Newsticker

Lokale Ausnahmen von der Maskenpflicht für Grundschüler müssen in Bayern genehmigt werden
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Bäume am Herrenbach: Schluss mit dem Schwarzer-Peter-Spiel

Bäume am Herrenbach: Schluss mit dem Schwarzer-Peter-Spiel

Kommentar Von Nicole Prestle
01.06.2018

Die Stadt hat bei der Baumfällung am Herrenbach ein schlechtes Bild abgegeben. Warum nicht nur die Verwaltung schuld ist.

In Diedorf spricht man bis heute von einem schwarzen Freitag: Es war ein Sommertag im Jahr 2002, als sintflutartige Regenfälle im Ortsteil Lettenbach die bislang größte Hochwasserkatastrophe im Kreis Augsburg auslösten. Zwei Männer starben beim Versuch, ihre Autos aus einer Tiefgarage zu retten. Eine 81-Jährige ertrank in ihrem Keller; sie hatte noch versucht, ihre Habseligkeiten zu retten.

Kein Lokalpolitiker will in seiner Kommune ein solches Horrorszenario erleben. Trotzdem hat es die Stadt Augsburg zuletzt zumindest gedanklich immer wieder durchgespielt. Die Schrecken des Pfingsthochwassers 1999 in den Knochen und die Warnungen des Wasserwirtschaftsamts Donauwörth im Ohr, wurde diskutiert: Was könnte passieren, bräche der Damm am Herrenbach? Die Angst, dass bei einem Hochwasser auch hier Menschen sterben könnten, führte schließlich zu einer Entscheidung, die viele Bürger nicht verstehen – und die sie auch nicht akzeptieren wollen: Fast 100 gesunde Bäume entlang des Kanals sollen bis Herbst nächsten Jahres gefällt werden.

War die Baumfällung am Herrenbach sinnvoll oder nicht? Ein Urteil ist schwierig

Es ist schwierig, als Laie darüber zu urteilen, ob diese radikale Maßnahme wirklich nötig ist. Die Bäume stehen seit Jahrzehnten. Warum sollten sie bei Sturm gerade jetzt umfallen? Dennoch bleibt ein ungutes Gefühl: Würde tatsächlich etwas passieren, müsste sich die Stadt die Frage gefallen lassen, warum sie nicht gehandelt hat. Sie wäre bei Schäden sogar regresspflichtig, weil sie die Risiken kannte, aber nicht beseitigte. An dieser Stelle kann jeder selbst nachdenken, wie er entschieden hätte, wäre er verantwortlich.

Eines ist aber auch ohne wasserbautechnische Kenntnisse klar: Beim Bürger hat die Stadt durch ihre Vorgehensweise ein desaströses Bild abgegeben – und das nicht erst seit letzter Woche. Dass die Bäume am Herrenbach eine Gefahr sein könnten, ist seit den ersten Fällungen vor elf (!) Jahren bekannt. Man kann der Verwaltung nicht vorwerfen, dass sie seitdem nichts getan hat. Doch alle Diskussionen, alle Versuche, die Bäume vielleicht doch zu retten, liefen am Bürger vorbei. Im Gegenteil: Die Anwohner des Herrenbachs wurden bis Ende letzter Woche im Glauben gehalten, die Bäume würden erst im Herbst gefällt. Kommunikation auf Augenhöhe sieht anders aus!

Bei einigen drängt sich nun der Eindruck auf, dass die Stadt die Aktion bereits früher geplant haben könnte. Absperrungen, Baufahrzeuge, Baumkletterer zusammenzubringen, das alles koste mehr Zeit als zwei Tage. Angesichts der schlechten Kommunikation kann man den Bürgern diese Skepsis kaum verübeln.

Die Zuständigkeiten änderten sich

Was hinter den Kulissen im Rathaus wirklich lief, ist schwer zu sagen. Fakt ist, dass bis vor etwa drei Jahren noch das Tiefbauamt – und damit Baureferent Gerd Merkle ( CSU) – für den Kanal verantwortlich war. 2015 wurde die Zuständigkeit ins Amt für Grünordnung – also ins Referat von Reiner Erben (Grüne) – verlagert. So war auch Erben es, der am Dienstag den wütenden Anwohnern des Herrenbachs gegenübertreten musste.

