Startseite
Icon Pfeil nach unten
Augsburg
Icon Pfeil nach unten
Innenstadt
Icon Pfeil nach unten

Ausstellung: Es kann, muss aber nicht kopfüber sein

Ausstellung

Es kann, muss aber nicht kopfüber sein

  • |
  • |
  • |

    Erst überlagerte das leidige Thema den Fußball. Und jetzt also auch die Kunst. Man kann nicht mal mehr in eine schöne Ausstellung gehen, ohne damit konfrontiert zu werden. Georg Baselitz soll angeblich ebenfalls in unsaubere Steuergeschichten in der Schweiz verwickelt sein. Vor wenigen Tagen waren laut Spiegel Steuerfahnder in Baselitz’ Anwesen in Herrsching am Ammersee – und, nun ja, stellten es womöglich auf den Kopf.

    Vergessen wir das. Die Galerie Noah, die schon im Herbst 2007 eine Baselitz-Schau präsentiert hatte, zeigt derzeit 33 Arbeiten des 75-jährigen Großkünstlers, der zu den wichtigsten und besten Malern der Welt zählt. Auf der einschlägigen Liste (ausgerechnet!) des Manager Magazins (wieder denkt man an Steuerkram) rangiert der 1938 als Hans-Georg Kern in Deutschbaselitz Geborene auf Platz vier.

    Zu sehen sind im Augsburger Glaspalast vor allem grafische Arbeiten aus den letzten Jahren – doch begegnet man auch einem frühen Gemälde von 1970 – ein auf dem Kopf stehender opulenter Fliederstrauß. Das Bild ist ein sehr frühes Zeugnis des 1969 entwickelten genialen Baselitz-Einfalls, seine Motive zu kippen, um eine völlig neue, freie und eigenständige Sicht auf die Malerei zu gewinnen. Kostenpunkt: 800000 Euro.

    Dass Baselitz der Künstler ist, der alles auf den Kopf stellt und „verkehrt herum“ malt, gehört inzwischen zum deutschen Allgemeinwissen. Es wird ihn plagen, darauf reduziert zu werden. Tatsächlich hat Baselitz sich inzwischen davon abgewandt, wie eben auch in der Galerie Noah (neben ausreichend Kopfüber-Belegen) zu sehen ist. Da ist die Figurenserie „Sing Sang Zero“, eine Reihe von wunderbaren Dreiplattendrucken, gearbeitet in den Techniken Aquatinta, Kaltnadel und Strichätzung.

    Sing Sang Zero: Volkslied und Schirmmütze

    Sie zeigen in immer neuen Variationen ein Paar – den Künstler und seine Frau – in feiner, fast gespinstartig dichter und vibrierender Linienführung. Auf diesen Grafiken von 2011 scheinen die Figuren sich zu bewegen, aus sich herauszutreten, gefangen in einem Zwischenstadium von Werden und Vergehen.„Sing Sang Zero“ heißen auch (in Augsburg nicht gezeigte) gigantische, bis 3,50 Meter große Skulpturen, die Baselitz und seine Frau darstellen. Der seltsame Titel „Sing Sang Zero“ spielt, so hat es Baselitz erklärt, mit dem Sing Sang auf Volkslieder an, während „Zero“ auf der Schirmmütze steht, die er ständig trage. Eigenartige Titel hat der Künstler immer schon gerne gewählt, wovon in Augsburg beispielsweise das Bild „Ein Faschist flog vorüber“ (Tusche, Aquarell) zeugt.

    Fein und grob, anrührend zart und zupackend wild – Georg Baselitz steht für beides. Was in Sing Sang Zero so fragil wirkt, erscheint in dem großformatigen Holzschnitt „32 Punkte“ geradezu gewalttätig expressiv. Als hätte der Künstler seine Linien wie Hiebe mit der Kettensäge ins Holz gewütet.

    Die Menschenbilder, auf denen fast immer einsame Figuren verloren im Raum sich finden, stürzend oder auch treibend wie unter Wasser, sind das dominierende Motiv in der Galerieausstellung. In einem farbigen Viererblock von Grafiken aus dem Jahr 2010 („Offene Arme“, „Offene Hände“, „Brusttasche“ und „Uniform“) zeigt sich beispielhaft, wie Baselitz seine frontal zugewandten Figuren in den Bildraum drängt wie Riesen in einen zu kleinen Anzug. Die obere Hälfte des Kopfes wächst über den Rahmen hinaus und ist nicht mehr zu sehen, die Beine sind ein Zerfließen, erscheinen wie Krücken.

    NebenMenschen hat Georg Baselitz, der als Schüler von Hann Trier bald das Informel hinter sich gelassen und die figürliche Malerei als Befreiung erlebt hatte, immer auch Landschaft und Tier gemalt. Im Glaspalast zu sehen ist ein Adler, der sich kaum aus dem dunklen Braun und Grau der Leinwand emporzuheben vermag. Anders als diese sperrige, finstere Gouache von 1979 wirkt ein mit „Reh“ betitelter Linolschnitt im Riesenformat 195 x 150 cm fast plakativ. Er zeigt, kopfüber schwebend, eben ein weißes Reh in tiefblauem Raum. Die Kreatur in einem Kosmos voller Kringelgestirne. Die Arbeit (35000 Euro) ist ebenso verkauft wie manch andere Stücke.

    Zerlegt und wieder zusammengefügt

    Noch zu haben ist ein kleines, unscheinbares Blatt (Bleistift, Tusche) mit dem Titel „Drei Streifen“. Es zeigt eine stämmige Figur, die aus drei Teilen zusammengesetzt ist. Solche „Frakturbilder“, bei denen Baselitz die Bildmotive in Querstreifen zerlegte und neu zusammenfügte, machte der Künstler Mitte der 1960er Jahre – sie gelten als Vorläufer der kopfstehenden Motive. Die Blätter sind rar. Dieses von 1967 kostet denn auch 140000 Euro.

    Laufzeit bis 7. Juli. Geöffnet Di. – Do. 11 bis 15 und Fr., Sa., So. und Feiertage 11 bis 18 Uhr.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden