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Augsburg: Psychologe im Interview: Studenten hadern oft mit ihrer Identität

Augsburg

Psychologe im Interview: Studenten hadern oft mit ihrer Identität

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    Süßes Studentenleben? Von wegen: Viele Studierende wollen sich und ihr bestmöglichst Leben optimieren. Das kann manchmal zu Problemen führen.
    Süßes Studentenleben? Von wegen: Viele Studierende wollen sich und ihr bestmöglichst Leben optimieren. Das kann manchmal zu Problemen führen. Foto: Christin Klose, dpa (Symbol)

    Demnächst startet das neue Wintersemester. Herr Blum, mit welchen Problemen kommen Erstsemester zu Ihnen in die Psychologische Beratung des Studentenwerks Augsburg?

    Thomas Blum: Erstsemester haben naturgemäß erst mal Orientierungsprobleme an der Universität oder an der Hochschule. Dazu gehört etwa die Frage, ob sie überhaupt das richtige Studienfach gewählt haben.

    Warum tauchen bei manchen Studenten Zweifel an der Wahl auf?

    Blum: Wer in der Schule in Mathe gut war, ist plötzlich nur noch von Mathecracks umgeben und vielleicht gar nicht mehr so gut. Wer Bestnoten gewohnt war, sieht sich in Jura trotz fleißigen Lernens plötzlich dauernd durch Prüfungen fallen. Wer in der Schule immer nur kurz vor Prüfungen lernen musste, braucht jetzt ein umfangreiches Zeitmanagement. Die Veränderung ist für viele nicht unerheblich.

    Seit 22 Jahren schon geben Sie in Augsburg Studenten psychologische Beratung. Wie haben sich die Probleme der Studierenden in dieser Zeit verändert?

    Blum: Der Schwerpunkt verschiebt sich weg von klassischen Themen wie Prüfungsangst, Aufschieben oder Studienabschlussproblemen hin zu umfassenden Persönlichkeitsproblemen. Heutzutage geht es eher um Identität, Selbstwert und Orientierung.

    Wie erklären Sie diese Veränderung?

    Blum: Was die Lösungen konkreter Probleme angeht, sind die Studierenden viel kompetenter geworden. Sie ergoogeln sich die Welt, schauen sich Tutorials auf Youtube an. Doch alles, wozu Beziehungen notwendig sind, darbt vor sich hin.

    Was meinen Sie damit?

    Blum: Mit einem nichtssagenden Like in den sozialen Netzwerken können sie keine Identität und keinen Selbstwert in einer multioptionalen Selbstoptimierungswelt aufbauen. Früher musste man sich vernetzen, um etwas herauszufinden. Heute geht man beispielsweise auf Jodel. Dadurch können zwischenmenschliche Kontaktprobleme entstehen. Einige junge Menschen berichten in unserer Beratung von existenziellen Einsamkeitsgefühlen, die sie depressiv bis suizidal werden lassen.

    Thomas Blum, 58, ist Diplompsychologe und Psychotherapeut und arbeitet in der Psychologischen Beratung des Studentenwerks Augsburg.
    Thomas Blum, 58, ist Diplompsychologe und Psychotherapeut und arbeitet in der Psychologischen Beratung des Studentenwerks Augsburg. Foto: Studentenwerk

    Was ist dann Ihre Aufgabe?

    Blum: Ich schaue individuell, was hinter einer Angst steckt. Ich gebe den Studenten Feedback, benenne ihre Qualitäten. Oft schauen sie mich dann mit großen Augen an, weil sie es nicht gewohnt sind, für ihr Tun Rückmeldung zu bekommen. Wenn es nötig ist, empfehlen wir in manchen Fällen eine ambulante Psychotherapie.

    Wie hat sich das Verhalten der Studenten geändert?

    Blum: Die meisten sind ungeheuer fleißig. Der Spruch von den faulen Studenten trifft nur noch auf eine kleine Gruppe zu. Die Studierenden haben die Leistungsideologie unserer Leistungsgesellschaft voll verinnerlicht. Sie sind mit Fragen beschäftigt, wie sie sportlich leben, Spaß mit Freunden und super Noten haben können. Sie denken, wenn sie sich optimieren, haben sie ihr gesamtes Leben im Griff.

    Was nicht unbedingt so sein muss?

    Blum: Ja, denn auf der anderen Seite schwant es ihnen, dass dies eben nicht so sein könnte. Das löst dann erhebliche Ängste aus. Oder die Selbstoptimierung funktioniert tatsächlich nicht, dann tauchen Probleme auf. Nach außen erscheinen viele junge Menschen smart, ohne Ecken und Kanten. Ihr Innerstes zeigen sie manchmal nur Psychologen.

    Studierende setzen sich selbst offenbar sehr unter Druck. Kann eine gewisse Faulheit nicht auch gesund sein?

    Blum: Faulheit wird in einer Leistungsgesellschaft als nicht akzeptabel betrachtet. Doch wenn ich bei jemandem feststelle, dass er faul ist, sage ich, dass sein Verhalten anspruchsvoll ist. Denn für ein funktionierendes Minimalprinzip muss man clever sein.

    Wann wird die psychologische Beratung besonders nachgefragt?

    Blum: Früher war der Peak bei den Zwischenprüfungen oder beim Vordiplom. Jetzt lässt sich sagen, dass mehr Studenten am Anfang eines Studiums zu uns kommen. Vielleicht weil sie mehr Orientierungsbedarf haben oder für sie ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

    Angeblich begleiten heutzutage mehr Eltern ihre Kinder zu Anfangs-Terminen an die Uni. Stimmt das?

    Blum: Das Phänomen der Helikopter-Eltern kommt vor, ist aber nach wie vor ungewöhnlich. Dabei gibt es zwei Seiten. Das Positive ist, dass viele junge Leute ein klasse Verhältnis zu ihren Eltern pflegen. Die Kehrseite allerdings ist, dass dies Konsequenzen für die Entwicklung mit sich bringt. Es ist einfach schwerer, eine eigene Identität zu entwickeln, wenn die Mutter die beste Freundin ist.

    Hier geht es zur Homepage der Psychologischen Beratung des Studentenwerks Augsburg.

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