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Augsburg

18.03.2020

Experte erklärt: Darum ist Klopapier plötzlich überall ausverkauft

Es war ein bizarres Bild: In vielen Supermärkten ist Klopapier ausverkauft.
Bild: Marcus Merk

Plus Logistik-Professor Michael Krupp erklärt, warum in der Corona-Krise einige Waren nicht mehr zu haben sind. Er sieht den Trend zu einem Einkaufsverhalten wie in den USA.

Herr Professor Krupp, wegen der Coronapandemie häufen sich Hamsterkäufe in heimischen Supermärkten. Müssen sich die Menschen Sorgen machen, dass der Nachschub ausbleibt?

Krupp: Was wir gerade erleben, sind Nachfrageschwankungen. Kunden kaufen mehr als normal. Die Einkaufsmärkte arbeiten aber mit prognose-basierten Systemen, weil sie Waren nicht lange im Regal liegen haben wollen. Wenn die Nachfrage plötzlich unvorhergesehen steigt, funktionieren die Prognosen nicht mehr.

Was bedeutet das? Wird es nicht mehr genügend zu kaufen geben?

Experte erklärt: Darum ist Klopapier plötzlich überall ausverkauft

Krupp: Das heißt nicht, dass es keine Ware mehr gibt. Normale Supermärkte müssen sich in ihrer Lieferkette auf Nachfrageschwankungen einstellen, etwa bei Bestellungen, Bevorratung in Zentrallagern und Lieferungen. Ich denke, dass wird in dieser Situation ein bis zwei Wochen dauern. Was die Versorgung angeht, mache ich mir aber keine Sorgen.

Einige Produkte sind gerade so gefragt, dass Regale leerstehen. Warum ist insbesondere Toilettenpapier in vielen Geschäften nicht mehr zu haben?

Krupp: Klopapier ist ein Produkt im Supermarkt, das besonders viel Platz braucht und mit dem sehr wenig Geld verdient wird. Deshalb bekommen andere Artikel mehr Regalmeter. Für Klopapier gibt es außerdem eine extrem gute Verbrauchsprognose, weil es kaum saisonalen Schwankungen unterliegt. Das hat zur Folge, dass sich die Supermärkte ganz nahe an der Prognose bevorraten. Kleine Änderungen im Einkaufsverhalten führen dann gerade bei diesem Produkt zu leeren Regalen. Auch wenn die Kunden sich daheim keinen Riesenvorrat anlegen.

Auch am Samstag waren Toilelettenpapier und Küchenrollen sehr begehrt. Wie hier vor dem Netto Markt in Göggingen.
Bild: Peter Fastl

Und wie ist es mit haltbaren Lebensmitteln wie Nudeln, Reis oder Mehl. Auch dort klaffen vielfach Lücken in den Regalen...

Krupp: Hier kommt es aus meiner Sicht tatsächlich zu Hamsterkäufen, weil sich die Konsumenten stärker bevorraten. Meine Prognose ist aber, dass sich das Kundenverhalten in den kommenden Wochen ändern wird. Die Leute kaufen zwar größere Mengen, sie gehen aber seltener zum Einkaufen, weil sie das Ansteckungsrisiko scheuen. Darauf müssen sich die Supermärkte einstellen.

Sehen Sie da keine Probleme?

Krupp: In den USA ist dieses Einkaufsverhalten normal. Man fährt mit dem Pick up zum Supermarkt auf der grünen Wiese und bevorratet sich dort für eine Woche. So ähnlich dürfte es in den kommenden Wochen auch in Deutschland werden. Die Frequenz von Kunden wird niedriger, sie kaufen aber größere Mengen ein.

In vielen Bereichen ist der Online-Handel sehr stark, bei Lebensmitteln bislang nicht. Werden wegen der Corona-Krise auch Lebensmittel verstärkt über Internet eingekauft?

Krupp: Bei einem Anbieter habe ich es selbst getestet. Rewe hat einen Heimlieferservice, aber dort sind momentan in unserer Region Lieferungen bis April ausgebucht. Nicht weil es keine Ware gäbe, sondern wegen der Fahrer.

Welchen Trend erwarten Sie im Internet-Handel wegen der Corona-Pandemie?

Krupp: In den USA hat Amazon gerade angekündigt, 100.000 zusätzlichen Leute einzustellen. Eine ähnliche Entwicklung wird es zeitversetzt auch bei uns geben. Viele Online-Händler werden mehr Mitarbeiter beschäftigen, wenn die Nachfrage explodiert. Aber Vorsicht: Die Krise hat das Potenzial unseren stationären Einzelhandel nachhaltig zu schädigen. Wer nachher noch bei kleinen Einzelhändlern kaufen möchte, sollte weiter dort einkaufen – entweder gezielt deren Bestellangebote nutzen, oder über Nachbarschaftshilfe einkaufen oder unter Beachtung der Hygienevorschriften. Die Möglichkeit dort einzukaufen besteht ja weiterhin.

Zur Person: Michael Krupp ist seit 2010 Professor für Logistik und Supply Chain Management an der Hochschule Augsburg.

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Wie verändert sich die Arbeit von Journalisten in Zeiten des Coronavirus? In einer neuen Folge unseres Podcasts geben wir einen Einblick.

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