Es ist, als habe diese gelbe Erde das Licht und die Wärme und die Reife der Ewigkeit gespeichert.
Der Bildhauer und Zeichner Willi Weiner hat im Mai 2012 Goldockererde aus dem südfranzösischen Roussillon in sein Atelier in Stuttgart gebracht, die Erde angeschlämmt, mit Binder vermischt und sodann 26 Papierbögen mit dem typischen Barockgelb grundiert.
Ein faszinierend breites Spektrum der Farbwerte
Auf diese 26 ockerfarbenen Blätter, die aufgrund unterschiedlicher Größe und Beschaffenheit (Japanpapier, Büttenpapier, Zeichenpapier) sowie dank ihrem individuellen Auftrag – mal lasierend, mal deckend, horizontal oder vertikal eingestrichen – ein faszinierend breites Spektrum der Farbwerte offenbaren, zeichnete und malte Weiner im Sommer 2012 in seinem Haus in Ungarn „verschiedene Bildvorstellungen“.
Der Werkkomplex der Mischtechniken ist nun („Vom Goldocker“) in der Ecke-Galerie ausgestellt. Schon die Titel zeigen, welche poetische Welt der 1954 in Zusmarshausen geborene Künstler auf den Blättern assoziativ erschaffen hat. Bevorzugt, wie ja auch in vielen seiner großartigen bemalten Cortenstahlplastiken, beschäftigt sich Weiner mit dem Wasser, mit Seen, Flüssen, Flusslandschaften, dem Fließen, Strömen, Rinnen. „Heilige Wasser“, „Den kleinen und den großen Flüssen“, „Zweistromland“, „Venenbrunnen“ sind Arbeiten, die das schon im Namen bezeugen.
Florale Motive, Tiere, Wege und ein feines, fast seismografisches Spurenbild feiner, zarter zeichnerischer Formen, Notate und Bewegungen, die sich zum Teil im Untergrund „verlieren“, finden sich auf den motivisch weitgespannten Arbeiten. Wie eine heilende Salbe für die Augen empfindet der Betrachter das ebenso tiefe wie warme Goldocker. Die Blätter sind ungerahmt mit Nadeln an den Wänden befestigt – weshalb die Struktur der Zeichnungen und des Ockerauftrags sinnlich erfahrbar ist bis zu den Krümelbildungen in der Lasur.
Auf dem ockerfarbenen Grund, der mal Glut, mal Honig ist, dann wieder wie Holzmaserung erscheint, entwirft Weiner, oft von Sprache inspiriert wie bei seinem Zeichenzyklus zu Gedichten von Hilde Domin, dezente, durchlässige Bildräume. Naturgärten der Fantasie belebt der 59-Jährige zeichnerisch wie im „Kopffüßlergarten“, dem von Schmetterlingen belebten „Zehnkrampf“ oder auf dem Blatt „Die Saat“. Ockererde aus Roussillon erweist sich in Weiners Händen als fruchtbarer Nährboden!