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Interview

05.02.2019

Augsburger Pfarrer will Sex mit Prostituierten verbieten

Nicht nur in Augsburg gibt es zahlreiche Bordelle, in denen Frauen ihren Körper verkaufen.
Bild: Oliver Berg, dpa ( Symbolbild)

Wie Frauen im Rotlichtmilieu als Ware angeboten werden, sei ein Skandal, sagt Klaus Engelmohr. Er ist Pastor und Gründer eines Vereins, der es Freiern schwer machen will.

Herr Engelmohr, dass ein Pfarrer den Sex mit Prostituierten verbieten will, klingt zunächst nicht überraschend. Sie sorgen sich bestimmt vor allem um die Moral, oder?

Klaus Engelmohr: Nein, das war nicht meine Motivation, mich gegen den Frauenhandel zu engagieren. Es geht mir da nicht um die Kirche, in der ich als Pastor tätig bin. Der Verein gegen Menschenhandel, den ich gegründet habe, will etwas tun für Frauen, die in der Prostitution ausgenutzt und ausgebeutet werden. Es stand für uns aber nie im Vordergrund, aus moralischen Gründen dagegen vorzugehen.

Wie kamen Sie überhaupt mit diesem Thema in Kontakt?

Klaus Engelmohr: Ich war vor einigen Jahren bei einer Veranstaltung mit dem Titel „Die verkaufte Frau“. Soni Unterreithmeier war da, die sich mit der Organisation Solwodi um Menschenhandelsopfer kümmert und der leitende Kriminalbeamte Helmut Sporer von der Augsburger Kripo. Ich war einer von drei Zuhörern.

Das Interesse daran war also sehr überschaubar.

Klaus Engelmohr: Ja. Das Interesse schien sehr gering. Aber bei dem, was dort über die Situation der Prostituierten erzählt wurde, war ich so entsetzt, dass ich hinterher zu den Referenten gegangen bin und gesagt habe: Wenn es stimmt, was Sie erzählen, dann ist es ein Skandal, dass heute nur drei Zuhörer da sind. Dann müsste hier die ganze Stadt sitzen. Daraus ist bei uns in der Kirche die Idee entstanden, das Thema aufzugreifen. Wir haben dann eine Diskussion organisiert, zu der 150 Leute kamen. Es bildete sich eine Gruppe von Leuten, die sich weiter engagieren wollten. Wir haben das dann von der Kirche abgekoppelt, weil wir möglichst viele Menschen erreichen wollten und nicht nur jene aus dem kirchlichen Umfeld.

Warum wollen Sie nur den Kauf von Sex verbieten und nicht die Prostitution insgesamt?

Klaus Engelmohr: Wir sind der Ansicht, dass Prostitution immer Gewalt von Männern an Frauen ist. Eine Frau verkauft sich ja nicht, weil das so toll ist. Bestenfalls sind finanzielle Nöte der Grund. Im schlechtesten Fall wird die Frau gezwungen. Es gibt Länder, in denen Prostitution verboten ist. Das Problem dort ist aber, dass eine Frau, die sich sowieso schon wegen einer Notlage prostituiert, auch noch dafür bestraft wird. Das ist zum Beispiel in Rumänien so. Dann haben die Frauen nicht nur einen Zuhälter, dem sie etwas schulden, sondern sie haben vielleicht auch noch Schulden beim Staat, weil sie die Strafe nicht zahlen können. Prostitution funktioniert nur, weil die Nachfrage da ist. Wenn die Nachfrage minimiert wird, wird es weniger Prostitution geben. Deshalb unsere Forderung.

Besteht nicht die Gefahr, dass Prostitution dann noch stärker in einem Dunkelfeld stattfindet, in dem die Frauen noch leichter zu Opfern werden? Bei Drogen zum Beispiel diskutiert man ja eher das Gegenteil – nämlich ein Ende von Verboten.

Klaus Engelmohr: Dieses Argument hören wir oft. Es gibt aber einen Unterschied. Es gibt beim Drogenhandel eine Ware, die man verkauft. Bei der Prostitution wird die Frau zur Ware. Die Frau wird, brutal gesagt, vermietet, um missbraucht zu werden. Danach wird sie wieder zurückgegeben. Das ist ein Unterschied. Für die Polizei ist das Rotlichtmilieu deshalb auch gut zu kontrollieren. Der Kunde muss ja die Prostituierten irgendwie finden und genauso findet dann die Polizei auch die Orte, an denen Prostitution stattfindet. Das bestätigt uns auch die Polizei in Schweden, wo Sexkauf verboten ist. Interessant ist am schwedischen Modell, dass die Frauen, die auf dem Straßenstrich stehen, nicht dafür belangt werden. Sie dürfen da stehen. Wenn die Polizei aber sieht, dass ein Mann zu der Frau geht, dann wird dieser Mann für den versuchten Sexkauf belangt. Gleichzeitig bietet man der Frau an, ihr beim Ausstieg zu helfen.