Dass er sich in dieser Rolle nicht wohl fühlte, war ihm anzusehen. Eine Enttäuschung dürfte gewesen sein, dass einen Tag später seine eigene Partei via Pressemitteilung ein Gutachten für jeden Baum forderte. Die Grünen stellten damit die Sinnhaftigkeit der Maßnahme offiziell in Frage – und ließen ihren Referenten im Regen stehen.

Man wird das Gefühl nicht los, dass die Stadtverwaltung die unliebsame Entscheidung so lange wie möglich hinauszögerte. Vielleicht in der Hoffnung, einige Bäume retten zu können. Vielleicht auch, weil keiner den Schwarzen Peter an sich nehmen wollte. Am Ende tat es Oberbürgermeister Kurt Gribl (CSU). Weil er selbst am Dienstag im Urlaub war, übernahm Richard Goerlich die Koordination des Einsatzes. Eine eher ungewöhnliche Aufgabe für einen OB-Referenten.

Bürger sollen erst im Nachhinein im Entscheidungsprozess mitreden dürfen

Was nun geplant ist, erinnert an die Debatte um die Sanierung des Theaters: Die Bürger sollen im Nachhinein in den Entscheidungsprozess eingebunden werden. Manche zweifeln, dass der Beschluss der Verwaltung dadurch noch geändert werden kann. Aus dem Rathaus ist hinter vorgehaltener Hand zu hören, dass vielleicht doch nicht alle Bäume abgesägt werden.

Wie dem auch sei: Noch bevor im Herbst weiter gesägt wird, will die Stadt mit den Anwohnern sprechen. Es soll diskutiert werden, wie die Anlage in Zukunft aussehen könnte. Auch wenn dieser Vorstoß spät kommt, ist es der richtige Weg. Und es wäre gut, wenn sich alle Fraktionen konstruktiv beteiligten würden. Denn vom Schwarzer-Peter-Spiel haben die Menschen genug.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

04.06.2018

Auch wenn das unzutreffenderweise immer wieder behauptet wird: Weder das Wertach-Hochwasser noch die Überschwemmung in Diedorf sind mit der Situation am Herrenbach vergleichbar. Denn bei diesem handelt es sich um einen Kanal. Die Wassermenge in diesem stammt vollständig aus dem Lech, ist durch den Kanalquerschnitt bestimmt und wird über Schleusen gesteuert. Auch Intensivregenfälle ändern nichts am Wasserstand im Herrenbach. Unvorhersagbare Zuflüsse von den Seiten gibt es nicht. Über ein – technisch veraltetes - Schott ist der Wasserstand im Herrenbach direkt regulierbar. Also völlig andere Bedingungen wie bei einem Fluss oder Bach.

Meines Wissens gibt es im Herrenbachviertel derzeit auch noch keine genutzten Tiefgaragen, die überschwemmt werden könnten. Solche entstehen aber mit den Neubauten in der Fritz-Koelle-Straße. Die ersten dieser Wohnblöcke sind bisher jedoch erst im Rohbau fertig. Die Tiefgaragen können deshalb noch nicht genutzt werden. Daraus kann aktuell keine akute Gefahrenlage herrühren, die die Fällungen kerngesunder Bäume am Herrenbach und somit direkt in der Stadt ohne vorherige öffentliche Debatte und dies auch noch in der Brutzeit begründen könnte.

Wer tatsächlich Hochwasser-Risiken beseitigen will, kommt zudem um eine verlässliche Risikoanalyse nicht herum. OB Gribl und seine „Referenten-Gang“ haben diese bis heute ebenso wenig veröffentlicht wie den angeblich zwingenden Bescheid des Wasserwirtschaftsamtes, die Genehmigungsanfrage der Stadtverwaltung an die Regierung von Schwaben sowie deren Bescheid dazu, der erst am Abend vor der bis dahin schon längst vorbereiteten „Amokfällung“ vorlag.

Selbst die angebliche DIN-Norm, auf die sich die hinterrücks holzende Stadtregierung immer wieder beruft, wurde bis heute nicht benannt. Dabei gibt es zehntausende DIN-Normen, und die für Hochwasserdeiche trifft jedenfalls auf den Herrenbachkanal nicht zu.

