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Brechtfestival 2018

25.02.2018

Das Publikum soll denken – und der Fatzer sterben

Von links: Gerald Fiedler Kaumann, Kai Windhövel Fatzer und Sebastian Mülller-Stahl Büsching am Theater Augsburg in "Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer".
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Das Theater Augsburg reanimiert ein Fragment Bertolt Brechts und eröffnet das Brechtfestival. Aber der „Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ ist mehr Abhandlung als Handlung.

Die Bühne, die Bert Brechts „Fatzer“-Materialien um vier desertierende Soldaten des Ersten Weltkriegs auf den Spielplan und in Szene setzt, diese Bühne zeigt Mut, Anstrengungs- und Diskursbereitschaft. Weitgehend unbekannt, fordert das liegen gelassene Fragment vom Ende der 1920er Jahre vor allem Dramaturgie, Regisseur und Publikum, die gemeinsam dem Umstand beizukommen haben, dass hier in Rohform mehr Abhandlung als Handlung, mehr Kopf-Text als Theaterpraxis vorliegen. Dazu fordern die Materialien diverse Lesarten geradezu heraus – selbst der Dramatiker Heiner Müller, der 1978 eine Bühnen-Fassung vorlegte, hatte eigenem Bekunden nach „willkürlich Zusammenhänge hergestellt“. Das Fragment, das immer wieder für nicht praktikabel gehalten wurde, bleibt Fragment – und das Theater kann daraus schwerlich einen Guss formen.

Aber das Theater kann die Materialien von Zeit zu Zeit neu auf den Prüfstand zu beleuchtender Debatte stellen – und eben dies tat jetzt das Theater der Brechtstadt Augsburg zur Eröffnung des Brechtfestivals 2018 und zum Hundertjahr-Gedenken der Endphase des Ersten Weltkriegs, da die Szenensammlung eben spielt. Und noch ein Drittes kommt hinzu als guter Grund der Reanimation: Das Thema vom „Untergang des Egoisten Johann Fatzer“, nämlich die Frage, wie viel Ich-Bewusstsein und wie viel Solidaritätsverantwortung der Mensch braucht, dieses Thema ist auch ein Thema unserer beschleunigt kapitalisierten Zeit. Wobei für „Ich“ und „Wir“ wahlweise auch eingesetzt werden können: Fleisch (=Futtertrog) versus Revolution, Unvernunft versus Vernunft – jedenfalls laut „Fatzer“. Wie auch immer: Brechtfestival und Theater Augsburg halten – mittels eigener Bearbeitung sogar – den Daumen drauf, sie bringen und versuchen das Gebotene. Das ist gut.

Brechts Fatzer: Man hat Thesen voller Absicht

Und es ist ein wenig beschwerlich, weil ein wenig papieren und lehrhaft-dialektisch. Mit meist hochgestimmtem Brecht-Ton, der aber den Vorteil des Klaren und Deutlichen hat, wird das Auditorium nicht selten – und nicht nur von Fatzer – gleichsam direkt angesprochen. Man hat Thesen voller Absicht und Nachdruck über den Köpfen der lauschenden Gemeinde zu verhandeln. Die „Fatzer“-Materialien ertönen in der frontalen Inszenierung von Christian von Treskow als häufig emphatische, überdies doppelchörige Sprechoper, vis-à-vis dem Publikum. Der Appell zum Mitdenken wird handgreiflich; die vier Deserteure und ihre Erwartungshaltung hinsichtlich Fleisch hier, Revolution dort, scheinen auch gegenüber dem Zuhörer unter Rechtfertigungsdruck zu stehen. Aber bei schwieriger Ausgangslage und komplexer Textmasse bricht sich dann doch ein Abend von hinreichender Kraft Bahn, nicht ohne finalen V-Effekt.

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Auf dem Weg dorthin sinkt der Entscheidungseinfluss Fatzers, der eher souverän denn egoistisch denkt, und es steigt der Entscheidungseinfluss seines Kameraden Koch. Im Antikriegs- und Endzeitstück läuft alles auf Macht- und Überlebenskampf hinaus, weil weder Fleisch noch jene Revolution kommt, die die Deserteure erhofft straffrei stellt. Fatzer, der tut, was er mag, wird zur Gefahr. Und er wird liquidiert hinter dem unwirtlichen, flüchtig weiß getünchten Spielraum mit zehn variierbaren Buchstaben von REVOLUTION plus Schützen- bzw. tiefgelegtem Straßengraben (Ausstattung: Oliver Kostecka). Die Liquidation wird jedenfalls durch einen Schuss im Off nahegelegt.

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Ein ideologisches Hardcore-Konzept

Aber die Augsburger Fassung lässt auch seinen Gegenspieler Koch (im Kugelhagel) sterben. Die Extrempositionen von Ich und Wir überleben nach eindreiviertel Stunden – lehrreich – nicht. Bleibt noch ein ideologisches Hardcore-Rezept („Denn bevor Ihr Euer Bürgertum nicht vertilgt habt, werden Kriege nicht aufhören“). Bleibt noch besagter V-Effekt, ein kleines Rätsel zum sowieso gelegentlich kryptischen Fragmenttext: Hasenköpfe für die Schauspieler. Das Programmheft löst’s auf mit Brechts Worten selbst, mit Beuys und österlicher Initiationskraft. Jedenfalls eine bildmächtige Schlussszene. Und: jedenfalls insgesamt was gewagt – und insgesamt was draus gemacht.

Dabei verhelfen der Produktion in erster Linie die vier Deserteure Eindringlichkeit: Kai Windhövel als oft rüder, fordernder, genervter, passend heißerer Fatzer, Klaus Müller als verdruckster Quartett-Spaltpilz Koch, Gerald Fiedler als stark mitnehmendes physisch-psychisches Kriegswrack, Sebastian Müller-Stahl als den Ausgleich suchender Mitläufer. Ute Fiedler nahm man Vertrocknung und Verhärmung ab, Linda Elsner (u. a. Mädchen) das abhängige Opfer Fatzers. Zustimmung des Publikums.

Nächste Aufführungen: zunächst am 27. Februar, dann am 1., 7., 9., 17., 23. März

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