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Augsburg

17.01.2020

Die Stadt Augsburg verfehlt ihr selbst gestecktes Radlerziel

Wo geht’s hier zur Fahrradstadt? Eine berechtigte Frage in Anbetracht der Tatsache, dass sich die Fahrradnutzung in Augsburg nicht so entwickelt, wie die Stadt sich das wünscht.
Bild: Annette Zoepf

Plus Der Anteil des Radverkehrs liegt bei 19,4 Prozent. Im Projekt „Fahrradstadt 2020“ waren ursprünglich 25 Prozent angepeilt. Wie andere Verkehrsmittel abschneiden.

Die Augsburger setzen bei der Wahl des Verkehrsmittels inzwischen häufiger aufs Fahrrad. Der Wege-Anteil liegt laut der deutschlandweiten Studie „Mobilität in Städten“ der TU Dresden in Augsburg bei 19,4 Prozent. Zum Vergleich: Vier Jahre vorher legten die Augsburg 17 Prozent aller innerstädtischen Wege mit dem Fahrrad zurück.

Trotz dieser Steigerung steht nun aber fest, dass die Stadt bei ihrem Ziel, bis zum Jahr 2020 25 Prozent des Binnenverkehrs übers Fahrrad abgewickelt zu bekommen, gescheitert ist. „Unser selbst gesetztes Ziel von 25 Prozent wurde bewusst sehr hoch gesetzt“, sagt Baureferent Gerd Merkle (CSU) in einer ersten Reaktion. Bei den kurzen Strecken könne man durchaus zufrieden sein, bei längeren Strecken gebe es aber noch Luft nach oben.

Der Radwegebau kommt in Augsburg nur langsam voran

Dass das Ziel nicht einhaltbar war, hatte sich schon vor einigen Jahren abgezeichnet, als die Stadt das Projekt „Fahrradstadt 2020“ zum Dauerthema erklärte. Weil konzeptionelle Vorarbeiten länger gedauert hatten, kam der Radwegebau nur langsam voran. Merkle sagt, dass in den vergangenen zehn Jahren mehr als zehn Millionen Euro in den Ausbau der Rad-Infrastruktur geflossen seien. Dies müsse fortgesetzt werden. Parallel sei es aber auch nötig, Überzeugungsarbeit in der Bevölkerung für das Fahrrad zu leisten. Von den mitregierenden Grünen wurde in den vergangenen Jahren kritisiert, dass ihnen die Bemühungen von CSU und SPD beim Radverkehrsausbau zu langsam gehen.

Die Stadt Augsburg verfehlt ihr selbst gestecktes Radlerziel

Die Ergebnisse der Studie, für die 3600 zufällig ausgewählte Augsburger während des Jahres 2018 befragt worden waren, wurden an die teilnehmenden Kommunen weitergeleitet. Die Stadt Augsburg gab auf Anfrage die Eckpunkte bekannt. Eine zentrale Botschaft: Das Fahrrad hat gewonnen, in allen anderen Verkehrsgattungen gab es anteilig Rückgänge. Hier einige Detailergebnisse:

Auto: Das Auto ist nach wie vor das wichtigste Verkehrsmittel. 33,7 Prozent aller Wege innerhalb der Stadt werden damit zurückgelegt. Das ist eine Reduktion um 0,8 Prozentpunkte. Je weiter der Weg ist, desto stärker punktet das Auto. Innerhalb der Stadt nimmt die Wichtigkeit des Autos bei den Wegen zur Arbeit ab – dafür steigt die Nutzung des Autos für Erledigungen wie Einkäufe, was womöglich mit der Lage von Geschäften (Discounter mit Parkplatz) zu tun hat.

Es gibt mehr Haushalte mit zwei Autos

Beim Autobestand ist von der Verkehrswende nicht viel zu spüren: Der Anteil der Haushalte ohne Pkw ist gleich geblieben, der Anteil der Haushalte mit zwei Autos leicht gestiegen. Weil nicht mehr alle Autos in Garagen Platz haben, steigt der Anteil der auf den Straßen geparkten Pkw von 21 auf 24 Prozent. Die Folge: Parkplatznot.