Nicht nur in Augsburg gibt es zahlreiche Bordelle, in denen Frauen ihren Körper verkaufen. Klaus Engelmohr, Pastor einer Freikirche, fordert ein Verbot von Sexkauf.
Bild: Michael Hochgemuth

Ein anderes Argument für die Prostitution ist, dass es dadurch weniger Vergewaltigungen gibt.

Klaus Engelmohr: Dieser Gedanke scheint weit verbreitet zu sein, auch unter Frauen. Mit fällt eine engagierte Lehrerin ein, die an ihrer Schule 150 Unterschriften für unseren Verein sammelte. Für einen Brief, den wir an die Regierung geschrieben haben. Zum Schluss hat die Frau gesagt: Nicht, dass sie jetzt denken, ich wäre generell gegen Prostitution. Das brauchen wir, sonst würde es mehr Vergewaltigungen geben.

Ist da nicht was dran?

Klaus Engelmohr: Ich glaube nicht. In Schweden zum Beispiel gibt es seit dem Verbot des Sexkaufs nicht mehr Vergewaltigungen, sondern eher weniger. Aus meiner Sicht ist es genau anders herum. Dass wir in unserer Gesellschaft Sexkauf für ganz normal halten, wirkt sich auf unser Frauenbild aus. Es zeigt uns: Es gibt offenbar Frauen, die man sich verfügbar machen darf. Wenn ich dann mal kein Geld habe, komme ich vielleicht auf die Idee, ich hole es mir einfach. In einem Land wie Schweden, wo Sexkauf verboten ist, ist eine Bewusstseinsänderung entstanden. Frauen sind keine Ware. Und als Mann habe ich nicht einfach das Recht, mir eine Frau zu nehmen. Wenn Sex stattfindet, dann in einer Beziehung auf Augenhöhe, in der beide das möchten.

Was sagen Sie zu Prostituierten, die durch das Verbot ihre Einnahmequelle verlieren würden? Wir haben über eine Frau aus Augsburg berichtet, die durch das Verbot des Straßenstrichs nicht mehr arbeiten kann. Sie lebt seither von Hartz IV. Einen anderen Job zu finden, ist für sie schwierig. Was soll sie in ihren Lebenslauf schreiben?

Klaus Engelmohr: Deswegen ist unsere Forderung nicht einfach ein Verbot des Sexkaufs. Das muss auch mit Hilfe für die betroffenen Frauen verbunden sein. Es ist ja schlimm, wenn eine Frau, die 40 oder 50 Jahre alt ist, keine Chance mehr hat, weil sie Prostituierte war. Da muss es ein Umdenken geben. Wir müssen den Frauen helfen, da rauszukommen, damit sie ein normales Leben führen können. Das Sexkauf-Verbot löst nicht alle Probleme, das ist uns bewusst. Wir müssen auch bereit sein, Geld auszugeben, um den Frauen zu helfen. Viele haben auch keinen Schulabschluss oder keine Ausbildung und sie sind durch ihre Erlebnisse traumatisiert.

Wie schätzen Sie die Chance ein, dass Ihre Forderung eines Tages von der Politik umgesetzt wird?

Klaus Engelmohr: In Deutschland ist es nicht so einfach, fürchte ich. Wir tun uns generell schwer damit, Prostitution als Problem zu sehen. Es wird ja auch immer wieder von Politikern erzählt, Prostitution sei das normalste der Welt. Ein Job, wie jeder andere auch. Auch in Augsburg ist mir das schon so gesagt worden. Aber es gibt ja gute Vorbilder, allen voran waren es die Schweden, die vor mehr als zehn Jahren ein Gesetz eingeführt haben, das Sexkauf unter Strafe stellt. Es ziehen auch immer mehr Länder nach, auch in Europa. Nordirland etwa, Frankreich, Norwegen und Island.

Was unternimmt Ihr Verein noch, um auf das Thema Menschenhandel aufmerksam zu machen?

Klaus Engelmohr: Wir organisieren Demonstrationen und Diskussionsrunden. Und wir gehen auch an Schulen. Vor allem die junge Männer kommen da schon ins Nachdenken. Letztens waren wir an einer Krankenpflegeschule. Ein Schüler hat erzählt, sie hätten tatsächlich einem Freund zum 18. Geburtstag einen Bordellbesuch geschenkt. Das sehe er jetzt mit anderen Augen. Wir fragen die Schüler dann auch oft: Wie wäre das für dich, wenn es deine Schwester wäre, die im Bordell arbeitet? Wir messen da nämlich in unserer Gesellschaft mit zweierlei Maß. Die Frauen aus Rumänien sollen es tun, weil es für sie ja eine gute Chance ist, Geld zu verdienen, aber die eigene Tochter oder Schwester bitteschön nicht.

Zur Person: Klaus Engelmohr, 49, verheiratet, ist Pastor des „Projekt X Augsburg“, einer Kirche im Bund Freier evangelischer Gemeinden. Er ist Gründer des Vereins "Augsburger/innen gegen Menschenhandel".

Lesen Sie hier: Ist Augsburg noch die Rotlicht-Hauptstadt? (Plus+)

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Die Diskussion ist geschlossen.

