendwann fühlte sich das nicht mehr richtig an. Ich finde, Twitter ist ein unheimlich tolles Instrument, man lernt viel, bekommt viele Hinweise. Ich habe aber auch gemerkt: Das tut einem nicht durchgängig gut.

Rund 500 Leserinnen und Leser verfolgten am Montagabend gespannt – und amüsiert – die Diskussion zwischen Chefredakteur Gregor Peter Schmitz und Anne Will.
Bild: Silvio Wyszengrad

Vor kurzem haben Sie auf Twitter einen Artikel über Marco Reus von Borussia Dortmund geteilt. "Marco Reus will niemals für den FC Bayern spielen." Sie schrieben: "Ich auch nicht."

Will: Da hab ich mich gewundert, dass irgendjemand diesen Tweet ernst nehmen kann. Eine Frau, über 50, wechselt wahrscheinlich nicht mehr zum FC Bayern München. Höchstens zum FCA! Gut, ich bin Mitglied beim 1. FC Köln. Ich hab den Tweet gar nicht ernst gemeint und mich über die Reaktionen amüsiert. Aber ich finde: Es gibt eine unwahrscheinlich enthemmte Diskussion in den sogenannten sozialen Medien. Das ist schlimm. Das ist gefährlich und verändert etwas. Mein Vorsatz nach einem Jahr Twitter ist: Ich muss weniger lesen im Netz. Das ist ein klügerer Umgang, als gleich den ganzen Account zu löschen, wie Robert Habeck das getan hat. Denn die Plattform kann doch nichts dafür, was mit einem dort passiert.

Was genau ist eigentlich eine Schraubstockfrage?

Will: Das ist eher eine Schraubstocktechnik. Man stellt eine Frage in Variationen immer wieder. Im besten Fall schnurrt sie zusammen auf ein Ja oder Nein. Ich finde, nach dem dritten oder vierten Mal Nachfragen ist es für jeden offensichtlich geworden, dass derjenige nicht antworten will. Mein Spezialtrick ist dann zu fragen: "Was gefällt Ihnen an der Frage nicht?" Das gelingt immer wieder.

Was ist der nervigste Politikerspruch?

Will: "Da komm ich gleich dazu." Das hat Herr Wichmann am Sonntag auch ein paar Mal gesagt. Oder: "Lassen Sie mich aber zunächst noch einen Satz sagen." Da sag ich dann immer: "Okay, noch einen Satz." Dann werden es aber noch 15.

Sie haben mal gesagt, Quote sei nicht alles für Sie.

Will: Quote ist für mich nicht wichtig. Weil ich keinen Druck bekomme, dass wir eine besonders hohe Quote haben müssten. Ich verteufele aber Einschaltquoten auch nicht. Daran können wir ein Zuschauerinteresse ablesen. Wenn wir Themen machten, die komplett an den Zuschauerinnen und Zuschauern der ARD vorbeisenden würden, dann machten wir was falsch. Wir machen die Sendung ja nicht für uns, sondern um zu informieren und vielleicht fünf, sechs, sieben gute Argumente zu einer Debatte beizusteuern.

Wie sehr müssen Sie sich zügeln, Ihre eigene Meinung einzubringen?

Will: Man merkt mir manchmal an, wozu ich mehr tendiere. Aber meine Aufgabe ist es, mich neutral zu verhalten. Das kann ich sicherstellen, indem ich jedem Gast gleichermaßen kritisch begegne.

Wie versucht ist man zuzuspitzen?

Will: Grundsätzlich merken wir nicht, dass wir mit Lautstärke, mit Krawall, mit Zuspitzung besser gesehen würden. Wir haben eher die gegenteilige Erfahrung gemacht, und das mag ein Reflex auf eine enthemmte Diskussionskultur, auf eine aufgeladene Stimmung in der Gesellschaft bis hin zu spalterischen Tendenzen sein. Man sucht nach Ruhe, nach Vertiefung. Auch daraus resultiert unser Erfolg. Wir segeln lieber, was die Quoten angeht, in einem soliden Mittelfeld, als dass wir um des Krawalls willen irgendeinen Mist gemacht hätten.

Anne Will war am 28. Januar 2019 zu Gast bei "Augsburger Allgemeine Live". Im Video beantwortet die Talkshow-Moderatorin und Journalistin fünf kurze Fragen.
Video: Jessica Stiegelmayer

Haben Talkshows, auch Ihre, die AfD salonfähig gemacht?

Will: Nicht wir haben die AfD salonfähig gemacht, sondern die AfD war nach und nach in allen Landesparlamenten vertreten und ist es inzwischen auch im Bundestag. Das ist aber nicht durch die Talkshows entstanden, sondern dadurch, dass Wählerinnen und Wähler fanden, ihre Positionen und ihr Politikverständnis werde von anderen Parteien nicht mehr abgebildet. Damit will ich mich aber gar nicht herausreden: In der Tat bekommt jeder, der bei uns sitzt, eine Bühne.

Wenn man eine Anstalt wie die ARD anschaut, hat man das Gefühl, da muss alles politisch austariert sein. Wünschen Sie sich manchmal eine andere Art von öffentlich-rechtlichem Rundfunk?

Will: Nein, das wünsche ich mir nicht. Ich habe eine größtmögliche Freiheit zu arbeiten. Aber sicherlich ist es ein Fehler gewesen, dass man nach dem Zweiten Weltkrieg Rundfunkräte auch politisch besetzt hat. Das hätte man lassen sollen. Auf meine Arbeit hat das aber gar keinen Einfluss: Ich bekomme weder Anrufe von Rundfunkratsmitgliedern noch aus dem Kanzleramt noch von irgendwelchen Parteivorsitzenden.

Wie altert man auf dem Bildschirm würdevoll als Frau?

Will: Marietta Slomka, Maybrit Illner, Sandra Maischberger und ich haben uns vor etwa 15 Jahren mal vorgenommen, mit dem Mythos brechen zu wollen, dass man nach 50 nicht mehr auf dem Schirm sein könnte. Und das haben wir schon geschafft.

Protokoll: Daniel Wirsching

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