Auch nachvollziehbare Unterlagen oder auch nur Beschreibungen zum von Stadtregierungsseite behaupteten Test zur Absenkung des Wasserstandes im Herrenbach fehlen bisher. Damit bleibt unbekannt, inwieweit die Ergebnisse durch das veraltete Schott am Herrenbacheinlass mitbestimmt wurden. Dabei wäre nach dessen Modernisierung der Wasserzufluss zum Herrenbach sehr schnell abzustellen, was eine tatsächlich wirksame Hochwasserschutz-Maßnahme darstellen würde.

Man braucht auch keine wasserbautechnischen Kenntnisse um beurteilen zu können, dass Wasser nicht bergauf läuft: Die Straße Alter Heubach liegt um ein gutes Stück höher als der Herrenbach und dabei mindestens so hoch wie die Badewiese am Hauptstadtbach/Eiskanal. Aus physikalischen Gründen ist es deshalb unmöglich, dass es im Bereich der Alten-Heubach-Straße zu Überschwemmungen durch den „stromabwärts“ und damit noch einmal tiefer liegenden Herrenbach-Kanal kommen kann.

Wenn dies die (Un-)Verantwortlichen der Stadtregierung dennoch behaupten, zeigen sie eine naturwissenschaftliche (In-)Kompetenz, bei der man einem Vorschulkind die Schulreife absprechen müsste.

In dem Herrenbach-Bereich am Alten Heuweg, in dem widerrechtlich bereits eine gewaltige fast hundertjährige Esche entfernt wurde, sollen nach dem Diktum der von den Bürgern bezahlten bisher „Minderleister“ nun alle weiteren und dabei auch vergleichbar mächtige Bäume entfernt werden. Dabei kann keiner dieser Bäume ein Loch in einen Damm reißen, denn das Gelände dahinter liegt höher.

Und sollte einer dieser vitalen Bäume dort unwahrscheinlicherweise in den Herrenbach stürzen, würde es lediglich zu einem nicht sonderlich hohen Rückstau in den Eisbach kommen. Also genauso, wie das derzeit durch die Schleuse an der Friedberger Straße hergestellt wird. Als Folge fließt einfach mehr Wasser über den Kaufbach ab, und zwar, wie durch den aktuellen „Test“ der Stadtregierung bewiesen, ohne negative Folgen.

Wer in diesem Bereich des Herrenbachs am Alten Heuweg, wie vom OB Kurt Gribl und seinen Referenten Merkle und Erben für den heutigen Montag geplant, dennoch Bäume aus Gründen des „Hochwasserschutzes“ fällen will, ist entweder nicht bei Sinnen oder bricht vorsätzlich in auch strafrechtlich relevanter Weise geltendes Recht bei zugleich übelster Falschinformation der Bürger. Welch ein weltentrückter Amoklauf gegen Bürger und Bäume. Der ist sofort zu stoppen.

Abschließend: Es spricht wahrlich nichts gegen vernünftigen Hochwasserschutz. Gerade dahingehend zeigen der damit offensichtlich überforderte Kurt Gribl und seine sich ebenso lieber in seichte Gewässer flüchtenden Referenten Merkle und Erben bisher weder Ansätze noch Interesse. Ganz im Gegenteil meiden sie jede öffentliche Debatte auf Basis harter Fakten und halten die immer wieder für die unsinnige Abholz-Aktion bemühten Unterlagen geheim.

Da war manch König und Kaiser weiter in Sachen Demokratie sowie Förderung fachlich kompetenter Lösungen. Kein Cent mehr an Bürgergeld für solche „Nieten im Rathaus“, falls sie jetzt nicht noch wirklich zum letztmöglichen Zeitpunkt die Notbremse ziehen und unmittelbar ein Moratorium verkünden: Die sofortige Einstellung aller Baumfällarbeiten am Herrenbach für mindestens vier Wochen. Dadurch könnte ein Fenster für sachgerechte Lösungen zum sowohl Hochwasser- als auch Natur- und Kulturschutz eröffnet werden und auch dazu, dies in einem demokratischen Miteinander zu tun. Das wäre in jeder Hinsicht und zwar für alle besser.

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren