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Interview
25.11.2021

Augsburgerin mit Long Covid: "Da denkt man: Du bist zu nichts zu gebrauchen"

Joana Doderer steckte sich vor einem Jahr in der Uniklinik als Krankenschwester bei der Arbeit mit Corona an.
Foto: Silvio Wyszengrad

Joana Doderer infizierte sich vor einem Jahr in der Arbeit an der Uniklinik Augsburg mit Corona. Long Covid setzt ihr so zu, dass sie immer noch arbeitsunfähig ist.

Frau Doderer, Sie sind Krankenschwester und haben sich vor einem Jahr im Dienst mit Corona angesteckt. Sie können bis heute nicht arbeiten. Wie ist das damals passiert?

Joana Doderer: Ich arbeitete damals in der Anästhesie in der Universitätsklinik. Das heißt: Patienten und Patientinnen in die Narkose begleiten, sie währenddessen und nach der Operation im Aufwachraum betreuen. Ich habe mich bei einer Patientin im Aufwachraum angesteckt. Sie war laut Schnelltest negativ, im Nachhinein ergab ein PCR-Test ein positives Ergebnis. Das war zum damaligen Zeitpunkt aber nicht klar. Ich habe natürlich eine FFP2-Maske und eine chirurgische Maske übereinander getragen, auch für Patienten galt FFP2-Maskenpflicht. Aber manchmal müssen sich Patienten nach der Narkose erbrechen und können da keine Maske tragen. Ich stand der Patientin zur Seite. Das war im Nachtdienst, am Tag darauf bekam ich den Anruf, dass die Patientin positiv war.

Wie ging es weiter?

Doderer: Ein erster Test von mir und der ganzen Familie nach fünf Tagen fiel negativ aus. Aber ziemlich genau eine Woche danach wurde ich unwahrscheinlich müde, erschöpft, mir war schlecht. Also bin ich noch mal zum Testen gegangen, habe sofort alle Kontakte nach außen abgebrochen und mich auch in der Wohnung von meinem Mann und unserer Tochter komplett isoliert. Dieser Test fiel positiv aus. Dann entwickelten sich Husten, Brustschmerzen und Atemnot. Und es kamen starke Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten und Vergesslichkeit dazu, die auch länger blieben. Ich konnte kein Buch lesen, keinem Film folgen, Gespräche waren unwahrscheinlich anstrengend. Und ich wurde vergesslich. Ich weiß nicht, wie oft mir meine Familie manche Dinge via FaceTime-Anruf sagen musste. Ich war allein im Schlafzimmer. Das ist auch psychisch belastend. Ich musste manchmal weinen. Am schlimmsten war, dass ich manchmal nicht mehr wusste, was mir mein Kind am Vortag gesagt hat. Doch mein Mann und unsere Tochter haben sich nicht angesteckt, glücklicherweise. Sie war gerade in der ersten Klasse, mein Mann hat dann im Homeoffice gearbeitet – für seinen Beruf und als "Hilfslehrer" für unser Kind.

Irgendwann haben Sie gemerkt: Das geht nicht wieder weg …

Doderer: Das mit der Konzentration hat sich im Laufe der Wochen danach wieder gebessert. Aber die körperlichen Symptome blieben. Als die Quarantäne durchs Gesundheitsamt nach gut zwei Wochen aufgehoben wurde, bin ich wieder rausgegangen. Aber sobald ich mich irgendwie belastet habe, war ich schnell erschöpft. Schon den Müll rauszubringen war eine Anstrengung. Es wurde etwas besser, sodass ich Anfang Januar wieder angefangen habe zu arbeiten – fast zwei Monate nach der Infektion. Aber mit der Vollmontur mit FFP2-Maske, Mund-Nasen-Schutz und Face Shield war das sehr anstrengend. Da kommt einem der Gedanke: Du bist zu nichts zu gebrauchen. Nach der Arbeit musste ich stundenlang schlafen. Es hat sich dennoch weiter verbessert, bis im April ein Rückschlag kam. Ich war wieder mit Atemnot zu Hause. Irgendwie macht man aber dennoch weiter. Man denkt sich: Anderen geht es schlimmer. Faktisch habe ich mich von einem freien Tag zum nächsten freien Tag gekämpft.

