Ausstellung

31.03.2012

Das Leben in Miniatur

Sein Archiv stellt Frank Mardaus in der Neuen Galerie im Höhmannhaus aus.
Bild: Michael Hochgemuth

Der Augsburger Frank Mardaus zeigt in der Neuen Galerie im Höhmannhaus ein künstlerisches Archivprojekt mit Zehntausenden kleiner Fotos und Tagebucheinträge

Wer die aktuelle Ausstellung von Frank Mardaus besucht, erhält einen intimen Einblick in ein ganzes Leben – und andererseits auch wieder nicht. 2996 Texte sowie 7392 Fotoabzüge zeigt der Augsburger Künstler in der Neuen Galerie am Höhmannhaus. Darunter sind Schnappschüsse einer Schulwanderung genauso wie Innenaufnahmen einer Kirche, ein Willy-Brandt-Porträt neben der Aufnahme einer Dose Blaukraut, Aktfotos neben Käseverpackungen, kindliche Tagebucheinträge neben beruflichen Mails. Doch der Besucher erhält nur scheinbar einen intimen Einblick in das Leben eines anderen. Denn die Schau, die dem Archivgedanken auf künstlerische Weise huldigt, zeigt alles nur im Miniaturformat.

Es ist ein vielschichtiges Konzept, das Mardaus präsentiert, aber auch eines, das sich dem Besucher nicht leicht erschließt. Die Ausstellung ist Mardaus’ Grundgedächtnis der Jahre 1971 bis 2012. Im Zentrum steht eine Mikrofiche-Sammlung hinter Glas. 48 Mikrofiche-Stapel liegen nebeneinander in einer Vitrine, ein weiterer Stapel alleine in einer zweiten Vitrine. An den Wänden hängt das Anschauungsmaterial dessen, was sich dem Zugriff der Besucher entzieht, auf DIN-A0-Plakaten: Tausende Fotografien von Mardaus, dazu Tausende Tagebucheinträge und Notizen des Künstlerpaares Caroline und Frank Mardaus aus über vier Jahrzehnten, so klein, dass man maximal Überschriften lesen und Bildmotive erkennen kann.

Die Präsentation der Mikrofiches hinter Glas wirkt einerseits grotesk überhöht. Andererseits wird in der Vitrine aber auch die Sammlung all dessen konserviert, was dem Künstler in seinem bisherigen Leben wichtig schien. Manche von Mardaus’ Fotos haben den Charakter von Familienfotos, manche haben formale Relevanz, andere inhaltliche. Er legt sich nicht auf eine fotografische Gattung fest. Der Reiz liegt im Wechsel zwischen Beiläufigem und Bewusstem, zwischen Realität und Inszenierung.

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Die Bilder zeigen auch seinen Wandel als Künstler

Die Auswahl der Werke für die Ausstellung hat Mardaus nicht (nur) nach künstlerischen Aspekten getroffen. Zu sehen sind all jene Bilder, die er irgendwann einmal in der Dunkelkammer vergrößert hat. Es sind damit genau die Bilder, die er zum Zeitpunkt der Entwicklung als sehens- und beachtenswert eingestuft hat – sei es mit acht Jahren, mit 18 oder mit 38. Heute ist Mardaus 42. Er sagt, er wolle mit der Schau der Gegenwart gedenken – der jeweiligen Gegenwart zu einem bestimmten Zeitpunkt allerdings. Die Bilder zeigen auch seinen Wandel als Künstler. Die Phasen des Experimentierens werden manchmal allein aufgrund des Formats deutlich, mal fotografierte Mardaus mit einer Mittelformatkamera, mal mit einer Mikrofilmkamera.

Was die Ausstellung kompliziert macht, ist Mardaus’ Signatursystem, das nicht erklärt wird. Die etwa drei mal drei Zentimeter kleinen Bildkopien sind zwar in etwa chronologisch angeordnet, eine Jahreszahl findet sich jedoch nirgends, stattdessen Signaturen wie AA-01216-09. Der Katalog AA etwa enthält „alle fotografischen Abzüge“, AL umfasst Notizen und Tagebuchtexte.

Die gesammelten Fotos in Verbindung mit den Textfragmenten zeigen im Höhmannhaus eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, zeigen Szenen eines Lebens und geben die Möglichkeit, Verbindungen zwischen Vergangenem und Aktuellem herzustellen.

Auf Facebook gibt er nicht allzu viel von sich preis

Ein wenig erinnert das Ausstellungskonzept an die Timeline des sozialen Netzwerks Facebook, eine Art Zeitleiste. Mit ihr werden Bilder, Texte und Lebensereignisse eines jeden Mitglieds für alle anderen Nutzer sichtbar konserviert. Frank Mardaus sagt, er habe zwar auch ein Facebook-Profil, allzu viel gebe er aber nicht preis. „Mir ist das ehrlich gesagt zu unheimlich, was mit den Daten alles passieren, was kopiert werden kann.“ Der Titel seiner aktuellen Ausstellung ist in diesem Sinne auch eindeutig: „Vertraulich – Nur für den Dienstgebrauch“.

Laufzeit verlängert bis 20. Mai, Neue Galerie am Höhmannhaus, Maximilianstraße 48. Geöffnet Dienstag 10 bis 20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10 bis 17 Uhr. Künstlergespräche am 17. April und 8. Mai, jeweils um 19.30 Uhr

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