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Der Plärrer damals und heute: Was vom alten Volksfest geblieben ist

Hinter dem Plärrer liegen Jahre der Veränderung. Ex-Festwirt Louis Bartmann zeigt, warum das gut ist - und wieso heute weniger "angebandelt" wird.

Es dauert keine Minute, da wird Louis Bartmann auf dem Augsburger Plärrer von den ersten Bekannten begrüßt. Er bleibt kurz hinter dem großen Eingang an der Langenmantelstraße stehen. Eine Schaustellerfamilie grüßt den Ex-Wirt des Schallerzelts freundlich. Ein kurzes "Hallo" und "Wie geht's der Frau?", dann bahnt sich Bartmann weiter seinen Weg durch die Menschenmengen.

Um ihn herum brüllen Kinder, die Wagen des "Alpencoasters" schmettern aus luftigen Höhen über die Schienen in Richtung Boden. Der Duft von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln liegt in der Luft. Louis Bartmann ist zu Hause.

Im Schallerzelt war Louis Bartmann früher der Chef

Der Mann, wenige weiße Haare auf dem Kopf, dunkle Brille auf der Nase, mit hellblauem Hemd und schwarzer, mit Edelweiß bestickter Weste darüber, beginnt zu erzählen: "Eigentlich war ich mal Ingenieur", sagt er und grinst. "Wirt wurde ich der Liebe wegen." Die Eltern seiner Frau waren die ersten Wirte im Schallerzelt. "Als mein Schwiegervater nicht mehr konnte, musste ich übernehmen. Alles andere hätte er nicht verkraftet."

Und so wurde aus dem Ingenieur ein Festwirt. Das war vor mehr als 50 Jahren. In der Zeit, sagt Bartmann, habe sich auf dem Volksfest viel verändert: Das Publikum, die Kleidung, das Essen - und die Fahrgeschäfte.

Louis Bartmann war über Jahrzehnte Festwirt im Schallerzelt.
Bild: Jonathan Mayer

Bartmann betritt das Schallerzelt. Orange Biertische füllen den Innenraum. Von der Decke hängen weiße und gelbe Stoffbahnen. Es ist kurz nach 14 Uhr. Noch stehen die meisten Tische leer. Das ganze Zelt war einmal Louis Bartmanns Reich. Ein leichtes Grinsen zeichnet sich auf seinem Gesicht ab, als er über den hölzernen Boden schlendert. Ein bisschen wirkt er wie ein König, der stolz in sein Reich zurückkehrt. "Die Bühne war früher in der Mitte, nicht vorne. Und die Schnapsbar gab es zu meiner Zeit auch noch nicht", sagt er. "Das war früher noch nicht so gefragt."

Er läuft weiter, drückt sich an ein paar Leuten vorbei und hält auf den Bierausschank zu. Hinter der metallenen Zapfanlage steht ein Mann mit Lederhose und weißem Trachtenhemd. Er lacht, als er Bartmann sieht. Hände werden geschüttelt, es wird kurz geplaudert. "Zum Warmwerden für die Wiesn hier, oder?", scherzt der Ex-Wirt. Die Männer lachen. Wie selbstverständlich bestellt Bartmann zwei Halbe Bier, bezahlen muss er nicht. 

Später wird er einem Kellner trotzdem Trinkgeld geben. Er grüßt noch ein paar Angestellte. Die "Kernmannschaft", wie er sie nennt, kennt ihn noch, 15 Jahre nachdem er seine Schürze für immer ablegte. Dann geht es raus in den Biergarten. Im Schatten der großen Zeltplane setzt er sich mit seinem Maßkrug auf eine Bierbank. "Den Biergarten gibt es auch erst seit 30 Jahren." Auch das brauchte man früher nicht.

Früher gab es andere Fahrgeschäfte, wie die "Raketenfahrt zum Mond", die 1940 auf dem Plärrer stand.

2004 beendete Louis Bartmann seine Arbeit als Festwirt im Schallerzelt. Er wollte nicht mehr. "Irgendwann muss es auch gut sein", sagt er trocken. In all der Zeit habe sich das Volksfest sehr gewandelt. Er erzählt. Von amerikanischen Soldaten, die in den 60er und 70er Jahren die Zelte füllten, von der Militärpolizei, die mit dem Schlagstock für Ordnung sorgte, von hohem Besuch wie Gerhard Schröder, Edmund Stoiber oder Franz Josef Strauß und von der Arbeit in der Küche, wie bei Bartmanns immer frisch gekocht wurde und alles genau berechnet werden musste. Vom Stress und von der Arbeitsbelastung: "Morgens ging es um 6 Uhr los, abends bis 12." Wie man da durchhält? "Gute Kondition und wenig Schlaf." Und planmäßige Arbeit: "Ich habe das Zelt industriell geführt. Die Kosten mussten immer genau kalkuliert werden", erzählt er.

An den Autoscootern und Fahrgeschäften fanden Gäste früher die Liebe

Die größte Änderung aber machte das Volksfest beim Publikum durch. Nicht nur, weil das Loch nach dem Abzug der amerikanischen Soldaten gefüllt werden musste. Auch die Mentalität habe sich geändert. "Früher wäre niemand auf die Idee gekommen, mit Lederhose oder Dirndl aufs Volksfest zu gehen." Heute ist das anders. Überall auf dem Plärrergelände sieht man junge Männer und Frauen in Tracht. "Ich finde das sehr schön. Die Lederhose gehört immerhin zu Bayern." Und auch das ist anders: Früher, findet der Ex-Wirt, ging es auf dem Volksfest mehr um die Liebe. "Der Plärrer war immer ein Platz zum Anbandeln. Vor allem die Autoscooter."

Eine Fahrt mit dem "Alpencoaster" auf dem Augsburger Plärrer. Die Achterbahn stand 2019 zum ersten Mal auf dem Volksfest.
Video: Jonathan Mayer

Er stellt seinen fast leeren Maßkrug ab und macht sich auf den Weg nach draußen. Es ist mittlerweile Nachmittag. Trotz all der Veränderungen gibt es doch noch einige Konstanten: das Personal zum Beispiel. Gemächlich schreitet Bartmann vorbei an den bunten Ständen der Schausteller. Der 79-Jährige lässt den Blick über die Schießbuden, Süßigkeitenläden und Losstände schweifen. Jeder Verkäufer, jeder Mitarbeiter wird genau analysiert. Flüchtige Bekannte grüßt der ehemalige Festwirt aus der Ferne, Freunde aus der Nähe. "Man kennt die Kollegen alle", sagt er.

Als er an der "Apollo 13" vorbeiläuft, blickt er nach oben. An den beiden dutzende Meter langen Armen werden die Fahrgäste abwechselnd nach oben und zurück zum Boden geschleudert. Eine der Gondeln saust am Boden vorbei, Fahrgäste kreischen. Bartmann sagt: "Solche High-Tech-Geräte gab es früher nicht." Statt Geschwindigkeit sei es bei Attraktionen wie "Hau den Lukas" und dem "Tobogan" um Muskelkraft und Geschick gegangen. "Damit konnte man die Frauen beeindrucken", sagt er und grinst wieder.

Eine Fahrt mit der "Apollo 13" auf dem Augsburger Plärrer. Mit dem Fahrgeschäft geht es in luftige Höhen und steil bergab.
Video: Jonathan Mayer

Und dann ist da diese eine Änderung, die den hunderttausenden Besuchern wohl am meisten auffiel: Die Einführung der Sicherheitsdienste in den Zelten. Die sind Vorgabe der Stadt. Hat sich also die Gewaltbereitschaft der Besucher verschärft? Bartmann glaubt das nicht. "Früher sind halt Polizisten und Festwirte selbst dazwischengegangen, heute macht das die Security." Bartmann sieht darin eher eine Präventivmaßnahme.

Die Zeit als Festwirt vermisst Bartmann nicht

Er läuft weiter. Vorbei an der "Leopardenspur", dem großen Karussell und der Doppelbock Alm. Entgegen einiger Gerüchte, sagt er, habe es zwischen den Schaustellern und den Wirten nie Konflikte gegeben. "Manchmal gab es Diskussionen, weil die Schausteller den Plärrer wegen des schlechten Wetters verlängern wollten und die Wirte nicht, aber das war immer im Rahmen", erzählt er. Auf dem Plärrer, da gehe es familiär zu.

Auch das Foto-Schießen gibt es nicht mehr jedes Jahr. Hier ein Bild aus dem Jahr 1970.
Bild: Franz Häußler

Nach dem Rundgang steht Bartmann wieder vor dem großen Tor an der Langenmantelstraße. Noch immer duftet es nach Zuckerwatte. Und der "Alpencoaster" dreht seine Bahnen. Im Hintergrund bringt eine Tram dutzende neue Besucher zum Festgelände.

Ob er die Zeit als Wirt auf dem Plärrer vermisst? Nein, sagt Louis Bartmann. "Es war ein interessantes Leben. Aber irgendwann muss es auch gut sein." Immerhin gehöre zum Festwirtsdasein nicht nur der Plärrer, sondern Volksfeste in ganz Deutschland. Damit einher geht viel Arbeit. Bartmann nimmt es gelassen: "Alles hat mal ein Ende."

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