Dieses Zimmer wird gerade für einen neu ankommenden Corona-Patienten vorbereitet.
12 Bilder
So läuft die Arbeit auf der Intensivstation am Augsburger Uniklinikum
Foto: Silvio Wyszengrad

Verliert man da nicht irgendwann den Mut?

Doderer: Ich bekam dann die Zusage für eine Reha, nachdem die Infektion endlich als Berufskrankheit anerkannt wurde. Da dachte ich mir: Du hältst jetzt durch und danach wird es gut. Ich war ab 14. Oktober vier Wochen in einer Reha-Einrichtung. Es hat was für den Kopf gebracht. Man kann sich eingestehen: Ich bin krank, ich bin nicht fit und muss mir Zeit geben. Auch normale Alltagsverrichtungen wie die Geschirrspülmaschine auszuräumen sind nach wie vor anstrengend.

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Wie ist Ihre Perspektive?

Doderer: Ich kann aktuell nicht arbeiten. Es kann einem ja nach wie vor keiner sagen: Long Covid ist nach so und so vielen Monaten vorbei. Das macht schon auch was im Kopf mit einem. Es ist emotional belastend, aber ich komme inzwischen besser damit zurecht. Ich nehme mir Pausen, die ich brauche. Ich mache Krankengymnastik, Massagen, Ergotherapie, gehe in die Long-Covid-Ambulanz der Uniklinik. Für die Konzentration spiele ich Spiele wie Memory oder Brettspiele mit meiner Tochter. Man muss am Ball bleiben. Es heißt: "Die Zeit heilt alle Wunden." Bei Long Covid ist die Zeit nicht definiert.

Denken Sie manchmal: Warum musste es ausgerechnet mich treffen?

Doderer: Ja, dieser Gedanke kommt schon. Wir waren im privaten Umfeld damals sehr vorsichtig, waren regelmäßig testen, trugen FFP2-Masken, meine Eltern habe ich monatelang nicht gesehen, um Risiken zu vermeiden. Aber ich mache meinen Beruf mit Leib und Seele. Ich denke oft an meine Kollegen und weiß, was sie momentan Großartiges leisten. Meine Oma war Krankenschwester, und anderen Menschen zu helfen liegt mir im Blut. Mein Ziel ist es, wieder im Beruf arbeiten zu können. Als Krankenschwester hat man ein höheres Risiko, mit manchen Keimen in Kontakt zu kommen, die eine Erkrankung auslösen können. Auch Erkrankungen, die vielleicht nie wieder weggehen. Da gibt es nicht nur Corona. Das ist ein Berufsrisiko, aber man könnte es im Fall von Corona minimieren, wenn alle mitmachen würden.

Wie sehen Sie die momentane Lage?

Doderer: Wenn jetzt Einschränkungen kommen, finde ich die persönlich auch nicht toll, aber ich verstehe sie und finde, dass sie Sinn machen. Wir selbst haben in unserer Familie vor vier Wochen wieder angefangen, Kontakte zu reduzieren, und haben sie inzwischen drastisch heruntergefahren. Einkaufen geht noch, die allerengste Familie treffen auch, sonst ist da nicht mehr viel. Wenn die Zahlen so hochgehen wie jetzt, ängstigt mich das. Was wäre, wenn ich mich noch mal infiziere? Ich wünsche das keinem, weder Geimpften noch Ungeimpften. Wenn es vor einem Jahr schon einen verfügbaren Impfstoff gegeben hätte, hätte ich mich sofort impfen lassen, egal ob das jetzt vier oder fünf Impfungen sind oder ob man sich jedes Jahr impfen lassen muss. Das hätte alles keine Rolle gespielt, wenn ich damit mir selbst, meinen Kollegen und der Allgemeinheit hätte helfen können.

Zur Person: Joana Doderer, 41, ist seit 2006 am Universitätsklinikum Augsburg und Fachkrankenschwester für Intensiv- und Anästhesiemedizin. Ihre Ausbildung absolvierte sie in Niedersachsen.

