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28.05.2010

Industrie mitten im Grünen

Industrie mitten im Grünen
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Die Kolonie- und Ausflugsgaststätte "Zu den sieben Brunnen", Haus-Nr. 28, mit Saal auf einer Postkarte von 1898.

Siebenbrunn Bis 1867 war das Streudorf Meringerau ausschließlich land- und forstwirtschaftlich geprägt. Die Gemeinde wollte deshalb auf ihrem Areal Voraussetzungen für eine durch Wasserkraft betriebene Schrotmühle oder zum Antrieb landwirtschaftlicher Maschinen schaffen. Dazu sollte der Siebenbrunnenbach dienen. In ihm vereinigen sich mehrere Quellbäche wie der "Giesser" sowie ein Lechanstich. Mit 0,75 Kubikmeter Wasser pro Sekunde erschien der Siebenbrunnenbach geeignet, eine Turbine anzutreiben. Von diesem Wassernutzungsrecht wollte jedoch kein Meringerauer Gebrauch machen, sodass es für 400 Gulden auf den Schnittwarenhändler Albrecht Höppl übertragen wurde. 1833 in Fürth geboren, war er mit 13 Jahren nach Augsburg gekommen, hatte unter anderem als Kassierer bei Martini & Cie. in Haunstetten gearbeitet und sich 1861 in Augsburg selbstständig gemacht. Er kaufte 1866 in Meringerau Grundstücke und errichtete dort 1867 statt einer Mühle eine Mechanische Weberei.

VON FRANZ HÄUSSLER

1868 liefen dort bereits 24 englische Webstühle und 16 Arbeiter erzeugten 3600 Stück rohes Tuch. Es ging rasch aufwärts: 1883 waren 116 Webstühle, neue Vorwerke und eine Dampfmaschine mit 20 PS in Betrieb. 1885 wurde das Bachgefälle auf 1,8 Meter erhöht und die Wassermenge des Siebenbrunnenbaches auf 1,5 Kubikmeter pro Sekunde verdoppelt. Das machte eine Turbinenanlage mit nunmehr 36 PS nötig. 1892 lieferte eine neue 35-PS-Dampfmaschine die restliche Energie, die nötig war, 180 Webstühle am Laufen zu halten. Mit 75 Arbeitskräften entstanden 1892 darauf bei einem Garnverbrauch von 105 500 Kilo 24 830 Baumwolltücher von jeweils 50 Meter Länge. 1893 stellte Höppl weitere 50 Webstühle auf.

Neue Betriebsstätte in größeren Dimensionen

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Auf Albrecht Höppl folgte 1897 Oskar Müller, ein Bamberger Bankier, als Besitzer. Für ihn bildete die Weberei lediglich ein Handelsobjekt. Am 1. Oktober 1901 unterzeichneten die Bamberger Kaufleute Angelo und Emil Wassermann den Kaufvertrag. Sie investierten und steigerten die Produktion wesentlich. Als am 29. April 1910 ein Brand die Weberei großteils vernichtet hatte, erstand sie 1911 neu in größeren Dimensionen. 1913 trugen neben der Fabrik zehn Anwesen den Eigentumsvermerk "Wassermann, Fabrikbesitzer". Die Berufsbezeichnungen der Bewohner - Weber, Maschinist, Schlichter, Vorwerkmeister, Fabrikarbeiterin, Andreherin - deuten an, dass es sich um Betriebswohnhäuser handelte. 1919 kauften die Brüder Wassermann weitere landwirtschaftliche Grundstücke und die benachbarte Gaststätte "Zu den sieben Brunnen".

Im Juni 1924 erwarb die Aktiengesellschaft Leonhard Tietz, Köln, die Mechanische Weberei Siebenbrunn. 1927 waren darin 130 Arbeitskräfte beschäftigt. Sie produzierten auf rund 300 Webstühlen Rohgewebe verschiedener Art. "Sie wohnen in sauberen, meist zweistöckigen, der Firma gehörigen Gebäuden in nächster Nähe der Fabrik", heißt es in einer Firmenwerbung 1927. In unmittelbarer Nachbarschaft war der Ortsteil Siebenbrunn-Ost entstanden. Deren Bewohner verloren ihre Arbeitsplätze, als 1937 die Weberei stillgelegt wurde.

Am 4. Februar 1938 gingen das Fabrikanwesen Siebenbrunn Haus-Nr. 5½ (es war zu diesem Zeitpunkt in Besitz der Firma Ferrozell in Inningen), die zehn zugehörigen Wohngebäude und zwölf Hektar landwirtschaftliche Flächen in Stadtbesitz über. Da die Fabrikbauten nicht sofort abgebrochen wurden, nutzten sie die Messerschmitt-Werke während des Zweiten Weltkriegs als Produktionsstätte. Diese blieben denn auch nicht völlig von Bomben verschont. Intakte Hallen mietete nach Kriegsende eine Holzhandelsfirma, später lagerte das Stadttheater darin Kulissen.

Am 29. Juli 1977 beschloss der Stadtrat, die Fabrik und den Ortsteil Siebenbrunn-Ost abzusiedeln und alle Gebäude abzubrechen. Es war eine weitere Schutzmaßnahme für sauberes Trinkwasser. Die Beseitigung der Fabrik begann am 15. November 1977. Auch das Turbinenhaus am Siebenbrunnenbach, in dem ein Generator lange Zeit die Fabrik und einige der dazugehörigen Wohnhäuser mit Strom versorgt hatte, wurde 1978 beseitigt.

Einige Kulturspuren sind geblieben

1978 kamen auch die Wohnhäuser und die "Gaststätte zu den sieben Brunnen" unter die Spitzhacke, Ende des Jahres 1980 war die "Kolonie" restlos dem Erdboden gleichgemacht. Danach erfolgte die Aufforstung. Heute ist dort ein stattlicher Mischwald herangewachsen. Einige Kulturspuren sind geblieben: Reste einer Kastanienallee, uralte Fliederbäume und andere typische Gartengewächse finden sich inmitten von Fichten. Auf einer Informationstafel versuchen historische Bilder einen Eindruck davon zu vermitteln, wie es hier einst aussah.

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