06.02.2019

Dass ausgerechnet von einem Kirchen"lehrmeister" solche Forderung kommen...........................

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06.02.2019

Es ist schon seltsam, das es immer evangelische sind, die gegen die Prostitution sind.
Bis zur Reformation hatte fast jede Stadt ein Frauenhaus mit Dirnen, das unter der Aufsicht der Stadt stand.
Durch die Protestanten wurde dieses abgeschafft und verboten.

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06.02.2019

Für Länder mit Männerübschuss im sexuell akiven Alter ist Prostitution die Lösung und nicht das Problem.

(edit/mod).

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05.02.2019

Nicht Prostituierte ist der älteste Beruf der Welt, sondern Hebamme. Und mittelalterlich ist nicht die Forderung, Sexkauf zu verbieten. Das ist fortschrittlich und breitet sich Gott sei Dank in Euro immer mehr aus. Wenn auch um den Preis, dass Männer aus ganz Europa zu Shuttle-Touren durch deutsche Bordelle reisen. Sexkaufverbot ist wichtiger Schritt zur Geschlechtergerechtigkeit auf Augenhöhe. Mittelalterlich ist die Vorstellung, jeder der 30 oder 50 Euro hinlegt, darf mit einem Menschen alles machen, was dem eigenen Bedürfnis entspricht - ohne Rücksicht auf den Menschen gegenüber. Die Frauen müssen dissoziieren, um das zu überstehen. Die Traumatiserungsquoten in diesem "Beruf" sind genauso hoch wie die von Soldaten nach Kriegseinsätzen. Die selbstbestimmte "Sexarbeiterin" ist eine verschwindende Minderheit. Die Mehrheit ist Not- und Armutsprostitution. DAS ist die Realität in Augsburger Bordellen und Laufhäusern. Dass schon junge Männer heute lernen, es ist okay, die Situation der sehr jungen Frauen dort (aus)zunutzen für ein paar Euro (von denen die wenigsten bei der Frau bleiben) macht mir Angst. Welche Art der Sexualität lernen sie auf diese Weise - kaum eine verantwortungs- und liebevolle, in lustvoller Zweisamkeit.
Natürlich sollen die Frauen nicht kriminalisiert werden. Sie brauchen Alternativen, um ihren Lebensunterhalt menschenwürdig verdienen zu können. Aber ein Verbot des KAUFES sexueller Dienstleistungen würde deutlich machen, dass es eben nicht okay ist, Frauen als Ware zu sehen. Ein Umdenken beginnt. Schweden ist ein Beweis dafür, deshalb folgen andere Länder. Nur wir sind mal wieder hintendran.

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05.02.2019

Prostitution, das älteste Gewerbe. Hunderte Gesellschaften, Herrscher und Regierungen haben es jahrtausendelang versucht zu verbieten (während sie die professionelle Dienstleistung liebend gerne in Anspruch nahmen) und NIE hat es geklappt.

Lieber es ist legal und läuft in geregeltem Rahmen ab, als wenn es verboten wird und sich in den informellen Sektor verschiebt.

Solange es legal ist, können sich die Betroffenen medizinischer und anderer Beratung anvertrauen.

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05.02.2019

... alles ganz recht und schön, ABER: was der Glaubensbruder vergisst, ist, wieviele "Kunden", die vielleicht entstellt, gehemmt etc. sind, durch die "institutionelle Befriedigung" davon abgehalten werden, ihren Drang an Mädchen/Frauen gewaltsam auszuleben, die mal gar nicht damit einverstanden sind; nämlich schlicht keine Prostituierten sind.
Wenn man alles grobrahmig verbieten würde, das partiell Ungutes in sich trägt, dann wäre der werte Glaubensbruder arbeitslos - darüber sollte er mal nachdenken.
Grundsätzlich könnte man die gesetzliche/gewerbliche Struktur der Prostitution überdenken (ähnlich wie div. Huren-Vereine); DAS wäre ein Ansatz; aber dieser mittelalterliche Ansatz ist (sorry) großer Mist !

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05.02.2019

Dem Argument des Herrn Pastors stimme ich sogar zu, dass Prostitution kein mittel gegen Vergewaltigung ist. Der Rest ist allerdings schon eher fragwürdig. Ein Mann der Kirche wie Herr Engelmohr zeigt offensichtlich wie rückständig das Denken der Glaubensdiener ist, wenn es um weltliche Themen geht. Er geht davon aus, dass jede Frau gezwungen wird und beschützt werden muss. Das nicht automatisch eine Notlage existieren muss oder Zwang zum bezahlten Geschlechtsverkehr herrscht, kann er sich offensichtlich nicht vorstellen.

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04.02.2019

Auch wenn man über das Ziel, die Prostitution komplett zu verbieten, sicherlich diskutieren kann, finde ich es absolut ehrenwert und richtig, sich gegen Menschenhandel/Sklaverei in seiner eigenen Stadt (!) zu engagieren.
Schade, dass nicht erwähnt wird, wie der Verein heißt. Hab es recherchiert, für alle, die es interessiert: Augsburger/innen gegen Menschenhandel - http://www.auxgegenmh.de

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