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26.11.2021

Danke Frau Doderer für Ihre Worte und Ihre Tätigkeit in der Pflege! Ich wünsche Ihnen das Beste für sich, Ihre Gesundheit und Ihre Familie. Danke!

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26.11.2021

Was ist eigentlich aus dem vielversprechenden Versuch der Klinik Erlangen geworden, die in drei Fällen Long Covid Betroffenen so sensationell helfen konnte? https://www.fau.de/2021/08/news/wissenschaft/long-covid-medikament-hilfe-fuer-weitere-betroffene/

Gibt es da jetzt Studien? Und wenn nein, warum nicht? Frau Doderer könnte sich dort mal melden und für eine Studie zur Verfügung stellen. Wenn man unter solchen Langzeitfolgen leidet, kann man ja fast nichts verkehrt machen.

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25.11.2021

Was sagt dieses Beispiel über die Effektivität von Masken...

...eigentlich genau das, was auch wissenschaftliche Studien abseits von Laborexperimenten sagen:

"Die gepoolten Ergebnisse randomisierter Studien zeigten keine eindeutige Verringerung der respiratorischen Virusinfektion durch die Verwendung medizinischer/chirurgischer Masken während der saisonalen Influenza. Es gab keine klaren Unterschiede zwischen der Verwendung von medizinischen/chirurgischen Masken im Vergleich zu N95/P2-Atemschutzgeräten bei Mitarbeitern im Gesundheitswesen, wenn sie in der Routineversorgung zur Reduzierung von respiratorischen Virusinfektionen verwendet wurden. Händehygiene wird wahrscheinlich die Belastung durch Atemwegserkrankungen leicht reduzieren."

https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD006207.pub5/full

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25.11.2021

Herr Corona Leugner, wie erbärmlich.
Statt Mitgefühl zu zeigen, kramen Sie eine Studie zur Grippeübertragung hervor.
Was hat die saisonale Grippe mit einer weltweiten und viel ansteckenderen Corona Epidemie zu tun.

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26.11.2021

Herr Corona-Hysteriker Wolfgang S.,

wo ist ihr Mitgefühl? Ich sehe keins? Mein Mitgefühl gegenüber der Dame im Beitrag ist nicht höher oder niedriger als mein Mitgefühl gegenüber anderen, die auch nach anderen Krankheiten bzw. Infektionen noch längere Zeit mit Nachwirkungen zu tun haben (wie z. B. nach einer richtigen Influenza https://www.rnd.de/gesundheit/corona-langzeitfolgen-long-covid-aehnliche-symptome-treten-auch-nach-grippe-auf-YQPDVJU4DJDUBEE7F5GYJPUYSA.html). Es ist natürlich für jeden einzelnen tragisch, aber da ja medial ausschließlich über solche Fälle berichtet wird und nicht über Fälle, die eine C-Infektion problemlos überstanden haben (was aber die deutliche Mehrheit ist), gibt es eben auch ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Oder darf man das nicht sagen?

Was in dem Beitrag auch rauskommt: Die psychologischen Folgen sind oft gravierender, als die körperlichen. Und da ist jetzt die Frage, ob das wirklich an der Infektion liegt oder ob die Psyche aufgrund der anhaltenden Umstände (überproportionale und teilweise panikartige Berichterstattung über Corona, lockdownbedingte Kontakteinschränkungen, verzerrte Risikokommunikation und -warnehmung) nicht auf die Beine kommt. Wenn ich in mein Umfeld schaue, dann bemerke ich Müdigkeitserscheinungen, Energielosigkeit, Gereizheit usw. auch bei Personen, die bisher nicht (wissentlich) infiziert waren. Fast 2 Jahre Pandemie geht an vielen Leuten nicht spurlos vorbei - egal ob jung oder alt, ob geimpft oder ungeimpft, ob gesund oder genesen.