Fahrrad: Bei den Wegstrecken zwischen einem und drei Kilometern, die relativ mühelos zu bewältigen sind, gab es Zuwächse fürs Rad. Der Anteil stieg laut Studie um vier Prozentpunkte auf 28 Prozent zulasten des Autos. Bei längeren Wegstrecken (fünf bis zehn Kilometer) lag der Radanteil in der Befragung aus 2018 bei 13 Prozent. Inzwischen dürfte er höher sein, sagt Merkle. Diese Strecken seien für E-Bikes interessant, deren Zahl in den vergangenen Jahren gewachsen sei. Und es gibt einen zweiten Punkt, den die Verkehrsplaner hervorheben. Bei den Wegen zur Arbeit stieg der Radanteil um vier Prozentpunkte auf 21 Prozent, der Autoanteil sank von 50 auf 47 Prozent. „Der Arbeitsweg ist besonders interessant: Es handelt sich um viele regelmäßige Fahrten, die zu den kritischen Stoßzeiten stattfinden“, sagt Tiefbauamtsleiter Gunther Höhnberg.

Bus und Tram: Gesunken ist der Anteil des öffentlichen Nahverkehrs am Mobilitätsmix. Er ging von 16,9 auf 15,5 Prozent zurück – und das im ersten Geltungsjahr der Tarifreform. Bei den Stadtwerken verweist man darauf, dass man trotz des anteiligen Rückgangs mehr Fahrgäste habe. 2019 waren es um die 64 Millionen. Auch von 2015 (vorvergangene Befragung) auf 2018 (letzte Befragung) gab es eine deutliche Steigerung. Ein Aspekt bei dem Ergebnis, so Stadtwerkesprecher Jürgen Fergg, könne der sehr lange und warme Sommer in 2018 gewesen sein, der die Fahrgastzahlen speziell im Frühjahr und Herbst messbar sinken ließ. Die Zuwächse bei Radlern gingen demnach teils zulasten des Nahverkehrs. Bei den Stadtwerken will man die Studienergebnisse noch einmal betrachten. Der Rückgang des ÖPNV-Anteils bei Schulwegen passe nicht zum 2018 eingeführten freiwilligen Zuschuss der Stadt für Schülerkarten, so Fergg.

Fußgänger: Ihr Anteil am Verkehr ist weitgehend gleich geblieben. Er sank um 0,3 Prozentpunkte auf 31,3 Prozent. Wenig überraschend ist, dass Fußgänger vor allem auf Strecken unter einem Kilometer Länge punkten (mit 71 Prozent sind sie dominierend).

Gesamtverkehrsmenge: Jeder Augsburger legt im Durchschnitt 3,5 Wege pro Tag zurück. Dieser Wert ist gleich geblieben, allerdings ist die durchschnittliche Strecke um mehr als einen Kilometer auf 7,8 Kilometer gestiegen. Das bedeutet: mehr Verkehr, zumal auch die Einwohnerzahl gestiegen ist. Speziell das Auto ist bei längeren Wegstrecken das Mittel der Wahl. Der Anteil der Wege, die von Augsburg nach außerhalb der Stadtgrenzen führen, ist um fünf Prozentpunkte auf 22 Prozent gestiegen. „Die Verflechtungen ins Umland nehmen also zu“, sagt Höhnberg. Nicht abgebildet in der Studie sind Einwohner der beiden Landkreise, die nach Augsburg pendeln. Eine Befragung der ganzen Region sei bisher nicht zustande gekommen.

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19.01.2020

Diese Aktion "Fahrradstadt 2020" ist und bleibt eine Lachnummer und ist mehr ein Marketing-Gag der Autofahrerpartei CSU.
Hierfür müssten die Ausgaben erheblich gesteigert werden und auch an vorhandenen Fahrradwegen gearbeitet werden.
Bordsteine müssten abgesenkt werden, kantige Kanaldeckel gehören überarbeitet und bei manchen Kreuzungen z.B. an der Schleifenstraße von Haunstetten ins Zentrum getunnelt werden bzw. die Ampelwartezeiten verändert werden. Nichts davon passiert und Fahrradtstädte gibt es eher im Norden, Holland oder Kopenhagen.
Hier hat sich die CSU gehörig blamiert und lächerlich gemacht.

