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15.11.2008

Hasen-Bräu schluckte viele Biersieder

Innenstadt "In der Geschichte der einheimischen Brauindustrie spielte die Aktienbrauerei zum Hasen eine der bedeutendsten Rollen", schrieb die Hasenbrauerei 1927. Diese Darstellung ist untertrieben, denn bereits damals war sie das einzige in industriellem Maßstab Bier brauende Unternehmen in Augsburg und in ganz Schwaben. "Hasen" verfügte 1927 über eigene Eisenbahnwaggons, 27 Lastkraftwagen samt Anhängern sowie über einen umfangreichen Pferdefuhrpark.

Gebraut wurde 1927 noch in drei Braustätten: im Stammhaus an der Kapuzinergasse, im einverleibten "Kronenbräu" beim Wertachbrucker Tor und bei "Zieglerbräu" in Friedberg. In zwei ebenfalls in der AG aufgegangenen modernen Mälzereien konnten pro Jahr 72 000 Doppelzentner Gerste verarbeitet werden. Der Grundbesitz war auf rund 70 Hektar angewachsen. So viel aus dem Firmen-Kurzporträt von 1927.

Zur Feier "350 Jahre Hasenbrauerei Augsburg" im Jahre 1939 leistete sich das Unternehmen ein 340-Seiten-Jubiläumsbuch. Es erzählt neben der Vergangenheit und Gegenwart der Brauerei die Geschichte des Brauwesens in Augsburg seit dem 12. Jahrhundert. Mit Archivalien wird belegt, warum sich die Hasenbrauerei 1939 auf 350 Jahre Brautradition berufen kann: Sie ging aus der Brauerei "Zu den drei Glas" in der Bäckergasse hervor. Deren Gründungsjahr war 1589. Ab etwa 1800 wurde sie "Zum Hasen" genannt. Sie vergrößerte sich im 19. Jahrhundert durch Zukauf von weiteren Anwesen an der Bäckergasse.

Besitzer Joseph Matthias Rösch hatte noch größere Pläne: Er wollte auf dem Areal des aufgelassenen Kapuzinerklosters an der Kapuzinergasse Augsburgs modernste Brauerei bauen. Dafür brauchte er viel neues Kapital, das er nicht hatte.

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Die Lösung war die Gründung einer Aktiengesellschaft. Der notarielle Vertrag für die "Actienbrauerei zum Hasen vorm. J. M. Rösch" trägt das Datum 20. November 1890. Sie entwickelte sich zum größten Augsburger Brauereiunternehmen, und zwar vornehmlich durch Käufe und Fusionen. Bereits 1898 wurde die "Exportbierbrauerei Schnapperbräu" von ihrem Besitzer Leonhard Bergdolt der Hasen-Bräu angeboten. Nachdem man sich über den Kaufpreis von 1,1 Millionen Mark "für die gesamte Brauereianlage mit allem lebenden und toten Inventar nebst der Einrichtung" geeinigt hatte, konnte am 9. Januar 1899 der Vertrag geschlossen werden. Damit kamen auch etliche Wirtschaften in "Hasen"-Besitz.

Nach dem Ersten Weltkrieg geriet eine Reihe kleinerer Augsburger Brauereien in finanzielle Schwierigkeiten. Wieder war "Hasen-Bräu" der kapitalkräftige Fusionspartner. 1920 war es die "Brauerei Lorenz Stötter AG" in der Jako-bervorstadt, 1921 die "AG Kronenbräu vorm. M. Wahl", 1924 die "Aktienbrauerei Augsburg, vorm. J. M. Vogtherr", die in der großen Bierfabrik aufgingen. Nach 1924 benützte die "Aktienbrauerei zum Hasen" ein Signet mit dem Zusatz "mit Lorenz Stötter, Kronenbräu, Vogtherr". Alle drei genannten Brauereien hatten bereits vorher selbst jeweils mehrere kleine Braustätten und eine Vielzahl von Gaststätten in ihren Besitz gebracht.

Ur-Augsburger Brauerei wird zum Handelsobjekt

Nach einer Pause von rund 50 Jahren setzte sich der Aufkauf Augsburger Brauereien fort. "Hasen" übernahm 1973 "Prügelbräu", 1975 "Fortunabräu" und 1992 "Bürgerbräu". Doch dann wurde die seit 1980 als "Hasen-Bräu AG" firmierende einstige Ur-Augsburger Bräustätte selbst zum Handelsobjekt.

Die Bayerische Vereinsbank war schon seit den 1930er Jahren mit 77 Prozent der Aktien die bestimmende Brauerei-Besitzerin. 1996 veräußerte die Bank ihr "Hasen"-Aktienpaket an die Inselkammer-Gruppe, die 1997 die Betriebsrechte an die zu ihr gehörende Tucher-Bräu (Nürnberg) weitergab, die Immobilien aber behielt. Sie sind jetzt im Besitz der börsennotierten "Hasen Immobilien AG". Seit 1998 wird Hasen-Bräu in Augsburg von einer "Brauereibetriebsgesellschaft mbH" geführt, die zwischenzeitlich zum Oetker-Konzern gehört.

Das Logistik-Zentrum ist nach Haunstetten verlagert, gebraut wird 2008 noch am historischen Platz in bester Augsburger Stadtlage, im "Kaiserviertel" zwischen Maximilianstraße und Konrad-Adenauer-Allee. Doch hier ist das Ende der Biersiedetradition absehbar.

Das Brauereigelände soll sich nach und nach in ein Wohnviertel verwandeln. Eines Tages wird wohl nur mehr die 1901 geschaffene repräsentative Brauerei-Einfahrt von der Konrad-Adenauer-Allee mit dem vergoldeten springenden Hasen über einer Tordurchfahrt an die große Braustätte in diesem Viertel erinnern.

Nur noch Aufzeichnungen erzählen von der einstigen Vielfalt an Bieren in Augsburg, wo Braunbier einen besonders guten Ruf hatte. Im Jahre 1824 zählte die Stadt bei rund 30 000 Einwohnern 98 Bierbrauer. 1866 war ihre Anzahl auf 82 gesunken, 1902 (bei nunmehr 91 000 Einwohnern) auf 66.

Als im Jahre 1914 Augsburg durch Eingemeindungen 145 000 Bewohner zählte, wurden diese nur noch von 40 Brauern mit Braun- und Weißbier versorgt. Bis 1933 hatte der geschilderte Konzentrationsprozess noch 15 selbstständige Brauereien im Stadtgebiet übrig gelassen. Ende 2008 sieden hier neben "Hasen" noch drei mittelständische "Privatbrauereien" in großem Maßstab Bier.

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