Sars-CoV-2 ist, wie die Influenza, ein respiratorischer Virus, insofern sind die Studien die in diesem Cochrane-Review berücksichtigt wurden, auch übertragbar. Übrigens, Cochrane-Reviews sind systematische Übersichtsarbeiten, in denen die Forschungsergebnisse zu Fragen der Gesundheitsversorgung und -politik zusammengefasst werden. Diese Reviews sind international als Qualitätsstandard in der evidenzbasierten Gesundheitsversorgung anerkannt. Es ist also nicht so, dass ich da irgendeine Studie "rausgekramt" habe. Es passt natürlich nicht zum Narrativ. Aber wer sich mit der Literatur zum Thema beschäftigt, dem wird schnell klar, dass es nicht so klar ist, wie es verkauft wird bzw. wurde. Insofern sind auch die Äußerungen zur Maskenwirksamkeit der Europäischen Seuchenschutzbehörde ECDC eher vorsichtig formuliert: https://www.ecdc.europa.eu/en/publications-data/using-face-masks-community-reducing-covid-19-transmission

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26.11.2021

Herr Lothar B.,
Was sollen Ihre ewigen Vergleiche mit der Grippe. Laut Frankfurter Rundschau liegt die aktuelle Inzidenz für Corona bei 332,5, die für die Grippe bei 0,05. So viel zum Corona Hysteriker.

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26.11.2021

@Wolfgang S. Um die Krankheitslast einzuordnen und (grundrechtseinschränkende) Maßnahmen auf Angemessenheit zu prüfen, sind Vergleiche mit anderen (edemischen) Krankheiten wichtig. Die Inzidenz einer Grippewelle kennt in Deutschland kein Mensch, weil man der Influenza nie wirklich so massiv hinterhertestet, wie das bei C19 gemacht wird. Nimmt man die Arztkonsultationen während der bis 2019/20 jährlichen Grippewellen als Anzeiger für positive Influenzafälle, dann liegt die Inzidenz in den Hochphasen einer Grippewelle bei bis zu rund 1000-2000 Arztkonsultationen pro 100.000 Einwohner und Kalenderwoche (siehe Influenza Saisonberichte vom RKI). Die Anzahl grippebedingter Hospitalisierungen beläuft sich nach Stärke der Saison zwischen 5000 und 30.000. Während der starken Grippewelle 2017/18 waren es rund 45.000, die innerhalb von 20 bis 30 Wochen hospitalisiert wurden (und auch da bereits viele Kliniken aus- und überlastet haben).

Dass die Krankheitslast von C19 ebenfalls stark exponentiell mit dem Alter steigt, dürfte Ihnen ja sicher auch klar sein. Was ist hier der Unterschied zur Influenza: Influenza sorgt bei Kindern für eine höhere Krankheitslast als C19, dafür ist die Krankheitslast und auch die Sterberate bei über 60-70jährigen bei C19 deutlich höher als bei Influenza. C19 ist - auch wenn es viele nicht akzeptieren können - größtenteils eine Krankheit der Alten (sowie stark Vorerkrankten und Dicken...). Da muss man auch nichts zusammenschwurblen, das zeigen die offiziellen RKI-Daten zur Hospitalisierung und der Sterbefälle ganz eindeutig (man braucht nur einen Blick in den aktuellen RKI-Wochenbericht werfen, Abb. 8, 9 und 14).

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26.11.2021

Herr Lothar B.,
Sie können es einfach nicht lassen, Corona und Grippe gleich zusetzen und damit Corona zu verharmlosen.
Wo ist denn eine weltweite Grippe Welle mit Millionen Toten.
Haben Sie immer noch nicht verstanden, dass es um eine weltweite Pandemie geht.
Sie tun so, als sei Corona eine Ansteckungskrankheit unter vielen.
Wer sich hier etwas zusammen schwurbelt, mag der Leser entscheiden.

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25.11.2021

Ich kann den Aussagen der Betroffenen voll nachvollziehen. Ich selbst war 7 1/2 Monate in Kliniken (3 Monate im Koma, 3 Monate Wachstation und 1 1/2 Monate auf einer „normalen Station. Und Long-COVID-19 Symptome begleiten mich jeden Tag.

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