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17.01.2020

Wie Augsburger Politik funktioniert, sieht man am geplanten Umbau der Wertachstraße, wo es durch Verengung der Straße für die Radfahrer richtig lebensgefährlich werden soll, außer sie lassen sich freiwillig vertreiben. So gesehen ist das Projekt menschenverachtend. Haushaltsmittel werden für eine deutliche Verschlechterung der Situation verschwendet, Hauptsache beim Begrünen der Straßenränder müssen möglichst wenige der anscheindend heiligen Parkplätze aufgegeben werden.

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17.01.2020

Es war ja abzusehen das dieses Projekt scheitern wird, wenn nicht endlich Entscheidungen bei der Verkehrsplanung zugunsten des Radverkehrs getroffen. Bei jeder Neuerung wird versucht, auf keinen Fall das heilige Auto irgendwie zu beeinträchtigen. Sei es Parkplätze auf der Straße, zweispurige Fahrbahnen, Tempolimit, Fahrradstraßen etc.. Fehlende oder viel zu gering angesetzte Gelder für Projekte tun da ihr übriges. Bei diesem Vorgehen braucht sich die Stadtregierung nicht wundern, dass die Zahl der Radfahrer nicht steigt. Die lächerlichen paar Prozent die der Radfahreranteil ist dabei eher noch dem Willen der Menschen auf das Fahrrad umzusteigen als dem Desaster Fahrradstadt 2020. Die Nachfrage ist ja offensichtlich da aber solange nicht mutige Entscheidungen getroffen werden und man in Augsburg kein attraktives, sicheres und komfortables Radwegenetz aufbaut, sehe ich hier keine Zukunft.

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17.01.2020

>> Gesunken ist der Anteil des öffentlichen Nahverkehrs am Mobilitätsmix. Er ging von 16,9 auf 15,5 Prozent zurück – und das im ersten Geltungsjahr der Tarifreform. Bei den Stadtwerken verweist man darauf, dass man trotz des anteiligen Rückgangs mehr Fahrgäste habe. <<

Die Fahrgastzahlen steigen nur etwas wegen der deutlich auf 300.000 gestiegenen Bevölkerungszahl in Augsburg.

Die teilweise Abschaffung des 5-Minuten-Takts der Tram, sehr hohe und unfaire Fahrpreise, der zeitraubende und unbequeme Einstieg beim Busfahrer, unpünktliche Buslinien im ganztägigen 15-Minuten Takt ohne Verstärkung zu den Hauptverkehrszeiten, schlechtes Störungsmanagement - ein neuer Kö hat zwar dort die Sicherheit und Bequemlichkeit verbessert bringt aber keinen Menschen schneller ans Ziel. Und genau so wird das auch mit dem HBF-Umbau verlaufen - den kürzeren Wegen zwischen Bahn und Tram stehen dann längere Wege ins Bahnhofsviertel gegenüber. Eine dumme Planung der Linie 6 auf die grüne Wiese krönt die Pleitengeschichte der teuren "Mobilitätsdrehscheibe".

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17.01.2020

Leider ist Fahrrad fahren in vielen Teilen Augsburgs immer noch eine lebensgefährliche Sache, z.B. an der Wertachbrücke.
Ich habe ein Jahresabo der Verkehrsbetriebe, aber für Fahrten ins Umland muss ich das Auto nutzen. Der Ausbau der Staudenbahn mit regelmäßigem Takt und eine gute Bustacktung z.B. in Neusäß mit Verzahnung des Bahntaktes müsste besser umgesetzt werden.
Da müsste Augsburg mehr Druck auf das Umland ausüben, auch im eigenen Interesse, viele Autofahrer kommen aus dem Umland.

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