Wie soll ein Evangelienbuch für den Gebrauch im Gottesdienst heutzutage künstlerisch gestaltet werden? Darf es auch in knautschiges Kautschuk gehüllt werden? Oder auf hölzerne Trichter gebettet werden? Im Diözesanmuseum St. Afra sind derzeit die Ergebnisse eines Kunstwettbewerbs aus Essen präsentiert – nicht unbedingt alle für den praktischen Gebrauch geeignet, aber allemal interessante Impulse.
Als Beitrag zur Kulturhauptstadt 2010 lobten der Kunstverein im Bistum Essen und das Liturgische Institut in Trier den Wettbewerb aus. Gedacht war an eine „langfristige Schulung und Prägung des ästhetischen Bewusstseins sowie des kirchlichen Kunststiles in den Gemeinden“. Melanie Thierbach, Leiterin des Diözesanmuseums, bestätigte beim Ausstellungsrundgang, dass die Qualität heutiger Kirchenkunst „rapide gesunken“ ist und wenige individuell gestaltete künstlerische Ausstattungen zu finden sind.
Die sieben Exponate der „ars liturgica“ geben immerhin Anregungen. Von anmutiger Strenge ist beispielsweise der Einband von Mechthild Bach (Aachen) mit vier breiten goldenen Streifen, die horizontal von schmalen Bändern geschnitten werden. Dazwischen lodert auf bestickter Seide das Feuer. Wesentliches Ausdrucksmittel sind kostbare Materialien wie gestanztes, vergoldetes Ziegenleder und Seidenstoff.
Cornelia Rohne (Pfaffenhofen an der Ilm) schlug das Evangelienbuch in Acrylglas mit einem Rücken aus Ziegenleder ein und applizierte auf den Deckeln aus Blattgold züngelnde Flammen rund um ein Kristallkreuz mit violettem Schimmer. Maximilian Fliessbach (Benediktbeuern-Bichl) versah den Einband mit gemalten Edelsteinen in einem goldenen Netzwerk, deren Anordnung ein schwebendes Kreuz ahnen lassen. An den Ecken trieb er geschmiedete Eisennägel ein, sodass Kreuzesleiden und Herrlichkeit dicht beieinanderliegen.
Ein blaues Labyrinth prägte Tobias Eder (Freiburg) dem Einband auf. Trotz seines amorphen Umrisses gibt sich ein Kreuz zu erkennen. Das Blau, das auf die Kraft und Dichte des göttlichen Wortes hinweist, wirkt jedoch nur bei optimalen Lichtverhältnissen. Bei Johannes Borst (Nürnberg) soll das Wort laut werden. Deshalb setzte er auf seinen Nussbaumdeckel hohe Trichter wie Lautsprecher, deren Tiefe er mit neonroten Punkten in der silbernen Fassung auffällig akzentuiert.
Den zeitgenössischen Entwürfen hat Melanie Thierbach alte Einbände kirchlicher Codices zur Seite gestellt, sodass auch bleibende Gestaltungsprinzipien wie die Noppen, die Stege am Buchrücken und zentrale Bildmotive deutlich werden. Edelstes Exponat ist ein Evangeliar aus Benediktbeuern (um 970) mit einer Darstellung des Gekreuzigten auf vergoldetem Kupferblech.
Laufzeit der Sonderausstellung bis 29. Juli, geöffnet Dienstag bis Samstag 10–17 Uhr, Sonntag 12–18 Uhr.